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Stahlbranche:Thyssenkrupp streicht 6000 Stellen

Thyssenkrupp will 6000 Stellen streichen

Beschäftigte von Thyssenkrupp stehen vor dem Werk in Duisburg Hüttenheim. Der Industriekonzern will nach dem Platzen der Stahlfusion mit dem indischen Konkurrenten Tata 6000 Stellen abbauen. Davon entfallen 4000 Stellen auf Deutschland, sagte Vorstandschef Kerkhoff.

(Foto: dpa)
  • Die EU-Kommission wird ein Gemeinschaftsunternehmen von Thyssenkrupp mit Tata Steel Europe wohl nicht genehmigen.
  • Auch die geplante Aufspaltung von Thyssenkrupp in zwei eigenständige Unternehmen wird nicht kommen.
  • Der Konzern wird in den kommenden drei Jahren 6000 Stellen streichen, davon 4000 allein in Deutschland.

Der Traditionskonzern Thyssenkrupp muss zwei Pläne begraben, auf die er in den vergangenen Monaten alle Hoffnungen gesetzt hatte: Die Essener werden ihre krisenanfälligen Stahlwerke nun doch nicht in ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem Konkurrenten Tata Steel Europe einbringen. Beide Konzerne erwarten, dass die EU-Kommission die Fusion nicht genehmigen werde, teilten sie am Freitagmittag mit.

Auch wird sich Thyssenkrupp nicht in zwei eigenständige Unternehmen aufteilen, wie es der Dax-Konzern im vergangenen Herbst angekündigt hatte. Nach entsprechenden Spekulationen war die Thyssenkrupp-Aktie bereits im frühen Geschäft um mehr als zehn Prozent gestiegen.

Zudem will der Konzern im Rahmen eines "Performance-Programms" etwa 6000 Stellen in den nächsten drei Jahren abbauen. Zwei Drittel davon sollen auf Deutschland entfallen, ein Drittel auf das Ausland, sagte Personalvorstand Oliver Burkhard am Freitagmittag in einer Telefonkonferenz. Insgesamt 2000 Stellen werden demnach in der Stahlsparte abgebaut, nachdem dieser Konzernteil nun doch nicht mit Tata Steel Europe fusionieren wird. Bei dieser Größenordnung "kann ich betriebsbedingte Kündigungen nicht ausschließen", sagte Burkhard. Man wolle aber versuchen, selbige zu vermeiden. "Ja, es ist schon ein echt tiefgreifender Einschnitt."

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Thyssenkrupp, dieser ruhmreiche Ruhrkonzern, ist eines der letzten großen Industrie-Konglomerate, wie man sie von früher kennt: Die Essener stellen nicht nur seit 200 Jahren Stahl her und handeln mit Werkstoffen, sie bauen und reparieren auch Aufzüge und Rolltreppen, Autoteile und Großanlagen für andere Industrieunternehmen. Etwa 160 000 Menschen arbeiten auf der halben Welt für Thyssenkrupp.

Doch steckt der Dax-Konzern seit Jahren in der Krise. Seine Stahlsparte leidet darunter, dass vor allem in Asien in den vergangenen Jahren viele neue Stahlwerke entstanden sind. Seitdem schwanken die Weltmarktpreise gehörig; Länder wie die USA versuchen, ihre heimische Industrie mit höheren Zöllen zu protegieren. Thyssenkrupp expandierte vor Jahren selbst nach Südamerika, doch musste das Unternehmen mehrere Milliarden auf defizitäre Stahlwerke in Brasilien abschreiben. Seitdem ist der Traditionskonzern hoch verschuldet. Trotz mehr als 42 Milliarden Euro Umsatz hat Thyssenkrupp im vergangenen Jahr nur 60 Millionen Euro Gewinn erwirtschaftet, im Vorjahr stand sogar ein Verlust von 591 Millionen Euro zu Buche.

Auch für dieses Jahr erwartet der Konzern nun einen Fehlbetrag. Daher haben die Essener in den vergangenen Monaten einen doppelten Befreiungsschlag versucht: Vor knapp einem Jahr beschlossen sie, dass die krisenanfälligen Stahlwerke in ein Gemeinschaftsunternehmen mit Tata Steel ausgelagert werden sollten. Beide Konzerne wollten zunächst je zur Hälfte an ihrer gemeinsamen Stahltochter beteiligt bleiben.

Thyssenkrupp künftig als "flexibles Portfolio"

Und im vergangenen Herbst verblüffte Thyssenkrupp mit der Ankündigung, man wolle sich in zwei eigenständige Unternehmen aufspalten: Die Technologiegeschäfte um Aufzüge, Autoteile und Großanlagen sollten in einer Thyssenkrupp Industrials AG aufgehen; die Beteiligung an den Stahlwerken sowie der Werkstoffhandel sollte in einer Materials AG verbleiben. Beide Firmen hätten dann ein klareres Profil, wären weniger komplex und könnten schneller Entscheidungen fällen. "Getrennt sind wir stärker", sagte Vorstandschef Guido Kerkhoff bei der Hauptversammlung Anfang des Jahres.

Doch nun sind beide Projekte gleichzeitig gescheitert: Am Freitag haben die Manager noch einmal mit der EU-Kommission gesprochen. Seitdem müssen Thyssenkrupp und Tata davon ausgehen, dass die Wettbewerbshüter ihre Stahlfusion nicht genehmigen werden. Die beiden Sparten hätten zusammen den mit Abstand zweitgrößten Stahlhersteller Europas gebildet - nach dem Weltmarktführer Arcelor-Mittal.

Das Gemeinschaftsunternehmen könnte doppelte Ausgaben einsparen und wollte bis zu 4000 Stellen streichen. Doch befürchten die Wettbewerbshüter, dass es vor allem auf den Märkten für Autoblech und Verpackungsstahl zu mächtig geworden wäre. Bis zum Schluss boten Thyssenkrupp und Tata an, dass sie einige Unternehmensteile abgeben könnten, um die Bedenken aus Brüssel auszuräumen. Doch der EU-Kommission reichte das nicht. Und mit weiteren Zugeständnissen würde sich der Zusammenschluss aus Sicht der Konzerne nicht mehr rechnen.

Und diese Absage hat Folgen: sowohl für die gut 27 000 Stahlwerker von Thyssenkrupp als auch für die geplante Zweiteilung des Konzerns. Eine künftige Materials AG würde nun doch nicht von den Buchgewinnen aus der Abspaltung der Stahlsparte und den Synergien des Gemeinschaftsunternehmens profitieren. Und auch die Technologiegeschäfte der geplanten Industrials AG leiden derzeit darunter, dass zwei wichtige Kundengruppen nicht mehr so stark wachsen: Autoindustrie und Maschinenbau.

Daher brach die Thyssenkrupp-Aktie in dieser Woche auf den tiefsten Stand seit 15 Jahren ein. Und die geplante Zweiteilung des Konzerns rechnet sich nicht mehr. Sie hätte ohnehin zunächst mehrere Hundert Millionen Euro gekostet, etwa für Steuern und Beraterhonorare.

Stattdessen will sich Thyssenkrupp nun zu einem "flexiblen Portfolio" entwickeln: mit deutlich mehr Freiheit für die einzelnen Geschäftsbereiche - und einer schlanken Dachgesellschaft oben drüber. Als ersten Schritt schlägt der Vorstand nun vor, das profitable Geschäft mit Aufzügen und Rolltreppen an die Börse zu bringen.

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