Luftfahrt:US-Airlines gehen die Piloten aus

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Luftfahrt: Die Sitze im Cockpit von US-Fluggesellschaften wie Jet-Blue sind immer schwieriger zu besetzen.

Die Sitze im Cockpit von US-Fluggesellschaften wie Jet-Blue sind immer schwieriger zu besetzen.

(Foto: Seth Wenig/AP)

In diesem Jahr wollen die amerikanischen Fluggesellschaften eigentlich 13 000 neue Piloten einstellen. Doch die sind schwer zu finden.

Von Jens Flottau, Frankfurt

Der vergangene Montag war kein guter Tag für Robin Hayes. Der Chef der amerikanischen Fluggesellschaft Jet-Blue bekam einen Brief des Verwaltungsrates der Billigfluggesellschaft Spirit Airlines. Darin wies Spirit ein Übernahmeangebot von Jet-Blue zurück - obwohl es finanziell äußerst attraktiv war. Das Gremium begründete die Entscheidung damit, dass die amerikanischen Wettbewerbsbehörden das Geschäft höchstwahrscheinlich sowieso ablehnen würden, das Risiko für die Investoren sei also nicht vertretbar.

Die Absage ist für Hayes aus mehreren Gründen misslich. Einer der wesentlichen: Er hatte gehofft, seiner Airline Zugang zu verschaffen zu einer viel größeren Gruppe von Piloten und diese bei Jet-Blue mit im Vergleich zu Spirit attraktiveren Arbeitsbedingungen und höheren Gehältern an das Unternehmen zu binden. Sie sollten, so hoffte er, die vielen neuen Flugzeuge fliegen, die seine Gesellschaft bestellt hat. Daraus wird nun voraussichtlich nichts, und so steht Jet-Blue wie die meisten anderen vor einem immer größeren Problem, einem massiven Mangel an Piloten.

Die Airlines in Nordamerika sind dem Rest der Welt deutlich voraus, wenn es um die Bewältigung der Corona-Krise geht. Das Inlandsgeschäft nähert sich im Sommer branchenweit der Nachfrage von 2019 an, einzelne Fluggesellschaften liegen sogar schon über dem Vorkrisenniveau, dazu passt auch die Meldung des Flugzeugbauers Airbus, die Produktion des A320 nach oben zu schrauben. In Europa liegen die meisten Airlines meist noch unter 80 Prozent Auslastung. In Asien ist die Erholung noch weit weniger fortgeschritten, denn dort haben die Regierungen noch viele Reiserestriktionen beibehalten oder, wie in China, neue Lockdowns verordnet, die den Luftverkehr massiv betreffen. In Shanghai, Peking und Guangzhou sind zuletzt Tausende Flüge pro Tag ausgefallen, weil die Regierung die Ausbreitung der Omikron-Variante verhindern wollte.

Ganz anders eben die USA. Dort leidet die Branche nun wieder unter Wachstumsschmerzen, die sie bereits vor der Pandemie geplagt hatten: Stundenlange Warteschlangen an den Einreiseschaltern, überfüllte Flughäfen, steigende Ticketpreise wegen der starken Nachfrage, Engpässe bei den Lieferanten von Ersatzteilen - und vor allem gibt es viel zu wenige Piloten. United-Airlines-Chef Scott Kirby hat jüngst Zahlen dazu präsentiert: In einem normalen Jahr stellen die amerikanischen Fluggesellschaften rund 5000 neue Piloten ein, um wie üblich ein wenig zu wachsen und um Altersabgänge auszugleichen. Doch das reicht diesmal nicht. Damit United und andere ihre Flugpläne wie geplant umsetzen können, müssten die Gesellschaften nach Kirbys Rechnung in diesem Jahr bis zu 13 000 Piloten rekrutieren und ähnlich viele in den kommenden Jahren.

Tausende Piloten sind vorzeitig in den Ruhestand gegangen

Warum? Klar, die Nachfrage ist wohl schneller zurückgekehrt, als die Branche das erwartet hat. Das liegt wohl auch daran, dass die Passagiere weder an Bord noch am Flughafen Masken tragen müssen. Doch ein weiterer Faktor spielt eine große Rolle. In den vergangenen zwei Jahren haben etwa 10 000 Piloten Angebote angenommen, vorzeitig in den Ruhestand zu gehen. Die Fluggesellschaften waren auf dem Höhepunkt der Krise froh um jeden Piloten, den sie nicht mehr bezahlen mussten. Doch jetzt fehlen diese Leute. Selbst Lufthansa, die noch lange nicht so viel fliegt wie 2019, musste die beliebten Abfindungsrunden abbrechen, weil sie sonst zu wenige Kapitäne gehabt hätte.

Zudem rächt sich, dass die Branche über Jahrzehnte viel zu wenig für die Diversität getan hat. Piloten sind immer noch in der weit überwiegenden Mehrheit weiß und männlich. Gerade erst haben einige schwarze Frauen, die eine Ausbildung zur Pilotin absolvieren, der New York Times geschildert, wie irritiert manche Menschen auf sie reagieren. Auf Kongressen und Podiumsdiskussionen wird das Thema Diversität eigentlich seit Jahren in den Vordergrund gestellt, doch erst jetzt scheinen den Worten Taten zu folgen.

Denn die Folgen des Pilotenmangels sind gravierend für die Fluggesellschaften. "Die meisten Airlines werden schlicht und einfach nicht genügend Piloten haben, um ihre Kapazitätspläne umzusetzen", prognostiziert Kirby. "Das wird sich mindestens in den nächsten fünf Jahren auch nicht ändern." Jet-Blue, einer der größeren und damit attraktiveren Anbieter, wollte in diesem Jahr die Kapazität um bis zu 15 Prozent ausweiten. Doch Hayes kassierte das Ziel zuletzt und strebt nun zwischen null und fünf Prozent Wachstum an. Alaska Airlines, eine weitere mittelgroße Fluggesellschaft, musste zuletzt wieder Flüge für Juni aus dem Programm nehmen, weil sie nicht genügend Personal dafür findet.

Vor allem aber trifft es Regionalfluggesellschaften, die einen großen Teil der Zubringer zu den großen Drehkreuzen übernehmen. Ihre Piloten werden von United, Delta, American oder Southwest abgeworben. Die großen Airlines zahlen viel besser und bieten den Piloten die Perspektive, eines Tages auf Langstreckenjets wechseln zu können, auf denen sie in der Regel noch mehr Geld verdienen und die Welt kennenlernen können. Viele kleinere Städte und Flughäfen in den USA beklagen daher mittlerweile, dass sie Verbindungen in die großen Zentren verlieren. Damit seien sie auch in ihrer allgemeinen wirtschaftlichen Entwicklung gefährdet.

Traditionell haben sich die Fluggesellschaften auf private Flugschulen verlassen, die die Piloten ausbilden. Eigene Zentren waren eher die Ausnahme. Doch jetzt hat etwa United die ehemalige Lufthansa-Flugschule in Goodyear, Arizona, übernommen, von dort soll wenigstens ein Teil der zwischen 2000 und 3000 Piloten kommen, die alleine der Lufthansa-Partner jährlich einstellen will. Auch Alaska hat eine eigene Schule eröffnet, um wenigstens mittelfristig bessere Perspektiven zu haben.

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