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Wirtschaftspolitik:Die Geschäfte in der Türkei sind schleppend

Turkish Currency And Economy As U.S. Poll Uncertainty Roils Markets

Frauen und Händler auf einem Markt in Istanbul: Die Türkei verfügt, im Gegensatz zu Deutschland, über eine junge und wachsende Bevölkerung.

(Foto: Nicole Tung/Bloomberg)

Terroranschläge, Putschversuch, Währungskrisen: Die Dauerkrise der Türkei macht es deutschen Unternehmen schwer, in dem Land Fuß zu fassen. Doch es gibt auch Hoffnung.

Von Simon Groß, München

Das Coronavirus hat die türkische Wirtschaft hart getroffen: Die Industrie brach ein, Touristen blieben zuhause und die Lira hat seit Jahresbeginn rund ein Drittel an Wert gegenüber Euro und Dollar verloren. Und nun auch noch das: Der türkische Finanzminister Berat Albayrak hat am Sonntag seinen Rücktritt erklärt und dies mit Gesundheitsproblemen begründet. Er könne deswegen nach fünf Jahren nicht mehr im Kabinett dienen, teilte der 42-Jährige in einer Erklärung auf Instagram mit. Albayrak war zwei Jahre als Finanzminister und zuvor drei Jahre als Energieminister tätig. Unklar war, ob der türkische Präsident Erdoğan den Rücktritt Albayraks annehmen wird. Im April hatte der türkische Innenminister Süleyman Soylu seinen Rücktritt bekanntgegeben - Erdoğan akzeptierte diesen aber nicht und Soylu blieb weiter im Amt.

Am Freitag hatte Erdoğan den Chef der Zentralbank entlassen, zum zweiten Mal binnen anderthalb Jahren musste ein Notenbank-Leiter gehen. Eigentlich sollte die Institution unabhängig entscheiden, welche Geldpolitik am besten für das Land ist. Doch in der Türkei entscheidet der Präsident. Das war schon in den vergangenen Jahren so, als sich die Türkei von einer Krise zur nächsten hangelte.

Der türkische Finanzminister erklärt seinen Rücktritt, aus gesundheitlichen Gründen

Terroranschläge, Putschversuch, Währungskrisen, all das merken auch deutsche Unternehmen. Mehr als 7000 Firmen sind in der Türkei aktiv, davon viele im produzierenden Gewerbe. Ein Wachstumsmarkt vor der europäischen Haustür - das war lange die Vorstellung. Was ist daraus geworden?

Beim bayerischen Maschinenbauer für Käsereianlagen Alpma aus Rott am Inn fällt die Antwort darauf eher ernüchternd aus. Die Firma fertigt Produktionsstraßen, mit denen sich Käse herstellen, schneiden und verpacken lässt. Seit 2008 lieferte das Unternehmen solche Anlagen auch in die Türkei, die Geschäfte liefen gut, Käse wird dort ausgesprochen gerne gegessen.

Doch seit 2015 hat Alpma keine vollständigen Anlagen mehr dorthin exportiert. Wegen des Wertverlusts der Lira verteuerten sich Importe für die Türkei. Die Anlagen aus Deutschland konnten sich türkische Kunden immer weniger leisten. Große Investitionen lägen auf Eis, sagt Geschäftsführer Gisbert Strohn am Telefon. Nur noch einzelne Anlagenteile hätten sie seitdem in die Türkei verkauft. Die Enttäuschung darüber ist ihm anzuhören.

Bei der BSH Hausgeräte in Istanbul klingt die Lage da schon anders. Der größte europäische Hersteller für Haushaltsgeräte betreibt ein Werk in Çerkezköy, das westlich vom Bosporus liegt. Von dort aus liefert das Unternehmen Geschirrspüler, Herde und Kühlschränke nach ganz Europa. Natürlich blicke man skeptisch auf den Fall der Währung, sagt Rudolf Klötscher, der für das Geschäft in Wachstumsmärkten verantwortlich ist.

"Es lässt sich nicht vorhersagen, aber es sind alle Bausteine für eine Finanzkrise beisammen."

Doch türkische Exporte vergünstigen sich dadurch, auch deshalb läuft es bei BSH zurzeit gut. Hinzu komme ein Trend, der in vielen Ländern zu beobachten sei, erzählt Klötscher: Wegen des Coronavirus investierten viele wieder mehr in ihr Zuhause, statteten Büro oder Küche mit neuen Geräten aus. Das sei auch in der Türkei der Fall, der dortige Absatzmarkt sei hoch attraktiv - das Land verfügt, im Gegensatz zu Deutschland, über eine junge und wachsende Bevölkerung.

Mit der guten inländischen Nachfrage könnte es aber bald vorbei sein. Denn die hohe Inflation mindert die Kaufkraft der türkischen Bevölkerung. "Momentan merken wir noch nichts davon wegen der niedrigen Zinsen", sagt Klötscher. Das billige Geld stimuliert die Wirtschaft. Sollten die Zinsen steigen, rechnet sein Unternehmen jedoch mit Einbußen im türkischen Markt.

Dass daran kaum ein Weg vorbei führt, davon ist der Ökonom Klaus-Jürgen Gern vom Kieler Institut für Weltwirtschaft überzeugt. Bereits 2018 erlebte die Türkei eine Währungskrise. Um gegenzusteuern, erhöhte das Land den Leitzins, doch nicht dauerhaft. Mitte 2019 schwenkte die Türkei zurück auf den Kurs lockerer Geldpolitik.

Als im April die Industrie wegen der Corona-Krise einbrach, folgte eine weitere Zinssenkung. Das habe bei Unternehmen und privaten Haushalten zu einem enormen Kreditwachstum geführt, sagt Gern. Die hohen Schulden, die vorher schon ein Problem waren, hätten nun ein bedrohliches Niveau erreicht, einerseits.

Andererseits verschärft Erdoğan selbst die Lage. Indem er das Land in regionale Konflikte verwickle, schade er der Wirtschaft, so der Ökonom. Die politische Unsicherheit schrecke Investoren ab und erschwere eine langfristige wirtschaftliche Verflechtung mit Deutschland und der EU. Die Situation sei gerade extrem wackelig, sagt Gern. "Es lässt sich nicht vorhersagen, aber es sind alle Bausteine für eine Finanzkrise beisammen."

Sollte sich die Situation weiter zuspitzen, könnten sich allerdings auch Chancen für deutsch-türkische Geschäftsbeziehungen ergeben, sagt Frank Dollendorf von der IHK München und Oberbayern. Deutsche Firmen könnten sich an strauchelnden türkischen Unternehmen beteiligen oder sie übernehmen. Davon hätten beide Seiten etwas: Türkische Unternehmen würden an dringend benötigte Devisen gelangen, und Arbeitsplätze blieben erhalten. Hiesige Firmen könnten bei Unternehmen einsteigen, die auf hohem Qualitätsniveau produzieren und strategisch günstig liegen. Durch die Corona-Krise gehe der Trend ohnehin wieder hin zu kürzeren Lieferketten, sagt Dollendorf.

Auch wenn die Zeiten gerade unsicher seien, langfristig werde sich die Türkei wirtschaftlich behaupten, meint Klötscher. Er sieht das Land als Brückenkopf zwischen Europa und Asien, ausgestattet mit einer wertvollen Ressource: "Die Türkei hat viele junge Menschen, die sehr gut ausgebildet sind und etwas erreichen möchten", sagt er.

Und auch für das Türkeigeschäft von Alpma schöpft Geschäftsführer Strohn neue Hoffnung. In der Nähe der türkischen Hafenstadt Izmir wird gerade eine neue Käsefabrik gebaut, Ende 2021 soll sie fertig sein. Die Anlage dafür liefert Alpma - es wird die erste vollständige Produktionsstraße seit Jahren sein.

© SZ
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