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Lauschaktion bei Volkswagen:Von einer Affäre zur nächsten

Illustration: Stefan Dimitrov

In der Konzernzentrale wurden heimlich Treffen mitgeschnitten, bei denen es um einen missliebigen Zulieferer ging. Unklar ist, wer mithörte.

Von Max Hägler und Klaus Ott

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig ist gut beschäftigt mit dem VW-Konzern aus dem benachbarten Wolfsburg. In der Abgasaffäre liegen zwei Anklagen gegen den langjährigen Vorstandschef Martin Winterkorn wegen Betrugsverdacht vor. Die Ermittlungen sind noch längst nicht abgeschlossen, doch jetzt zeichnet sich bereits das nächste Verfahren ab. Nach Angaben des Wirtschaftsmagazins Business Insider wurden in der Wolfsburger Konzernzentrale von Volkswagen Strategiesitzungen heimlich mitgeschnitten, bei denen es darum gegangen sei, wie man einen missliebigen Zulieferer loswerden könne, die Prevent-Gruppe.

Die betreffenden Audio-Dateien sollen fast 50 Stunden lang sein. Aus ihnen geht nach Angaben des Magazins hervor, dass VW-Manager sogar überlegten, Altkanzler Gerhard Schröder einzuschalten. Schröder solle doch seine Nähe zu Wladimir Putin nutzen, um Prevent den Geldhahn in Russland abzudrehen. Diese Idee und auch andere Überlegungen sind nach Angaben von Volkswagen nicht verwirklicht worden. Wer Volkswagen aus welchem Grund bespitzelt hat und wie das genau geschah, ist bislang völlig schleierhaft. Klar sein dürfte hingegen, dass es sich um eine illegale Aktion gehandelt hat. Heimliches Mitschneiden von Gesprächen wird mit bis zu drei Jahren Gefängnis bestraft.

Volkswagen hat nach Angaben eines Konzernsprechers bislang keine Strafanzeige gestellt. Man gehe aber davon aus, dass ein Ermittlungsverfahren eingeleitet werde und bereite Informationen für die Staatsanwaltschaft vor. Die Konzernrevision untersuche den Fall bereits, man habe größtes Interesse an der Klärung. Wie der Sprecher weiter erklärte, handelt es sich um "authentisches Material", die Mitschnitte seien echt. Es seien keine offiziellen Mitschnitte dieser Treffen. VW habe erst durch eine Anfrage von Business Insider von der Lauschaktion erfahren.

Der Streit zwischen Prevent und VW führt in eine Branche, in der mit harten Bandagen um Aufträge und Preise gekämpft wird. Autohersteller wie Volkswagen, Daimler und BMW beziehen zahlreiche Teile wie beispielsweise Sitze von mittelständischen Firmen. Diese Zulieferer sehen sich seit Jahrzehnten einem teilweise großen Druck der Autokonzerne ausgesetzt. Die gelieferten Teile sollen möglichst gut, aber auch möglichst billig sein. Fast alle Mittelständler arrangieren sich mit den Herstellern. Nicht so Prevent. Die Unternehmensgruppe, die von der Familie Hastor betrieben wird, legte 2016 mehrere große VW-Werke lahm.

Weil die Hastors sich damals von Volkswagen getäuscht und hintergangen fühlten, stellten zwei Firmen der Prevent-Gruppe die Lieferung von Getriebeteilen und Sitzbezügen an den Konzern ein. Das hatte sich bis dahin und auch später kein anderer Mittelständler getraut. Aus Sicht von Volkswagen war der Lieferstreik rechtswidrig; der Konzern kündigte später alle Aufträge, die mit der Prevent-Gruppe noch bestanden. Daraufhin reichte die Unternehmensgruppe beim Landgericht in Frankfurt eine umfangreiche Schadenersatzklage gegen VW ein. In Prevent-Kreisen ist von ein- bis eineinhalb Milliarden Euro die Rede, die man von dem Wolfsburger Konzern haben wolle.

Das Verfahren in Frankfurt läuft noch. Es ist nicht das einzige dieser Art. Das Landgericht Stuttgart verhandelt an diesem Donnerstag über eine Schadenersatzklage von Prevent gegen Daimler in Höhe von 42 Millionen Euro. Die Hastors gelten im Kreise der Autokonzerne als schwer berechenbare Geschäftspartner, die mitunter zu unlauteren Mitteln griffen. Die Hastors sehen das umgekehrt genauso. Die Zeiten, in denen die Prevent-Betreiber von Volkswagen als "Zulieferer des Jahres" ausgezeichnet wurden, sind lange vorbei. Längst herrscht nur noch Streit. Und der wird nun auch noch von der höchstwahrscheinlich illegalen Abhöraktion überlagert.

"Offenbar jedes Mittel recht"

Aus dem Umfeld von Prevent heißt es, man habe davon nichts gewusst und habe damit nichts zu tun. Offiziell zeigte sich die Unternehmensgruppe "erschüttert" darüber, dass VW einen Arbeitskreis installiert habe, um Prevent loszuwerden. Das zeige, "dass den Verantwortlichen bei Volkswagen offenbar jedes Mittel recht war, um unabhängige Zulieferer auszuschalten". Dieses Gremium mit dem Titel "Projekt 1" hatte in den Jahren 2017 und 2018 getagt, mit etwa 15 Teilnehmern.

Diese Sitzungen waren es, die nach Angaben von Business Insider heimlich mitgeschnitten wurden. Mit der Aktion gegen Prevent sei auch Ralf Brandstätter befasst gewesen. Er stieg im Konzern, der zahlreiche Modelle von Audi bis Seat umfasst, kürzlich zum Chef der Marke VW auf. Das ist einer der einflussreichsten Posten in Wolfsburg. In der Konzernzentrale heißt es, Brandstätter habe nichts Unrechtes getan. Es sei ganz normal gewesen, sich darüber Gedanken zu machen, wie Volkswagen sich von der Prevent-Gruppe trennen könne. Deren Lieferstreik habe etliche Millionen Euro gekostet, viele Beschäftigte hätten notgedrungen in Kurzarbeit gehen müssen. Nicht der Inhalt der vertraulichen Gespräche über Prevent sei der Skandal, sondern das heimliche Mitschneiden.

Wer da warum gelauscht hat, ob ein VW-Beschäftigter oder jemand von außen; ob aus eigenem Antrieb oder im Auftrag von wem auch immer ist offen. Gesichert dürfte derzeit nur eine Erkenntnis sein: Von einer Affäre zur nächsten dauert es nicht lange bei diesem Industriekonzern.

© SZ vom 27.07.2020/ick
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