Verpackungen Aus den Papiertonnen verschwindet das Papier

Kaum Papier, dafür umso mehr Kartons: So finden viele Entsorger die blauen Mülltonnen vor.

(Foto: dpa)
  • In Papiertonnen landen deutlich mehr Verpackungsabfälle als bislang angenommen.
  • Ihr Anteil am Gewicht des Altpapiers beträgt zwischen 29 und 34 Prozent, am Volumen sogar zwischen 64 und 71 Prozent.
  • Für Papiermüll und Verpackungen sind in Deutschland jedoch zwei unterschiedliche Systeme zuständig - das birgt Konflikte.
Von Vivien Timmler

Der Blick in die Tonne offenbart zwei Gewissheiten: Der Deutsche liest nicht mehr so viel Gedrucktes, zumindest was Zeitungen und Zeitschriften angeht. Und er bestellt eine Menge Zeug im Internet und lässt es sich nach Hause liefern. Bis zu elf Millionen Pakete waren es in der Weihnachtszeit allein bei der Deutschen Post - pro Tag.

Beide Tendenzen scheinen auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun zu haben, und doch haben sie eines gemeinsam: Sie beeinflussen, was alles in den Papiertonnen der Republik landet. Und deren Inhalt hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert.

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Der Anteil von Verpackungen am Altpapier macht mittlerweile je nach Region zwischen 29 und 34 Prozent des Gesamtgewichts aus. Das zeigt eine Erhebung des Instituts für Abfall- und Abwasserwirtschaft Infa im Auftrag des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU), der auch die städtischen Entsorger vertritt. Bisher ging man lediglich von einem Verpackungsanteil von etwa 15 Prozent aus. Und berechnet man den Anteil nicht nach Gewicht, sondern nach Volumen in der Papiertonne, machen Kartons sogar zwischen 64 und 71 Prozent aus. Der Grund: Viele Verbraucher werfen die Verpackungen so in die Papiertonne, wie sie bei ihnen zu Hause ankommen: im Ganzen und ohne zerrissen oder zumindest zusammengefaltet zu werden. Die Tonne ist anschließend schneller voll, was auf Seiten der Nachbarn zu Frust führt - und auf Seiten der Recycler zu weniger Material.

Für die kommunalen Entsorgungsunternehmen hat das auch finanzielle Folgen. Die Abfallwirtschaft ist in Deutschland zum Teil in privater Hand. Die Firmen in den Gemeinden sind eigentlich nur für die Entsorgung von Zeitungen, Zeitschriften und sonstigem Papierabfall verantwortlich. Alle Arten von Verpackungen, also auch die aus Pappe, fallen in den Bereich der sogenannten Dualen Systeme, die sich auch um den gelben Sack oder die gelbe Tonne kümmern - eigentlich.

Denn die Kartons landen trotzdem erst einmal in den je nach Region andersfarbigen Papiertonnen. Die Kosten für die Entsorgung sollen Kommunen und duale Systeme unter sich aufteilen. So will es auch das neue Verpackungsgesetz, das zum 1. Januar in Kraft getreten ist. "Bisher zahlen die dualen Systembetreiber im Durchschnitt nur 15 bis 20 Prozent - viel zu wenig also in Anbetracht des enorm gestiegenen Verpackungsanteils", sagt VKU-Vizepräsident Patrick Hasenkamp.

Verbraucher zahlen für die Papierentsorgung doppelt

Hinzu kommt: Der Konsument finanziert derzeit die Abholung von Papier, Pappe und Karton quasi doppelt. Einerseits zahlt er für die kommunale Entsorgung seines Haushaltsabfalls. Gleichzeitig müssen alle Hersteller, die Verpackungen in den Umlauf bringen, dafür Lizenzgebühren an die Dualen Systeme zahlen - und geben das direkt an ihre Kunden weiter. Auf jedes verpackte Produkt, egal ob es an der Ladentheke oder im Internet erworben wird, zahlt der Käufer eine kleine Summe drauf, dementsprechend auch auf Pappkartons.

Die Einzigen, die mit der neuen Zusammensetzung des Papiermülls kein Problem haben, sind die Recyclingunternehmen. Sie haben der deutschen Papierindustrie 2016 etwa 16,9 Millionen Tonnen Altpapier geliefert. Das entspricht 75 Prozent der gesamten Papierproduktion. Ob der Anteil an Kartons größer oder kleiner wird, ist für sie unerheblich. Probleme bekommen sie eher, wenn Dinge in der Papiertonne entsorgt werden, von denen der Mensch fälschlicherweise annimmt, dass sie hineingehören. Dazu zählen etwa Servietten, Küchenkrepp, Fotos, aber auch Kleinst-Papierartikel wie die Klebezettel: Der Kleber lässt sich durch Wasser nicht lösen und verunreinigt daher das Altpapier-Gemisch. Gleiches gilt für einen Großteil der Kassenzettel, Kontoauszüge und Fahrkarten: Sie werden in der Regel auf sogenanntes Thermopapier gedruckt, das mit der umstrittenen Chemikalie Bisphenol beschichtet ist. Sie steht im Verdacht, den Hormonhaushalt des Menschen zu beeinflussen - und verringert ebenfalls die Reinheit des recycelten Altpapiers.

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