Wirtschaft Ade, Deutschland AG?

Traditionelle Geschäftsbereiche deutscher Konzere erodieren, besonders greifbar ist das beim aufgespaltenen Stahlriesen Thyssenkrupp.

(Foto: Getty Images)

Deutsche Bank, Bayer, Thyssenkrupp, VW: Viele Konzerne, die das Land geprägt haben, sind unter Druck. Nicht nur die Digitalisierung stellt sie vor Probleme. Doch es gibt Hoffnung.

Von Caspar Busse

Deutsche Bank und Bayer - zwei der traditionsreichsten deutschen Unternehmen kämpfen um ihre Zukunft. Und die beiden sind nicht die einzigen, die mal unangefochtene Champions waren und nun tief in Problemen stecken. Mehrere Dax-Unternehmen straucheln gerade. Der Stahlhersteller Thyssenkrupp, ein Symbol für die Industrialisierung Deutschlands, seine Anfänge gehen auf das Jahr 1811 zurück, ringt verzweifelt um eine Aufspaltung. Volkswagen, mit 640 000 Mitarbeitern größtes Industrieunternehmen im Land, versucht sich nach dem Dieselskandal als Elektroautobauer neu zu erfinden - Ausgang ungewiss. Beim Konkurrenten Daimler läuft es nicht viel besser.

Alle sind Traditionsunternehmen, die lange für die sogenannte Deutschland AG standen, also für ein Netz starker Konzerne, die untereinander teilweise enge Beziehungen hatten. Im Mittelpunkt stand lange die Deutsche Bank. Doch das ist vorbei. Wie es mit Deutschlands größtem Geldinstitut weitergeht, nachdem die Fusionsverhandlungen mit der Commerzbank gescheitert sind, ist unklar. Bankchef Christian Sewing musste gerade die ohnehin wenig ambitionierten Ziele für 2019 korrigieren. Wird sie nun von einer ausländischen Großbank übernommen? Auch Bayer ist seit dem Kauf des umstrittenen Glyphosat-Herstellers Monsanto schwer unter Druck; am Freitag hagelte es harte Kritik auf der Hauptversammlung.

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Für all diese Problemfälle gibt es auf den ersten Blick jeweils eigene, unabhängige Gründe. Aber steht nicht doch dahinter ein Muster?Droht ein allgemeiner Niedergang der so erfolgreichen deutschen Unternehmen, droht Gefahr für unseren Wohlstand? "Technologisch sind die meisten Dax-Konzerne in einer guten Position", sagt dazu Cornelius Baur, Deutschland-Chef der Unternehmensberatung McKinsey.

Allerdings befänden sich viele Branchen, in denen deutsche Unternehmen stark vertreten sind, im Umbruch: Elektrifizierung in der Autoindustrie, Digitalisierung im Maschinenbau, Onlinetechnik bei Banken und Versicherern. Neue, aggressive Wettbewerber tauchen auf. Man stehe an einem entscheidenden Punkt, sagt Mathieu Meyer, Geschäftsführer bei der Wirtschaftsprüferfirma EY: "Die Frage ist: Kann die deutsche Industrie ihre Produkte erfolgreich digitalisieren?" Zweifel daran gibt es, gerade Maschinenbauer und viele Autozulieferer tun sich schwer, schnell und grundlegend umzusteuern.

Das Problem: Mitten in diesem Umbruch haben mehrere Konzerne auch ernste hausgemachte Sorgen. Bayer belasten enorme Klagen gegen seine neue Tochter Monsanto. Die Deutsche Bank arbeitet ihre schweren Fehltritte der Vergangenheit auf. VW muss viele Milliarden im Dieselskandal zahlen. "Durch die steigende Internationalisierung des Geschäfts werden die juristischen Risiken immer größer", sagt EY-Experte Meyer. Außerdem verschlechtert sich spürbar die Weltkonjunktur. Dazu kommen Handelsauseinandersetzungen, neue Zölle, der Brexit, Probleme in China. "Wir haben eine lange Phase starken Wachstums hinter uns, jetzt kommt eine Konsolidierung", so Meyer.

2018 haben die Dax-Unternehmen mit insgesamt fast vier Millionen Mitarbeitern zwar ihren Umsatz auf zusammen 1,33 Billionen Euro leicht gesteigert, machten aber weniger Gewinne. Einige Unternehmen reagieren bereits und bauen Jobs ab. "Das alles bringt den Investoren Unsicherheit über die weitere Entwicklung - und Unsicherheit ist Gift für die Börse", sagt Berater Baur. Die Börsenwerte der deutschen Konzerne sind gering, vor allem im Vergleich zu den US-Konzernen (siehe Grafik). Microsoft hat gerade erstmals die magische Grenze von einer Billion Dollar überschritten, fast 890 Milliarden Euro. Das Softwareunternehmen SAP, die wertvollste deutsche Firma, bringt es nur auf knapp 144 Milliarden Euro.

Die Konzerne hierzulande verkauften sich schlecht, sagt McKinsey-Mann Baur. Die Regel "Tu' Gutes und rede drüber" beherrschten US-Firmen besser. Selbst die Politik sorgt sich inzwischen um die deutschen Champions. Wirtschaftsminister Peter Altmaier hat eine nationale Industriestrategie angeregt, er will große Unternehmen unterstützen, notfalls auch mit staatlicher Hilfe. Für einen befristeten Zeitraum könnte der Staat sich sogar an Unternehmen beteiligen und dazu einen Fonds gründen, schlug der CDU-Politiker vor. Doch der Plan stößt auf viel Ablehnung, besonders in der Wirtschaft.

Bei Deutscher Bank, Bayer, Thyssenkrupp und VW wäre ein Eingreifen wohl wenig hilfreich. Allerdings gibt es auch eine ganze Reihe von Unternehmen, die international gut dastehen. SAP ist die mit Abstand größte europäische Softwarefirma. Allianz und Munich Re sind weltweit bedeutende Versicherer, die Gruppe Deutsche Post DHL behauptet sich als eins der großen Logistikunternehmen. Auch Lufthansa hat aus der Krise herausgefunden. Es gibt also Hoffnung.

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