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Unternehmen:Virus, Wurst und VW

VW verkauft erneut mehr Currywürste als Autos

In einer Reihe mit Querlenkern und Mittelschalldämpfern: VW vermarktet seine Currywürste als Originalteile.

(Foto: Julian Stratenschulte/dpa)

Die Currywurst ist Identitätsstifter bei VW. Seit Monaten gab es sie nur noch einmal die Woche. Das rief den mächtigen Betriebsrat auf den Plan.

Von Stephan Radomsky

Dieses Geräusch, satt schmatzend. Diese Kraftentfaltung, scharf zu Beginn, dann aber ganz sanft im Abgang. Keine Frage, das geht nicht mit irgendeinem billigen Ersatz, das bekommt man so nur mit einem Originalteil hin, mit Nummer 199 398 500 A, um genau zu sein.

Mit der steht die Currywurst aus dem Hause Volkswagen sogar im konzerneigenen Katalog, jeder Fachhändler kann sie ordern. Doch ausgerechnet die VW-Werke, in deren Kantinen die Teile aus unternehmenseigener Wurstproduktion seit Jahrzehnten in Millionen-Stückzahlen über die Tresen gehen, litten zuletzt unter mangelhafter Wurstversorgung. Nur noch einmal die Woche lagen die Originalteile zuletzt in den Kantinen bereit. Schuld war mal wieder, was sonst, das Coronavirus - oder besser gesagt: der Schutz vor selbigem.

Das Problem: Bis zum Frühjahr gab es die Currywurst in den VW-Kantinen täglich bereits ab dem Vormittag an Selbstbedienungsstationen, zusätzlich zum Speiseplan. Die Mitarbeiter holten sich die Wurst selbst aus Warmhaltewannen. Weil mit der dafür bereitgelegten Grillzange aber nicht nur das Essen auf den Teller wandert, sondern womöglich auch das Virus von Hand zu Hand, wurde das Angebot gestrichen. Seitdem gab es die Wurst nur noch dienstags, am "Currywurst-Tag", im Hauptprogramm des Kantinenspeiseplans. Seitdem knurren offenbar nicht nur Mägen, sondern auch große Teile des Personals.

In Halle 54 gibt's die Wurst jetzt wieder täglich. Das hat der Betriebsrat erreicht

Einst sogar aus Schweinen eigener Zucht hergestellt, werden die Currywürste bis heute in der konzerneigenen Schlachterei produziert, jede einzelne ein "Volkswagen Originalteil", so steht es auf dem Darm. Allein vergangenes Jahr waren es an die sieben Millionen Stück. Die Wurst ist Grundnahrungsmittel und Identitätsstifter durch alle Hierarchieebenen - und ein nicht zu unterschätzendes Politikum. Als vor gut zwei Jahren der Zulieferer des Curryketchups wechselte, beklagten Mitarbeiter, dass ihre Wurst nicht mehr so schmecke, wie sie sollte. Sogar der damalige Gastronomiechef von VW musste sich in der Folge öffentlich zum "Ketchup-Gate" erklären.

Nun also ein vormittäglicher Currywurst-Entzug. Das war offenbar zu viel, vor allem für die Mitarbeiter in Halle 54 des Wolfsburger Werks, wo vor allem der Golf vom Band läuft. Hier und in einigen anderen Betriebsrestaurants gibt es die Currywurst - nach dem Eingreifen der Arbeitnehmervertreter - jetzt wieder täglich, ganz coronakonform ausgereicht von kulinarischem Fachpersonal. Mehrarbeit entstehe dadurch nicht, heißt es vom Betriebsrat gleich dazu. Schließlich ordere, wer zur Currywurst greift, in der Regel kein anderes Hauptgericht. Das Modell, so die Forderung, solle deshalb bitteschön schnellstmöglich auch in anderen Kantinen ausgerollt werden.

Die 30 Mitarbeiter in der Fleischerei dürfte es freuen. Genau wie in der Autoproduktion leiden sie schließlich seit Monaten unter einer Absatzschwäche. Längst werden die meisten VW-Currywürste nicht mehr in den Montagehallen verzehrt, sondern draußen, zum Beispiel bei den Heimspielen des VfL Wolfsburg. Die aber finden ja ohne Publikum statt. Die einzigen, die es vielleicht freut, sind die Schweine.

© SZ
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