Übernahme von Großpraxen Finanzinvestoren krempeln die Zahnarztbranche um

Einblick in die wohl größte Zahnklinik der Welt, die um 1930 in Philadelphia betrieben wurde.

(Foto: SZ-Photo)
  • Der Grund für das Interesse von Investoren an Praxen ist ein neues Gesetz, das die Gründung sogenannter Medizinischer Versorgungszentren (MVZ) ermöglicht.
  • Eine Analyse ergibt, dass die Zahl dieser Versorgungszentren seit drei Jahren rapide steigt, von 28 auf mittlerweile mehr als 540 Häuser.
  • Vertreter der Zahnärzte beobachten die Entwicklung mit großer Sorge.
Von Kristiana Ludwig, Esens

Das globale Finanzkapital steckt manchmal dort, wo man es am wenigsten vermutet: In einem Klinkerhaus in Ostfriesland, im Ort Esens, mit dem Fahrrad ist es eine Viertelstunde bis zum Deich. Vor 27 Jahren zog ein Zahnarzt mit seiner Familie hierher, unten war die Praxis, oben seine Wohnung. Klaus Ebrecht reparierte die Zähne der Kleinstädter, den Alten setzte er Kronen ein, und den Kleinen half er beim Putzen, genauso wie alle anderen Praxen in dieser Gegend. Dann aber beschloss er, zu expandieren.

Ebrecht zog Klinkermauern quer durch seinen Garten, hinüber bis zum Nachbarhaus. Jetzt ist seine Praxis doppelt so groß. Drinnen gibt es allein fünf Behandlungszimmer, in denen Helferinnen nichts anderes tun, als Patienten professionell die Zähne zu reinigen. Ein Service, für den diese wiederum 80 Euro aus der eigenen Tasche zahlen. Ebrecht beschäftigt ein "Backoffice", wie er sagt, das acht Zahnärzte, knapp 60 Mitarbeiter und mittlerweile drei zusätzliche Praxis-Standorte im Umland verwaltet. Ebrechts Praxis spielt jetzt auf einem ganz anderen Level, denn er hat einen neuen, einflussreichen Geschäftspartner gewonnen. Mehr als die Hälfte des Klinkerdoppelhauses gehört seit vergangenem Jahr der US-amerikanischen Investmentfirma Summit Partners.

Ziel sind Zahnarztketten

Nicht nur in Esens, sondern im ganzen Land kaufen zur Zeit immer öfter Finanzinvestoren Zahnarztpraxen auf. Sie haben das Gebiss der Deutschen als renditestarke Geldanlage entdeckt. Ziel dieser Käufer ist es, aus den einzelnen Praxen größere Zahnkliniken und schließlich ganze Zahnarztketten zu formen. Sie rechnen sich Gewinne aus, indem Sie beispielsweise den Einkauf aller Praxen zusammenlegen, zentrale Labore nutzen und vor allem teure Behandlungen wie Zahnimplantate anbieten. Bei den Käufern handelt es sich oft um global arbeitende Private-Equity-Firmen, deren Geschäftsmodell darin besteht, Firmen umzustrukturieren und zu einem höheren Preis weiterzuverkaufen. Der deutsche Gesundheitsmarkt wird ihnen von Beratungsunternehmen wie KPMG oder Price Waterhouse Coopers längst als Goldgrube empfohlen. Ein verlässlich zahlender Sozialstaat und eine älter werdende Gesellschaft garantieren aus Sicht der Unternehmen stabile Gewinne, in Krankenhäusern, Pflegeheimen und neuerdings auch bei Zahnärzten.

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Der Grund für das plötzliche Interesse an den Praxen ist ein neues Gesetz, das im Sommer 2015 in Kraft trat und seitdem in Deutschland die Gründung sogenannter Medizinischer Versorgungszentren (MVZ) ermöglicht: Großpraxen, in denen Zahnärzte nicht mehr eigenverantwortlich arbeiten, sondern als Angestellte. Eine Analyse der Kassenzahnärztlichen Bundesvereinigung ergibt, dass die Zahl dieser Versorgungszentren seit drei Jahren rapide steigt, von 28 auf mittlerweile mehr als 540 Häuser. Etwa 80 Prozent dieser Zentren hat in Großstädten eröffnet, in Köln, Hamburg, München oder Berlin - und in den Landkreisen, in denen das Einkommen der Bevölkerung relativ hoch ist. Teuren Zahnersatz muss man sich schließlich leisten können. In den ostdeutschen Bundesländern haben sich dagegen gerade einmal acht Prozent der neuen Versorgungszentren niedergelassen.

Welche Dimensionen den Investoren vorschweben, lässt sich erahnen, wenn man einen Blick auf ihre sonstigen Geschäfte wirft. Die Fondsgesellschaft Nordic Capital zum Beispiel beteiligt sich an Zahnzentren im Kölner Raum. Sie übernahm dazu gleich die ganze European Dental Group, einen Konzern, der etwa in den Niederlanden rund 90 und in der Schweiz mehr als 20 Zahnarztpraxen verwaltet - und der nun auch die deutschen Zentren steuert. Nordic Capital investierte außerdem erst kürzlich in die private Pflegeheim-Kette Alloheim und entwickelt sich so zu einem Schwergewicht im deutschen Gesundheitsmarkt. Das Ziel der Fondsgesellschaft sei es, "die europäische Zahnversorgung zu verbessern", heißt es auf Nachfrage. Ein Weiterverkauf der Zahnzentren sei "nicht unmittelbar geplant".

Auch die Jacobs Holding, ursprünglich einmal bekannt für ihren Kaffee, hat den deutschen Zahnarztmarkt für sich entdeckt. Nachdem sie vor einigen Jahren den Zeitarbeitskonzern Adecco ausgebaut und verkauft hat, setzt sie nun auf die "Colosseum Dental Group" - eine Kette mit jetzt schon mehr als 250 Kliniken in acht Ländern. In Deutschland hat Colosseum Dental in diesem Jahr erst angefangen: "Unser klares Ziel ist es, die führende Zahnarzt-Gruppe in Deutschland aufzubauen", heißt es hier. Auf ihrer Webseite wendet sich die Gruppe gezielt an ältere Zahnärzte: "Wenn Sie über die Zukunft ihrer Praxis nachdenken", steht dort, "dann kontaktieren Sie uns".