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Volkswagen:Atomarer Stunk

Ein Atom-U-Boot im Hafen von Toulon. Frankreichs Marine hängt vom deutschen Motorenlieferanten MAN ab.

(Foto: Nicolas Tucat/AFP)

Die Volkswagen-Tochter MAN zieht sich den Zorn der französischen Regierung zu. In dem Streit geht es um U-Boote, nukleare Abschreckung - und um das Erbe eines deutschen Ingenieurs, der erst den Nazis diente, dann den Franzosen.

Von Leo Klimm, Paris

Bruno Le Maire hat Gesprächsbedarf, dringenden sogar. Es geht um Volkswagen. Es gibt Ärger wegen Dieselmotoren - wegen Schiffsdieseln der Konzerntochter MAN diesmal. "Wir sind in Diskussionen mit Volkswagen eingestiegen", sagt Frankreichs Finanz- und Wirtschaftsminister.

Die Regierung in Paris ist alarmiert. Sie argwöhnt, dass MAN die Schiffsmotoren-Produktion im Werk Saint-Nazaire an der französischen Atlantikküste herunterfahren will. "Die Volkswagen-Gruppe ist an die Verpflichtung gebunden, seine Verteidigungsaktivitäten auf französischem Boden aufrecht zu erhalten", sagt der Minister deshalb gestreng. Seine Sorge gilt nicht irgendwelchen Schiffsantrieben. Es geht hier um Atom-U-Boote der französischen Marine. Zur Not, lässt Le Maire unwidersprochen in Pariser Medien streuen, könnte Frankreich Volkswagen sogar zwingen, Saint-Nazaire zu verkaufen.

Ohne deutsche Motoren keine französischen U-Boote

Die Sache ist hochsensibel. Die MAN-Dieselmotoren werden in den Tauchbooten als Notbehelf gebraucht, falls der Atomantrieb versagt. Ohne sie fahren die Atom-U-Boote nicht. Dann wäre Frankreich nur bedingt verteidigungsbereit und seine nukleare Abschreckung eingeschränkt.

Genährt werden die Befürchtungen Le Maires nicht zuletzt durch die Ankündigung eines massiven Stellenabbaus bei MAN. Die Sparte Energy Solutions mit Sitz in Augsburg streicht auf Volkswagens Druck hin weltweit 2600 Arbeitsplätze. Manche davon in Saint-Nazaire, einem Werk, das früher einmal unter der Marke Pielstick firmierte. "Pielstick" - dieser Name hat im Maschinenbau besonderen Klang. Er steht für superstarke Dieselmotoren. Er klingt auch ziemlich deutsch.

Tatsächlich verbirgt sich hinter dem deutsch-französischen Streit des Jahres 2021 eine andere, ältere deutsch-französische Geschichte: die wunderliche Lebensgeschichte des Ingenieurs Gustav Pielstick, der erst den Nationalsozialisten diente - und dann den Franzosen. Das macht die Sache jetzt noch heikler.

Gustav Pielstick macht nahtlos in Frankreich weiter

Pielstick, 1890 in Ostfriesland geboren, konstruierte schon im Ersten Weltkrieg U-Bootmotoren, bei MAN in Augsburg. Später plante er die Maschinenanlagen für die Panzerschiffe "Deutschland" und "Graf Spree". Unter den Nazis stieg er zum Chef der MAN-Dieselabteilung auf und baute Großmotoren, die den globalen U-Boot-Krieg erst ermöglichten.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs bedeutete keineswegs das Karriereende des wendigen Pielsticks. Zwar durfte er auf Anordnung des US-Militärs nicht mehr für MAN arbeiten. Frankreich allerdings wollte sich das Können des deutschen Ingenieurs sehr gern zunutze machen: Es richtete ihm schon 1946 ein Konstruktionsbüro ein, mit dem er die Motorenfertigung in Saint-Nazaire aufbaute. Bis wenige Jahre vor seinem Tod 1961 entwickelte Pielstick unter seinem Namen, der zur Marke geworden war, erfolgreich Motoren für Kriegsschiffe. Nur eben für französische. Später weitete das Unternehmen seinen Kundenkreis aus, belieferte Flotten von mehr als 70 Staaten und stattete auch Kreuzfahrtschiffe aus. Seit 1998 steht die Firma, zwischenzeitlich in Besitz des Pariser Alstom-Konzerns, unter Kontrolle von MAN. So schließt sich der Kreis.

Der Streit um Gustav Pielsticks Erbe, den Frankreich, MAN und Volkswagen jetzt führen, ist voller trickreicher Manöver. Alle taktieren, niemand attackiert offen. Unter Verweis auf Vertraulichkeitsklauseln offenbart keine der Parteien, welche Bestandsgarantien genau Volkswagen gegenüber Frankreich abgegeben hat, als der Konzern 2011 MAN übernahm. Darauf bezieht sich Le Maire nun aber. Im Wesentlichen geht es darum, dass MAN die für Frankreich strategische Produktion und Wartung von Bauteilen für Kriegsschiffe im Land erhalten muss.

Der Minister kann MAN zum Verkauf zwingen

Schon im Herbst 2019 jedoch soll MAN nach Informationen der Pariser Zeitung Les Echos dem französischen Verteidigungsministerium mitgeteilt haben, die Fertigung genau dieser Motoren in Saint-Nazaire aufzugeben. Weil auf einen anschließenden Mahnbrief des Verteidigungsministeriums keine befriedigende Antwort aus Augsburg gekommen sei, schalte sich nun Le Maire ein. Der Finanzminister überwacht Auslandsinvestitionen - und könnte MAN im Extremfall zum Verkauf zwingen. Le Maire selbst berichtet, er sei von den Gewerkschaften des Betriebs über mögliche Verstöße der Deutschen gegen die Zusagen aus dem Jahr 2011 informiert worden.

Bei der Volkswagen-Tochter zeigt man sich überrascht. Und dementiert. Am Standort Saint-Nazaire könnten zwar 75 von insgesamt 650 Mitarbeitern im Rahmen des Sparprogramms ihren Job verlieren, sagt ein Sprecher. Aber: "Der geplante Stellenabbau hat keinen Effekt auf die Produktion von Dieselmotoren für U-Boote in Saint-Nazaire." Schon gar nicht will man sich Pflichtverletzung vorwerfen lassen. MAN stehe zu seinen - im Detail ja geheimen - Zusagen an Frankreich. Unstrittig ist, dass das Unternehmen noch Diesel-Notmotoren für drei von insgesamt sechs Atom-U-Booten der französischen Barracuda-Klasse schuldig ist. Diese Motoren würden auf jeden Fall gebaut, versichert MAN.

Politischer Wunsch und wirtschaftliche Zwänge

In dem Streit geht es auch um ein Zukunftsprojekt: Die französische Regierung plant schon die nächste Generation an Atom-U-Booten. Auch dafür wünscht sie eigentlich Dieselaggregate aus Saint-Nazaire. Doch MAN will die Entwicklungskosten für dieses abermalige Nischenprodukt auf das Pariser Verteidigungsministerium abwälzen. Das sorgt dort für Empörung. Das deutsche Unternehmen teilt mit, es müsse eben darauf achten, nur betriebswirtschaftlich sinnvolle Projekte zu verfolgen.

So betrachtet, erscheint der heftige Streit zwischen Frankreich und den deutschen Industriepartnern in einem neuen Licht. Ein bisschen so, als sei er nur Teil einer etwas robust geführten Preisverhandlung. Wie leicht deutsch-französische Gegnerschaft zu überwinden ist, hat Gustav Pielstick einst als einer der ersten demonstriert.

© SZ
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