Süddeutsche Zeitung

Übernahme von Großpraxen:Finanzinvestoren krempeln die Zahnarztbranche um

  • Der Grund für das Interesse von Investoren an Praxen ist ein neues Gesetz, das die Gründung sogenannter Medizinischer Versorgungszentren (MVZ) ermöglicht.
  • Eine Analyse ergibt, dass die Zahl dieser Versorgungszentren seit drei Jahren rapide steigt, von 28 auf mittlerweile mehr als 540 Häuser.
  • Vertreter der Zahnärzte beobachten die Entwicklung mit großer Sorge.

Das globale Finanzkapital steckt manchmal dort, wo man es am wenigsten vermutet: In einem Klinkerhaus in Ostfriesland, im Ort Esens, mit dem Fahrrad ist es eine Viertelstunde bis zum Deich. Vor 27 Jahren zog ein Zahnarzt mit seiner Familie hierher, unten war die Praxis, oben seine Wohnung. Klaus Ebrecht reparierte die Zähne der Kleinstädter, den Alten setzte er Kronen ein, und den Kleinen half er beim Putzen, genauso wie alle anderen Praxen in dieser Gegend. Dann aber beschloss er, zu expandieren.

Ebrecht zog Klinkermauern quer durch seinen Garten, hinüber bis zum Nachbarhaus. Jetzt ist seine Praxis doppelt so groß. Drinnen gibt es allein fünf Behandlungszimmer, in denen Helferinnen nichts anderes tun, als Patienten professionell die Zähne zu reinigen. Ein Service, für den diese wiederum 80 Euro aus der eigenen Tasche zahlen. Ebrecht beschäftigt ein "Backoffice", wie er sagt, das acht Zahnärzte, knapp 60 Mitarbeiter und mittlerweile drei zusätzliche Praxis-Standorte im Umland verwaltet. Ebrechts Praxis spielt jetzt auf einem ganz anderen Level, denn er hat einen neuen, einflussreichen Geschäftspartner gewonnen. Mehr als die Hälfte des Klinkerdoppelhauses gehört seit vergangenem Jahr der US-amerikanischen Investmentfirma Summit Partners.

Ziel sind Zahnarztketten

Nicht nur in Esens, sondern im ganzen Land kaufen zur Zeit immer öfter Finanzinvestoren Zahnarztpraxen auf. Sie haben das Gebiss der Deutschen als renditestarke Geldanlage entdeckt. Ziel dieser Käufer ist es, aus den einzelnen Praxen größere Zahnkliniken und schließlich ganze Zahnarztketten zu formen. Sie rechnen sich Gewinne aus, indem Sie beispielsweise den Einkauf aller Praxen zusammenlegen, zentrale Labore nutzen und vor allem teure Behandlungen wie Zahnimplantate anbieten. Bei den Käufern handelt es sich oft um global arbeitende Private-Equity-Firmen, deren Geschäftsmodell darin besteht, Firmen umzustrukturieren und zu einem höheren Preis weiterzuverkaufen. Der deutsche Gesundheitsmarkt wird ihnen von Beratungsunternehmen wie KPMG oder Price Waterhouse Coopers längst als Goldgrube empfohlen. Ein verlässlich zahlender Sozialstaat und eine älter werdende Gesellschaft garantieren aus Sicht der Unternehmen stabile Gewinne, in Krankenhäusern, Pflegeheimen und neuerdings auch bei Zahnärzten.

Der Grund für das plötzliche Interesse an den Praxen ist ein neues Gesetz, das im Sommer 2015 in Kraft trat und seitdem in Deutschland die Gründung sogenannter Medizinischer Versorgungszentren (MVZ) ermöglicht: Großpraxen, in denen Zahnärzte nicht mehr eigenverantwortlich arbeiten, sondern als Angestellte. Eine Analyse der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung ergibt, dass die Zahl dieser Versorgungszentren seit drei Jahren rapide steigt, von 28 auf mittlerweile mehr als 540 Häuser. Etwa 80 Prozent dieser Zentren hat in Großstädten eröffnet, in Köln, Hamburg, München oder Berlin - und in den Landkreisen, in denen das Einkommen der Bevölkerung relativ hoch ist. Teuren Zahnersatz muss man sich schließlich leisten können. In den ostdeutschen Bundesländern haben sich dagegen gerade einmal acht Prozent der neuen Versorgungszentren niedergelassen.

Welche Dimensionen den Investoren vorschweben, lässt sich erahnen, wenn man einen Blick auf ihre sonstigen Geschäfte wirft. Die Fondsgesellschaft Nordic Capital zum Beispiel beteiligt sich an Zahnzentren im Kölner Raum. Sie übernahm dazu gleich die ganze European Dental Group, einen Konzern, der etwa in den Niederlanden rund 90 und in der Schweiz mehr als 20 Zahnarztpraxen verwaltet - und der nun auch die deutschen Zentren steuert. Nordic Capital investierte außerdem erst kürzlich in die private Pflegeheim-Kette Alloheim und entwickelt sich so zu einem Schwergewicht im deutschen Gesundheitsmarkt. Das Ziel der Fondsgesellschaft sei es, "die europäische Zahnversorgung zu verbessern", heißt es auf Nachfrage. Ein Weiterverkauf der Zahnzentren sei "nicht unmittelbar geplant".

Auch die Jacobs Holding, ursprünglich einmal bekannt für ihren Kaffee, hat den deutschen Zahnarztmarkt für sich entdeckt. Nachdem sie vor einigen Jahren den Zeitarbeitskonzern Adecco ausgebaut und verkauft hat, setzt sie nun auf die "Colosseum Dental Group" - eine Kette mit jetzt schon mehr als 250 Kliniken in acht Ländern. In Deutschland hat Colosseum Dental in diesem Jahr erst angefangen: "Unser klares Ziel ist es, die führende Zahnarzt-Gruppe in Deutschland aufzubauen", heißt es hier. Auf ihrer Webseite wendet sich die Gruppe gezielt an ältere Zahnärzte: "Wenn Sie über die Zukunft ihrer Praxis nachdenken", steht dort, "dann kontaktieren Sie uns".

"Wenn man irgendwann aufhören will, muss man sich Jahre vorher darum kümmern"

Klaus Ebrecht hat in den vergangenen Jahren viel über die Zukunft seiner Praxis nachgedacht. "Man kann nicht am Montag sagen, ich höre nächste Woche auf, und dann kommt schon irgendeiner, der die Praxis kauft", sagt er: "Wenn man irgendwann aufhören will, muss man sich Jahre vorher darum kümmern." Doch weil Ebrecht seine Praxis seit Jahren ausgebaut, Partner aufgenommen und viele Mitarbeiter eingestellt hat, wäre seine Gemeinschaftspraxis für einen einzelnen Zahnarzt viel zu teuer. Also wählte er den Investor aus, der ihm am seriösesten erschien, und verkaufte.

Seitdem ist Ebrecht nicht mehr bloß Zahnarzt. Er und seine Partner sind jetzt Geschäftsführer des MVZs, sie sind zu Angestellten, aber auch zu Unternehmern geworden. Die altbackenen "Zahnärzte Esens" heißen jetzt "Zahnheimat" - damit der Name auch für Filialen in den umliegenden Dörfern passt und weil Ostfriesen ja die Heimat mögen. Seit Summit Partners eingestiegen ist, gehören zur Zahnheimat mehrere Firmenwagen und außerdem ein OP-Raum für Implantate. In diesen Tagen eröffnet im Nachbarort Dornum auch noch ein Sonderprojekt.

Unter dem Namen "Preisbeisser" lockt dort eine neue Praxis mit Zementfüllungen und billigem Zahnersatz diejenigen Patienten an, die sich die Luxusvariante in den Nordsee-Ferienorten nicht leisten können. Ihr Standort: gleich neben dem Aldi-Parkplatz. Ebrechts jüngerer Kollege betätigt sich bei der neuen Kette deutschlandweit als Stratege. Für die Preisbeisser-Filiale, zum Beispiel, hat er sich eine eigene "Industrieoptik" überlegt. Bei Ikea kaufte er knallorange Möbel, im Sonderangebot.

"Der Ausverkauf der Versorgung an Spekulanten ist die größte Bedrohung, die es im zahnärztlichen Bereich je gab"

Zur Strategie von Summit Partners und anderen Investoren in Deutschland gehört auch, dass der Einstieg in die Zahnarztbranche sorgsam vorbereitet wurde. Weil gesetzlich nur Zahnärzte, Kliniken und Kommunen berechtigt sind, ein MVZ zu eröffnen, nicht aber Unternehmen, kaufen viele Fondsgesellschaften als erste Maßnahme ein Krankenhaus. Bei Summit Partners ist dies die Deister-Süntel-Klinik im niedersächsischen Bad Münder. Das kleine Krankenhaus der Arbeiterwohlfahrt stand 2016 kurz vor der Pleite, die rund 120 Mitarbeiter waren heilfroh, als der Investor kam, um es zu retten. Summit Partners gründet von Bad Münder aus nun Zahnkliniken in Augsburg oder Bonn.

Der Chef der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung, Wolfgang Eßer, findet für diese Entwicklung deutliche Worte. "Der Ausverkauf der Versorgung an Spekulanten ist die größte Bedrohung, die es im zahnärztlichen Bereich je gab", sagt er: "Wir haben den Eindruck, dass sich MVZ-Ketten auf besonders renditestarke Bereiche konzentrieren, zum Beispiel auf Implantologie oder auf aufwendigen Zahnersatz. Eine umfassende Betreuung der Patienten scheint eher nachrangig zu sein." Kassenzahnärztliche Vereinigungen organisieren in 17 Regionalbüros die Abrechnungen aller deutschen Praxen. Und tatsächlich haben Mitarbeiter eines großen Büros beobachtet, dass MVZ-Ketten höhere Behandlungskosten erzeugten als herkömmliche Praxen. Patienten, die in einem dieser Zentren behandelt wurden, hätten im vergangenen Jahr durchschnittlich 103 Euro gekostet. Bei traditionellen Zahnarztpraxen seien es dagegen nur 87,50 Euro gewesen. Eßer glaubt daran, dass die angestellten Ärzte unter Umsatzdruck stehen.

Doch auch wenn sich Eßers Zahnärztevertretung wünscht, die Politik würde die neuen Zentren einfach verbieten: Gerade unter jungen Ärztinnen sind die Arbeitsplätze dort überaus begehrt. Sie kommen aus einer Generation, die nicht mehr bereit ist, sich für den Rest ihres Lebens an eine Dorfpraxis zu binden. Junge Mediziner wünschen sich Jobs wie den von Ellen Ritterbusch, die schon lange als Teilzeit-Ärztin in einem Ulmer Zahnzentrum arbeitet, an drei Tagen in der Woche. Eine eigene Praxis wollte sie nie: "Ich sehe es bei einer Kollegin, was das heißt", sagt Ritterbusch. "Man arbeitet 30 Stunden am Patienten und hat dann mindestens noch einmal zwischen 15 und 20 Stunden an Administration, Abrechnungen, Personal." Für sie, mit zwei Kindern, sei das unvorstellbar.

Ritterbuschs Zahnklinik gehört mit knapp 30 Ärzten zu den größten in Deutschland, doch seit kurzem hat auch sie einen neuen Arbeitsvertrag. Summit Partners ist im Sommer eingestiegen. Wie sich der neue Investor die Zukunft seiner Kette vorstellt, daraus macht er kein Geheimnis: Die Strategie sei es, das Unternehmen so lange zu unterstützen, wie man zu seinem Wachstum beitragen könne, heißt es dort: Anschließend bleibe es den Zentren selbst überlassen, wie sie sich weiter finanzieren. Summit Partners hatte 2015 bereits eine Zahnarztkette in Italien übernommen. Und sie zwei Jahre später weiterverkauft.

Bestens informiert mit SZ Plus – 14 Tage kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.4129697
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 15.09.2018/hgn
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.