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Über die Poesie der Finanzströme:So viel Geld

Euro - Münzen

Und so treibt sich das Geld weiter herum, unsicher, nervös, bereit, sich auf jedes auch nur halbwegs plausible Versprechen einzulassen.

(Foto: dpa/dpaweb)

Die Politik des billigen Geldes erscheint in der Krise als notwendig - normalerweise sorgt das für Wirtschaftswachstum. Doch wenn das Geld nur zwischen den Banken hin und her geschoben wird, tritt dieser Effekt nicht ein. In dieser Lage wäre eine ordentliche Inflation willkommen. Nur: Wie soll sie entstehen, wenn das viele Geld nirgends gebraucht wird?

Ein Essay von Thomas Steinfeld

Was es genau ist, wofür die amerikanische Firma Apple mehr als drei Milliarden Dollar ausgeben will, um die Firma Beats zu kaufen, weiß wohl keiner so genau, der nicht unmittelbar zum inneren Kreis bei dieser Entscheidung gehört. Um ein paar nicht einmal besonders hochwertige Kopfhörer soll es gehen, vielleicht aber auch um eine Technik der drahtlosen Übertragung und um das entsprechende Internetportal, vielleicht aber auch um ein besonderes soziales Talent des Besitzers Dr. Dre, einen gewissen Ruf in der Branche und die entsprechenden Bekanntschaften.

Die Gründe spielen aber vielleicht auch keine so große Rolle. Denn das Geld ist ja da. Tatsächlich ist viel mehr Geld da, als man vernünftigerweise ausgeben kann, wenn man, wie Apple, selbst eigentlich kaum etwas produziert, sondern seine Waren von anderen Unternehmen produzieren lässt, und sich statt dessen auf die Gestaltung und den Verkauf von wenigen Gerätschaften mit hohen Gewinnmargen beschränkt. Andererseits: Merkwürdig ist es schon, wenn sich eine Firma, deren Geschäftsgegenstand in hohem Maße in einem Image besteht, noch ein Image kaufen geht. Es heißt zumindest, dass sie nichts Besseres gefunden hat, in das sie hätte investieren wollen.

Das Kapital weiß offenbar gar nicht mehr, wohin es sich wenden soll

Es gibt viele solche Spekulationen gegenwärtig, spektakuläre Engagements, in denen das, was da erworben wird, weder in konkreten Gegenständen noch in Technik oder Wissen besteht, sondern allenfalls in Möglichkeiten in zweiter oder dritter Potenz. Zwar ist die landläufige Skepsis gegenüber den Veranstaltern von sozialen Netzwerken, also etwa Facebook oder Twitter, nicht richtig, sie bezögen ihren immensen Marktwert vor allem aus ihren Kundendaten: Tatsächlich verdienen sie zwar Geld mit Informationen, die für zukünftige Werbung taugen mögen, also mit einer Kalkulation auf mögliche Kunden, die in der Aussicht auf wiederum mögliche Kunden bereit sind, dafür zu bezahlen, dass sie mit einem Hinweis auf eine Ware für ein paar Sekunden in das Gesichtsfeld eines "Nutzers" treten dürfen. Viel mehr Geld aber erhalten sie für die Werbung, die auf den schon vorhandenen Seiten erscheint.

Aber wie umfassend kann eine Branche eigentlich werden, die nichts Brauchbares herstellt, sondern möglichen Kunden lediglich die mehr oder minder eingebildeten Vorzüge einer Ware vor Augen führen kann? Man könnte auch eine Rechnung aufstellen: Wie groß müsste der in Waren niedergelegte Wert sein, um eine Werbung zu rechtfertigen, die einen Preis von etwa 170 Milliarden Dollar begründen könnte - den aktuellen Marktwert von Facebook? Das Wissen darum, dass es in diesen Bereichen der Wirtschaft mit sehr viel Poesie zugeht, hat eine andere Seite, nämlich die Ahnung, dass darin ein gewisser Mangel an Realität zu verzeichnen ist. Dass es diesen Mangel gibt, zeigt sich zum Beispiel auch daran, in welchem Maße und mit welcher Dringlichkeit seit einiger Zeit die "Re-Industrialisierung" der Industrieländer eingefordert wird. Denn es ist ja nicht so, dass es gegenwärtig ein größeres Problem darzustellen scheint, dass sich der Anteil der Industrie am Bruttonationalprodukt der USA auf gerade einmal 22,1 Prozent beläuft, während man sich in Deutschland mit 27,8 Prozent brüsten kann und in Frankreich mit 18,5 Prozent schämen muss (laut einer Statistik des IWF aus dem Jahr 2012). Nein, bis auf Weiteres scheint der Laden irgendwie zu laufen.

Und doch gibt es offenbar zumindest eine Vorstellung davon, dass jedem Kredit ein reales Wachstum zugrunde zu liegen hat - dass also, auf irgendeine Weise, nach einer Weile mehr Dinge da sein müssen, als es sie zuvor gegeben hatte. Selbstverständlich liegt der Forderung nach einer erneuten Industrialisierung auch ein Ideal von Autarkie oder, was dasselbe ist, die katastrophische Vorstellung zugrunde, dass es mit Frieden, Partnerschaft und Union bald wieder selbst in Europa vorbei sein könnte und jeder Staat allein zurechtkommen muss, gegen alle anderen Staaten. Grundsätzlicher jedoch und realistischer ist der Verdacht, dass irgend etwas nicht stimmen kann, wenn so viel Geld in der Welt ist und so wenig passiert.

Tatsächlich weiß das Geld, das gegenwärtig so billig zu haben ist - wenn man es denn bekommt - wie nie zuvor in der Geschichte der entwickelten Finanzwirtschaft, offenbar gar nicht mehr, wohin es sich wenden soll. Sogar Staatspapiere sind, seitdem große Mengen unsicher gewordener Staatsschulden durch die Banken wandern, eine zweifelhafte Sache. "China", sagen dann die deutschen Architekten, die deutschen Maschinenbauer und vor allem die Vertreter der deutschen Automobilindustrie. Dort gebe es eine große Aussicht auf Wachstum, für die nächsten zehn oder zwanzig Jahre.

Die Hoffnung auf China ist ein Urteil über den Rest der Welt: In keinem der entscheidenden Industriezweige wird offenbar damit gerechnet, dass es in Europa oder in Nordamerika in absehbarer Zeit zu einer solchen Steigerung der Nachfrage kommen könnte, dass sich eine substanzielle Investition rechtfertigen ließe. Gleichgültig wo, die Aussichten auf ökonomisches Wachstum sind zu gering. Und hin und wieder bemerkt dann jemand, dass es die technische und gestalterische Überlegenheit, die der Westen bislang gegenüber China geltend machen konnte, bald nicht mehr geben wird - womit dann auch die Vision, noch zehn oder zwanzig Jahre lang gute Geschäfte machen zu können, in sich zusammenfällt.

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