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Übernahme von Großpraxen:"Wenn man irgendwann aufhören will, muss man sich Jahre vorher darum kümmern"

Klaus Ebrecht hat in den vergangenen Jahren viel über die Zukunft seiner Praxis nachgedacht. "Man kann nicht am Montag sagen, ich höre nächste Woche auf, und dann kommt schon irgendeiner, der die Praxis kauft", sagt er: "Wenn man irgendwann aufhören will, muss man sich Jahre vorher darum kümmern." Doch weil Ebrecht seine Praxis seit Jahren ausgebaut, Partner aufgenommen und viele Mitarbeiter eingestellt hat, wäre seine Gemeinschaftspraxis für einen einzelnen Zahnarzt viel zu teuer. Also wählte er den Investor aus, der ihm am seriösesten erschien, und verkaufte.

Seitdem ist Ebrecht nicht mehr bloß Zahnarzt. Er und seine Partner sind jetzt Geschäftsführer des MVZs, sie sind zu Angestellten, aber auch zu Unternehmern geworden. Die altbackenen "Zahnärzte Esens" heißen jetzt "Zahnheimat" - damit der Name auch für Filialen in den umliegenden Dörfern passt und weil Ostfriesen ja die Heimat mögen. Seit Summit Partners eingestiegen ist, gehören zur Zahnheimat mehrere Firmenwagen und außerdem ein OP-Raum für Implantate. In diesen Tagen eröffnet im Nachbarort Dornum auch noch ein Sonderprojekt.

Unter dem Namen "Preisbeisser" lockt dort eine neue Praxis mit Zementfüllungen und billigem Zahnersatz diejenigen Patienten an, die sich die Luxusvariante in den Nordsee-Ferienorten nicht leisten können. Ihr Standort: gleich neben dem Aldi-Parkplatz. Ebrechts jüngerer Kollege betätigt sich bei der neuen Kette deutschlandweit als Stratege. Für die Preisbeisser-Filiale, zum Beispiel, hat er sich eine eigene "Industrieoptik" überlegt. Bei Ikea kaufte er knallorange Möbel, im Sonderangebot.

"Der Ausverkauf der Versorgung an Spekulanten ist die größte Bedrohung, die es im zahnärztlichen Bereich je gab"

Zur Strategie von Summit Partners und anderen Investoren in Deutschland gehört auch, dass der Einstieg in die Zahnarztbranche sorgsam vorbereitet wurde. Weil gesetzlich nur Zahnärzte, Kliniken und Kommunen berechtigt sind, ein MVZ zu eröffnen, nicht aber Unternehmen, kaufen viele Fondsgesellschaften als erste Maßnahme ein Krankenhaus. Bei Summit Partners ist dies die Deister-Süntel-Klinik im niedersächsischen Bad Münder. Das kleine Krankenhaus der Arbeiterwohlfahrt stand 2016 kurz vor der Pleite, die rund 120 Mitarbeiter waren heilfroh, als der Investor kam, um es zu retten. Summit Partners gründet von Bad Münder aus nun Zahnkliniken in Augsburg oder Bonn.

Der Chef der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, Wolfgang Eßer, findet für diese Entwicklung deutliche Worte. "Der Ausverkauf der Versorgung an Spekulanten ist die größte Bedrohung, die es im zahnärztlichen Bereich je gab", sagt er: "Wir haben den Eindruck, dass sich MVZ-Ketten auf besonders renditestarke Bereiche konzentrieren, zum Beispiel auf Implantologie oder auf aufwendigen Zahnersatz. Eine umfassende Betreuung der Patienten scheint eher nachrangig zu sein." Kassenzahnärztliche Vereinigungen organisieren in 17 Regionalbüros die Abrechnungen aller deutschen Praxen. Und tatsächlich haben Mitarbeiter eines großen Büros beobachtet, dass MVZ-Ketten höhere Behandlungskosten erzeugten als herkömmliche Praxen. Patienten, die in einem dieser Zentren behandelt wurden, hätten im vergangenen Jahr durchschnittlich 103 Euro gekostet. Bei traditionellen Zahnarztpraxen seien es dagegen nur 87,50 Euro gewesen. Eßer glaubt daran, dass die angestellten Ärzte unter Umsatzdruck stehen.

Doch auch wenn sich Eßers Zahnärztevertretung wünscht, die Politik würde die neuen Zentren einfach verbieten: Gerade unter jungen Ärztinnen sind die Arbeitsplätze dort überaus begehrt. Sie kommen aus einer Generation, die nicht mehr bereit ist, sich für den Rest ihres Lebens an eine Dorfpraxis zu binden. Junge Mediziner wünschen sich Jobs wie den von Ellen Ritterbusch, die schon lange als Teilzeit-Ärztin in einem Ulmer Zahnzentrum arbeitet, an drei Tagen in der Woche. Eine eigene Praxis wollte sie nie: "Ich sehe es bei einer Kollegin, was das heißt", sagt Ritterbusch. "Man arbeitet 30 Stunden am Patienten und hat dann mindestens noch einmal zwischen 15 und 20 Stunden an Administration, Abrechnungen, Personal." Für sie, mit zwei Kindern, sei das unvorstellbar.

Ritterbuschs Zahnklinik gehört mit knapp 30 Ärzten zu den größten in Deutschland, doch seit kurzem hat auch sie einen neuen Arbeitsvertrag. Summit Partners ist im Sommer eingestiegen. Wie sich der neue Investor die Zukunft seiner Kette vorstellt, daraus macht er kein Geheimnis: Die Strategie sei es, das Unternehmen so lange zu unterstützen, wie man zu seinem Wachstum beitragen könne, heißt es dort: Anschließend bleibe es den Zentren selbst überlassen, wie sie sich weiter finanzieren. Summit Partners hatte 2015 bereits eine Zahnarztkette in Italien übernommen. Und sie zwei Jahre später weiterverkauft.

© SZ vom 15.09.2018/hgn
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