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Urlaub:Gestrandet

Die Pleite von Thomas Cook zerstört die Pläne von Zehntausenden Kunden. Sie zeigt aber auch: Pauschal ist out.

Überfüllter Strand in Benidorm, Spanien, am 22. Juli 2015

Der Strand von Benidorm ist auch dank Thomas Cook fest in britischer Hand.

(Foto: David Ramos/Getty)

Das ganze Wochenende war in London fieberhaft verhandelt worden. Am Morgen des 23. September schließlich trat Peter Fankhauser sichtlich übermüdet vor die Kameras und sagte: "Dies ist eine Stellungnahme, von der ich gehofft hatte, dass ich sie nie würde abgeben müssen." Was der Schweizer, seit fünf Jahren Chef von Thomas Cook, dann ankündigte, war eine der größten Pleiten der jüngeren Zeit in Europa. Der britische Tourismuskonzern, dessen Anfänge auf das Jahr 1841 zurückgehen, hatte einst die Pauschalreise erfunden. Nun stellte er mit sofortiger Wirkung den Geschäftsbetrieb ein. Die Auswirkungen waren enorm: Etwa 600 000 Touristen waren unmittelbar betroffen, davon rund 140 000 aus Deutschland. Sie wurden am Urlaubsort von der Pleite überrascht, saßen nun fest. Manche Hotels verlangten sogar von den Gästen, sie sollten ihr Zimmer ein zweites Mal zahlen, andernfalls werde man ihnen die Abreise verweigern. Weitere Hunderttausende Kunden hatten für die kommenden Wochen und Monate Reisen mit Thomas Cook und den vielen Tochterfirmen gebucht, darunter in Deutschland Neckermann, Öger Tours oder Bucher Reisen, die sie nun nicht antreten konnten.

Mit Pauschalreisen in die „Wintersonne“ machte Thomas Cook, gegründet 1841, jahrelang ein gutes Geschäft. Viele Flüge führten aus dem neblig-kalten Großbritannien an die Costa Blanca.

(Foto: Thomas Cook)

Die britische Flugbehörde CAA gab am 23. September die Einstellung aller Thomas- Cook-Flüge bekannt und kündigte eine Rückholaktion für mehr als 150 000 Fluggäste aus Großbritannien an. Betroffen waren auch 21 000 Thomas-Cook Konzernmitarbeiter und Hunderte Hoteliers in Ferienländern wie Griechenland, Spanien oder der Türkei, denen nun plötzlich der wichtigste Kunde verloren ging. Nur die deutsche Thomas-Cook-Tochterfirma Condor flog weiter; die Fluggesellschaft bekam einen staatlich verbürgten Kredit der Bundesregierung in Höhe von 380 Millionen Euro. Thomas Cook steckte schon seit längerer Zeit in einer tiefen Krise. Gründe dafür gab es viele: der ungewisse Ausgang des Brexit, das stark gesunkene Pfund und vor allem die überhastete Expansion der vergangenen Jahre.

Viele Reisende wurde von der Pleite ihres Reiseanbieters überrascht.

(Foto: Costas Metaxakis/AFP)

In den Wochen vor dem Insolvenzantrag war noch mit dem chinesischen Fosun-Konzern verhandelt worden, der Investor sollte Thomas Cook mit neuem Kapital retten. Es war alles vergeblich. Jetzt haben sich die Chinesen aus der Insolvenzmasse die Markenrechte gesichert. Ein Grund für das Aus sind auch die veränderten Reisegewohnheiten. Die Pauschalreise von der Stange kommt aus der Mode, viele Menschen wollen individuell reisen oder wenigstens ein solches Gefühl haben. "Das Modell der Pauschalreise erinnert mich an Henry Ford, der einmal gesagt hat: Man kann bei uns Autos in jeder Farbe kaufen, solange sie schwarz sind", sagt Dana Dunne, Chef des europaweit größten Online-Reisehändlers E-Dreams-Odigeo, zum dem auch Opodo gehört. Die Kunden wollten heute mehr Flexibilität und finden die auch, zum Beispiel im Netz. Thomas Cook habe einfach darauf zu spät reagiert. Leidtragende sind dessen Kunden. Wie viel Geld sie zurückbekommen, ist offen. Zwar hatte der Konzern in Deutschland eine Versicherung für den Insolvenzfall abgeschlossen, aber die reicht nicht aus. Die Zurich-Versicherung zahlt nur bis zu einer Obergrenze von 110 Millionen Euro. Nach Hochrechnungen des Verbands unabhängiger und selbständiger Reisebüros (VUSR) sind für eine vollständige Entschädigung aber 300 bis 400 Millionen Euro nötig. Das Geld wird also bei Weitem nicht reichen. Viele Menschen, die jahrelang für ihren Urlaub gespart hatten, könnten leer ausgehen. Deutsche Verbraucherschützer fordern bereits, der Staat müsse einspringen.

Zwei Mitarbeiterinnen stützen sich gegenseitig nach der Pleite.

(Foto: Jaime Reina/AFP)

Wie so oft ist des einen Leid des anderen Freud. "Wenn ein großer Wettbewerber ausscheidet, ist das für die anderen immer eine Chance, da braucht man nicht drum herumzureden", sagt Friedrich Joussen, Vorstandsvorsitzender von Tui. Das Unternehmen aus Hannover, das sich schon früh auf mehr individualisierte Reisen und auf Kreuzfahrtschiffe konzentriert hat, ist der größte Reiseanbieter überhaupt, Thomas Cook war in der Rangliste bislang auf Platz zwei. Nun hoffen Tui und die vielen anderen Veranstalter, dass die bisherigen Thomas-Cook-Kunden zu ihnen kommen. Jedoch ist das Vertrauen in die Reiseindustrie schwer erschüttert, denn eine Pleite dieses Ausmaßes war bisher nicht vorstellbar. Der gescheiterte Cook-Chef Peter Fankhauser entschuldigte sich immer wieder für das Malheur, Sorgen um sich selbst muss er sich aber nicht machen: Er sollte neben seinem Millionengehalt noch einen Bonus für ein zurückliegendes Geschäftsjahr erhalten.