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Pipers Welt:Warren Buffetts Erbe

Warren Buffett

Unzähligen Aktionären, großen wie kleinen, hat Warren Buffet zu Wohlstand verholfen.

(Foto: Larry W. Smith/dpa)

Überraschung für den legendären Investor: Die internationalen Finanzmärkte verlangen mehr Klimaschutz. Daran werden sich auch andere in der Finanzbranche gewöhnen müssen.

Von Nikolaus Piper

Wenn es einen netten Kapitalisten auf der Welt gibt, dann ist das Warren Buffett. Der mittlerweile 90 Jahre alte Investor aus Omaha im US-Bundesstaat Nebraska hat seit den 1960er Jahren ein Konglomerat von heute 630 Milliarden Dollar Börsenwert geschaffen. Der Börsenkurs von Berkshire Hathaway - ursprünglich der Name zweier maroder Textilfabriken in Massachusetts - ist dank Buffett um durchschnittlich 20 Prozent im Jahr gestiegen, womit der Investor den amerikanischen Aktienindex S&P 500 um Längen schlug. Unzähligen Aktionären, großen wie kleinen, hat Buffet so zu Wohlstand verholfen, viele Jobs hat er erhalten oder geschaffen, einfach dadurch, dass er sich in das Management übernommener Firmen nicht einmischte, solange diese Gewinn machten. Seine unzähligen Anhänger lieben ihn deshalb bis heute.

Die Jahreshauptversammlung von Berkshire Hathaway jeweils am ersten Maiwochenende in Omaha waren immer eine Mischung aus Familienfeier, Volksfest und Weihestunde, bei der die Fans Buffett und seinem mittlerweile 97 Jahre alten Vize Charlie Munger huldigten. Buffett selbst wurde über all dem sehr reich (96 Milliarden Dollar, wie das Magazin Forbes errechnete), aber er verpflichtete sich, 99 Prozent seines Vermögens noch zu Lebzeiten oder bei seinem Tode für gemeinnützige Zwecke zu spenden.

Aber auch in Omaha ändern sich die Zeiten. Nicht nur, dass wegen der Pandemie das Familientreffen der Buffett-Fans in diesem Jahr zum zweiten Mal virtuell stattfinden musste. Der Investor musste sich auch auf ungewohnte Weise mit den Themen Klimawandel und Nachhaltigkeit auseinandersetzen. Buffett selbst ist durchaus umweltbewusst, wie man seinen Äußerungen entnehmen kann. Einige institutionelle Investoren verlangten aber mehr: harte Informationen. Berkshire Hathaway müsse transparenter werden, was Klimarisiken und die Bezahlung der Manager betrifft.

Zum Beispiel Calpers, der mächtige Fonds, der unter anderem die Altersvorsorge kalifornischer Staatsbediensteter verwaltet, wollte deshalb einigen Vorstandsmitgliedern des Unternehmens die Zustimmung versagen. Calpers verlange, so hieß es in einem Tweet, "eine jährliche Abschätzung der technischen und transitorischen Risiken und Chancen, die mit dem Klimawandel zusammenhängen".

Die Anträge von Calpers und anderen Kritikern wurden, wie zu erwarten, überstimmt. Bemerkenswert war aber immerhin, dass sie 25 Prozent Zustimmung erreichten, was in der Konsenskultur von Omaha schon ungewöhnlich ist. Bemerkenswert ist noch mehr, dass die Einwände überhaupt vorgebracht wurden. Man kann dies als Zeichen dafür werten, dass sich auf den Finanzmärkten gerade etwas grundsätzlich ändert. Vereinfacht ausgedrückt: Anleger wollen ihr Geld grün und nachhaltig investieren, Investment-Manager brauchen entsprechende Angebote, wenn sie im Markt bleiben wollen. Solche Angebote kann es aber nur in ausreichender Zahl geben, wenn die Unternehmen transparenter werden.

Man muss also in der Bilanz erkennen können, wie klimafreundlich oder sozial verantwortlich ein Unternehmen handelt. Das Mittel dazu sind die so genannten ESG-Kriterien Environment, Social Governance (Umwelt, Soziales, gute Unternehmensführung). Investoren wollen wissen, wie umweltfreundlich, sozial verantwortlich und transparent ein Unternehmen ist, wenn sie dort investieren. Immer mehr ESG-orientierte Fonds gibt es, Nachhaltigkeit ist kein Nischenprodukt mehr, sondern eines der wichtigsten Themen auf dem Kapitalmarkt.

Finanzmärkte sind nicht über Nacht zu einem Wohltätigkeitsbasar geworden

Vielleicht muss auch die kritische Öffentlichkeit ein wenig umdenken. Für viele sind die Finanzmärkte immer noch so etwas wie der Gottseibeiuns. Der Finanzkapitalismus ist "Geldgier in Reinkultur", hieß es einmal in einer Broschüre der Gewerkschaft Verdi; die Mehrheit der Deutschen dürfte dieser Einschätzung wohl auch heute zustimmen, ebenso wie der Forderung, die Finanzmärkte so weit wie möglich zurückzudrängen. Seit es jedoch die ESG-Kriterien gibt, fördert der Gottseibeiuns plötzlich sehr effektiv den Klimaschutz.

Wohl wahr, Finanzmärkte sind nicht über Nacht zu einem Wohltätigkeitsbasar geworden. Es gibt noch jene rücksichtslosen Investoren, für die der SPD-Politiker Franz Müntefering einst den Begriff "Heuschrecken" prägte. Geldmanager wollen Gewinne sehen, genau wie ihre Kunden. Sie verlangen hohe Gebühren für ihre Arbeit. Daher ist es auch kein Zufall, dass die Kritik an Buffetts Unternehmensführung ausgerechnet jetzt laut wurde, nach einer Reihe eher mäßiger Ergebnisse von Berkshire Hathaway. Rendite bleibt wichtig, im Unterschied zu früher ist sie aber nicht mehr das einzige Kriterium.

Was in Omaha geschah, ist dabei erst der Anfang. In der EU verlangt eine Verordnung seit kurzem von Finanzmarkt-Teilnehmer, dass sie Informationen über die Nachhaltigkeit ihrer Investitionsentscheidungen offenlegen. Bei allen, die Kapital brauchen, Immobilienentwicklern und Finanzvorständen, erhöht das den Druck, mehr zu tun, damit die Emissionen von Kohlendioxid schnell sinken. Und wo die Verordnung nicht reicht, hilft die öffentliche Meinung nach: Geldanlage muss heute einfach nachhaltig sein. Das ist in der EU nicht anders als in den USA.

Klar ist, dass Dinge wie die ESG-Kriterien oder die Offenlegungsverordnung der EU den Kapitalismus transparenter und rechenhafter machen. Geschäftsmodelle, die inhärent intransparent sind, bekommen auf die Dauer ein Problem. Das gilt auch für Berkshire Hathaway, wo Warren Buffett und Charlie Munger Entscheidungen oft untereinander ausmachen. Irgend etwas muss sich ändern, wenn das Modell Bestand haben soll. Greg Abel, den Buffett jetzt zu seinem designierten Nachfolger gekürt hat, wird viel zu tun haben.

© SZ/slb
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