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Rüstungsindustrie:VW bekennt sich im Streit um Frankreichs Atom-U-Boote

Kern der französischen Militärmacht: Ein Atom-U-Boot der Barracuda-Klasse - mit VW-Notstromaggregat.

(Foto: AFP)

Der Konzern gibt der Regierung in Paris nach - die hatte VW ein Ultimatum gesetzt. In dem Zwist kollidieren die verteidigungspolitischen Interessen Frankreichs mit den betriebswirtschaftlichen Interessen Volkswagens.

Von Max Hägler und Leo Klimm, Paris

Der Streit wirkt kurios und ist doch bitter ernst. Er dreht sich um den deutschen Industrieriesen Volkswagen und um französische Atom-U-Boote. Um Frankreichs Verteidigungsfähigkeit und um Jobs. Nun gibt der Volkswagen-Konzern, dessen Strategie in diesem Zwist bislang aus Schweigen bestanden hatte, dem massiven Druck der französischen Regierung nach: Er gibt ein Bekenntnis ab.

Das Unternehmen stehe "vollumfänglich zu den Verpflichtungen" seiner Tochter MAN Energy Solutions (MAN ES) zum Bau von Dieselmotoren für französische U-Boote, erklärt ein Volkswagen-Sprecher der Süddeutschen Zeitung: "Die Verträge werden eingehalten. Die Sorgen und Befürchtungen der französischen Regierung nehmen wir ernst, sie sind aber völlig unbegründet."

Die Sorge der Regierung in Paris, das ist die Sorge davor, die VW-Tochter MAN ES könnte die Produktion der U-Boot-Motoren in der Atlantikstadt Saint-Nazaire stoppen. Doch ohne diese Notfall-Motoren fahren die nuklearbetriebenen U-Boote Frankreichs nicht. Auch seine vielen Atomkraftwerke sind auf die Notstromaggregate des MAN-Werks Saint-Nazaire angewiesen.

Die Franzosen fühlen sich hingehalten

Erst nachdem die französische Regierung den Streit eskalieren ließ, erhält sie nun die gewünschte Zusicherung aus der Konzernzentrale in Wolfsburg. Lange fühlte man sich in Paris hingehalten. Schließlich adressierte Finanz- und Wirtschaftsminister Bruno Le Maire vor wenigen Tagen einen Mahnbrief, in dem er der VW-Führung um Herbert Diess eine Frist setzte: Bis diesen Montag verlangt Le Maire einen Plan, wie die VW-Tochter MAN Energy Solutions ihre rechtlichen Pflichten gegenüber der französischen Marine erfüllt, berichten Pariser Medien. Der deutsche Zulieferer könne, so die Botschaft des Briefs, keineswegs frei über das Werk in Saint-Nazaire entscheiden.

"Der Brief wird natürlich beantwortet", sagt nun der Volkswagen-Sprecher. MAN-ES-Chef Uwe Lauber wird an diesem Montag gemeinsam mit Jens Hanefeld, eine Art Chefdiplomat von Volkswagen, eine versichernde Antwort an Le Maire formulieren. Auch die Konzernspitze sei damit befasst, heißt es.

Nach französischer Darstellung hatte MAN ES im Herbst 2019 angekündigt, die Produktion von Dieselantrieben für U-Boote einzustellen. Das gehe auf "eine missverständliche Formulierung" zurück, heißt es dazu bei dem VW-Ableger. Dennoch ist man seitdem in Frankreich alarmiert. Das Verteidigungsministerium wittert einen Bruch der Garantien, die Volkswagen 2011 abgegeben habe, als der Konzern MAN übernahm. Minister Le Maire wiederum stellt sogar die Drohung in den Raum, er könnte Volkswagen mit Rückgriff auf einschlägige Gesetze zum Verkauf der Motorenfabrik in Saint-Nazaire zwingen.

Betriebswirtschaftliche versus Verteidigungsinteressen

In dem Streit kollidieren die verteidigungspolitischen Interessen Frankreichs mit den betriebswirtschaftlichen Interessen Volkswagens. Weil man bei VW schon länger unzufrieden ist mit der Rendite von MAN Energy Solutions, wollten die Konzernmanager die Tochter ursprünglich verkaufen. Das Augsburger Unternehmen, in dem Rudolf Diesel einst den nach ihm benannten Motor entwickelte, sollte abgestoßen werden. Doch das ist schwieriger als gedacht, nicht zuletzt, weil Staatsaufträge aus zahlreichen Ländern die Freiheit des Managements beschränken und der Betriebsrat von einem neuen Käufer Job-Garantien verlangt. Volkswagen legte die Verkaufspläne daher auf Eis; im Gegenzug muss sich MAN Energy Solutions jetzt aber einem harten Sparplan unterziehen: Weltweit entfallen 2600 Arbeitsplätze. Am Standort Saint-Nazaire sollen 75 der 650 Beschäftigten gehen.

In seinem Mahnbrief an die Konzernmutter Volkswagen warnt Le Maire, das Unternehmen dürfe im Zusammenhang mit dem Sparprogramm keinerlei Entscheidung fällen, die zur Verletzung der vertraglichen Pflichten gegenüber Frankreich führe. Diese Pflichten umfassen im Wesentlichen, Produktion und Wartung von Bauteilen für Kriegsschiffe auf französischem Boden zu erhalten. Le Maire verlangt außerdem, über jegliche Pläne informiert zu werden, die eine mögliche Verlagerung von Produktionsprozessen umfassen. Denn die Gewerkschaften in Saint-Nazaire verdächtigen die Firmenleitung, sie wolle Teile der Fertigung abziehen. Das Verteidigungsministerium wiederum fürchtet um den Bau und die dauerhafte Wartung von Dieselmotoren für U-Boote der Barracuda-Klasse. Diese Tauchboote, die vom Pariser Staatskonzern Naval Group gebaut werden, sollen nach aktueller Planung bis zum Jahr 2060 im Einsatz sein.

Drohung mit strafrechtlichen Folgen

Schon Mitte Januar hatte MAN Energy Solutions dementiert, das Unternehmen wolle die Diesel-Fertigung am französischen Atlantik herunterfahren. "Der geplante Stellenabbau hat keinen Effekt auf die Produktion von Dieselmotoren für U-Boote in Saint-Nazaire", sagte ein Sprecher. Diese Zusicherung der VW-Tochter reichte allerdings nicht, um die Sorgen zu zerstreuen. Frankreichs Regierung verlangt Bestandsgarantien von ganz oben - von der VW-Spitze. Und für den Fall, dass die Verantwortlichen in Wolfsburg ihre Zusagen nicht ernst meinen sollten, platziert Le Maire in seinem Brief vorsorglich eine weitere Drohung: Verstöße gegen Frankreichs strenge Regeln für Auslandsinvestitionen können strafrechtliche Folgen haben.

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