Versandhandel Was es mit der Vernichtung von Retouren auf sich hat

Nach Berechnungen der Universität Bamberg werden vier Prozent der Retouren von den Onlinehändlern entsorgt.

(Foto: Patrick Semansky / dpa)

Das Umweltministerium will die Zerstörung von zurückgeschickter Neuware verbieten. Doch was steckt dahinter? Welche Alternativen gibt es? Und wo liegt das wahre Problem?

Von Michael Kläsgen

Die Grünen wollen Onlinehändlern verbieten, zurückgeschickte Neuware zu vernichten. Das Bundesumweltministerium unter der Führung von Svenja Schulze (SPD) will nun "zeitnah" einen entsprechenden Gesetzentwurf vorlegen, der offenbar Ähnliches vorsieht. Der Bundesverband E-Commerce und Versandhandel (BEVH) hält das Vorhaben für "Unfug". "Kein Unternehmen meiner Branche hat ein Interesse, wirtschaftlich sinnvoll verwertbare Ware wegzuwerfen oder zu vernichten", sagte Verbandspräsident Gero Furchheim. Die Fakten:

Was wird vernichtet?

Es gibt keine offizielle Positivliste. Kein Onlinehändler gibt bekannt, was genau er entsorgt hat. Nach Aussage von Mitarbeitern mancher E-Commerce-Anbieter wird aber in so gut wie allen Produktgruppen aussortiert: Kühlschränke, Wasch- und Spülmaschinen, Handys, Tablets, Matratzen und Möbel. Laut einer Studie des Kölner Handelsforschungsinstituts EHI vom Mai 2019 kann man Rückschlüsse auf die Sortimente ziehen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit auf dem Müll landen. Medizin-, Gesundheits- und Wellnessprodukte fallen darunter, Drogerie- und Parfümerieartikel, ebenso Nahrungs- und Genussmittel. In diesen Bereichen sind die Retouren allerdings besonders gering. Bei Bekleidung sind sie besonders hoch, weshalb auch dort Artikel verbrannt werden. Entsorgungsgefährdet sind auch individualisierte Artikel und Produktfälschungen.

Warum?

Der überwiegende Grund ist laut EHI-Forschungsinstitut, dass die jeweiligen Artikel in der Qualität so sehr beeinträchtigt sind, dass die Aufbereitung nicht möglich oder zu aufwendig ist; also betriebswirtschaftliche Motive. Das EHI befragte dazu knapp 100 Onlinehändler in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit einem gesamten Umsatzvolumen von mehr als zehn Milliarden Euro. Weiterere wichtige Gründe sind: Manche Produkte dürfen aufgrund von Hygiene- und Sicherheitsvorschriften nicht wiedervermarktet werden. Pflanzen können verwelken, Lebensmittel verderben. Auch Tafeln nehmen sie nach Auskunft eines Edeka-Händlers nach drei Tagen nicht mehr an. Bei besonders hochwertiger Ware kann ein Grund sein, dass Händler und Hersteller sicherstellen müssen, dass keine Gebrauchsspuren zu finden sind und die Funktion nicht beeinträchtigt ist.

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Wie viel wird entsorgt?

Nach Erkenntnis der Universität Bamberg landen rund vier Prozent der zurückgesendeten Artikel im Müll. Die Zahl lässt sich nicht verifizieren. Nicht inbegriffen ist zudem die Vernichtung von Artikeln, die gar nicht verkauft wurden, darauf weist das Berliner Ökoinstitut hin: Saisonartikel aus der Bekleidungsindustrie, Unterhaltungselektronik oder Kommunikationstechnik wie Smartphones, Spielekonsolen, für die es ein neueres Modell gibt, werden nach einer bestimmten Zeit "ausgeschleust". Auch bei Möbeln und Einrichtungsgegenständen kann das so sein.

Was wird wiederverkauft?

Bei Bekleidung ist laut EHI die Rücksendequote mit durchschnittlich fast 40 Prozent besonders hoch, anderen Angaben zufolge liegt sie noch höher. Aber Kleidungsstücke gehören auch mit 82 Prozent zu dem Segment mit dem höchsten Anteil an Weiterverkäufen als A-Ware. Durchschnittlich können der Studie zufolge etwa 70 Prozent der retournierten Artikel als A-Ware für den Kundenversand wiederverwendet werden. Retouren, die sich auch nach der Aufbereitung nicht mehr als A-Ware vermarkten lassen, gelangen bei gut der Hälfte der Unternehmen in die Zweitvermarktung als B-Ware, bei gut einem Drittel in den Verkauf über Outlets. Für die aussortierte, aber noch verkäufliche B-Ware haben viele Händler eine Resterampe geschaffen, auch Amazon, der größte Onlinehändler Deutschlands. Sogenannte Reseller, Online-Anbieter wie Momox oder Rebuy, haben dank der Restposten ein eigenes Geschäft entwickelt.

Was sind Alternativen?

Spenden zum Beispiel ist eine Möglichkeit und offenbar auch die vom Bundesumweltministerium präferierte Alternative. Etwa ein Viertel der vom EHI Befragten spendet nach eigenen Angaben an gemeinnützige Organisationen oder schickt die Ware an die Lieferanten zurück und stellt sie für den Personalverkauf zur Verfügung. Allerdings wendet ein Händler ein: Je mehr gespendet beziehungsweise verschenkt wird, umso größer das Risiko für Händler und Hersteller, sich den Markt kaputtzumachen. Wenn keine dieser Optionen möglich ist, gibt knapp die Hälfte der befragten Onlinehändler nicht mehr verwendbare Artikel in die Entsorgung oder ins Recycling. Das sogenannte Refurbishing wäre eine weitere Alternative: die professionelle Wiederaufbereitung gebrauchter Produkte.

Was kosten Retouren und deren Vernichtung?

Für den Verbraucher sind Retouren in der Regel kostenlos, dennoch ist der Retourenversand kostspielig, ebenso wie das weitere Handling, die Bearbeitung und auch die Entsorgung - die Belastung für die Umwelt in Form von Transport und CO₂-Emissionen bei der Verbrennung nicht inbegriffen. Sämtliche Kosten trägt im Prinzip der Onlinehändler, die reinen Retourenkosten fallen höchst unterschiedlich aus. Sie schwanken zwischen 2,50 Euro, liegen aber auch mal bei mehr als 50 Euro. Im Schnitt liegen sie bei etwa zehn Euro, ohne Entsorgung. Bei Bekleidung sind Retouren relativ günstig, bei Baustoffen, Sicherheitstechnik und Tresoren besonders teuer.

Wie lässt sich die Vernichtung verhindern?

Die Grünen setzen auf ein Verbot, die Bundesregierung könnte sich dem Vorschlag anschließen. Künstliche Intelligenz könnte helfen, die Artikel so darzustellen, dass ihre Beschaffenheit eindeutiger ist. Das Berliner Öko-Institut empfiehlt, die Kunden an den Kosten der Retouren zu beteiligen, um die Menge zu reduzieren. Viele Onlinehändler sperren die Konten mancher Kunden, die nachweislich immer wieder beschädigte Ware zurückschicken.

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