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Stahlkonzern:"Ein Lehrstück über Managementversagen"

Thyssenkrupp - Bilanz

Zum ersten Mal stellte sich Martina Merz den Aktionären von Thyssenkrupp.

(Foto: Rolf Vennenbernd/dpa)
  • Der Traditionskonzern Thyssenkrupp steckt tief in der Krise, viele Geschäfte laufen schlecht.
  • Inzwischen verlieren viele Aktionäre die Geduld. Bei der Hauptversammlung machten sie ihrem Ärger deutlich Luft, einige fürchten gar um die Existenz des Unternehmens.

Martina Merz spricht aus, was sich alle in der Kongresshalle wünschen. "Wir wollen ein Thyssenkrupp schaffen", sagt die Konzernchefin, "das Geld verdient, Dividende zahlt, klimaneutral wirtschaftet und seinen Mitarbeitern damit eine langfristige Perspektive bietet." Das Problem ist nur: Deutschlands größter Stahlhersteller, der seine Aktionäre nun zur Hauptversammlung geladen hat, ist von all diesen Zielen meilenweit entfernt.

Beispiel Geldverdienen: Im jüngsten Geschäftsjahr hat Thyssenkrupp 260 Millionen Euro Verlust eingefahren. Für dieses Jahr erwartet der größte Industriekonzern des Ruhrgebiets noch schlechtere Zahlen, auch weil er 6000 Stellen abbauen will und Abfindungen zahlen muss. "Die Ausschüttung einer Dividende wäre in dieser Lage nicht vertretbar", sagt Merz. In Sachen Klimaschutz hat Thyssenkrupp zwar hehre Ziele, doch noch sind die Hochöfen einer der größten CO₂-Emittenten der Republik. Und viele der gut 160 000 Beschäftigten seien ungeduldig und wollten Veränderung, sagt Merz.

Entsprechend besorgt äußern sich die Investoren. "Thyssenkrupp war einmal ein Leuchtturm der deutschen Wirtschaft", sagt Henrik Pontzen von Union Investment. Die Essener verkaufen nicht nur Stahl, sondern auch Aufzüge und Autoteile, U-Boote und Anlagen. Doch viele Geschäfte laufen schlecht: Die Autoindustrie als Großkunde leidet etwa unter weltweiten Handelskonflikten. Im Stahl herrscht ein harter, internationaler Wettbewerb. Auf dem deutschen Konzern lasten Milliarden an Schulden und Pensionsverpflichtungen. "Thyssenkrupp ist ein harter Sanierungsfall", sagt Pontzen, "und steht mit dem Rücken zur Wand."

Die jüngsten Versuche, der Misere zu entkommen, sind gescheitert. Erst wollte der Konzern seine Stahlsparte in ein Gemeinschaftsunternehmen mit dem Konkurrenten Tata auslagern. Dann wollte sich Thyssenkrupp in zwei Konzerne teilen. Doch die EU-Kommission hat die Stahlfusion mit Tata aus Sorge um den Wettbewerb untersagt. Die Aufspaltung erwies sich hingegen als zu teuer. Vorstandschef Guido Kerkhoff musste nach nur gut einem Jahr gehen.

"Die Entwicklung von Thyssenkrupp ist ein Lehrstück über Managementversagen", kritisiert Ingo Speich vom Fondshaus Deka. "Was gestern noch verteufelt wurde, war auf einmal die Zukunft und umgekehrt." Speich moniert, dass der Aufsichtsrat Kerkhoff ursprünglich einen Fünfjahresvertrag genehmigt hatte. Daher erhielt der glücklose Chef zum Schluss gut sechs Millionen Euro Abfindung. "Während einem Management, das versagt hat, nun unnötig Millionen hinterhergeworfen werden, stehen gleichzeitig Massenentlassungen an bei der Belegschaft", sagt Speich, "das passt nicht zusammen".

Neben Deka kündigen auch die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger und der Vermögensverwalter DWS an, Vorstand und Aufsichtsrat die Entlastung zu verweigern. Allerdings gehören etwa 40 Prozent der Thyssenkrupp-Aktien zwei Großaktionären: der Krupp-Stiftung sowie dem schwedischen Investor Cevian, der seit Jahren Veränderungen anmahnt. Beide Großaktionäre haben eigene Repräsentanten im Aufsichtsrat.

Merz vergleicht Thyssenkrupp mit einem Schiff, das in flache Gewässer geraten sei. "Das Wasser unterm Kiel wird immer flacher", warnt die Maschinenbauingenieurin, die als erste Frau an der Konzernspitze steht. Das Schiff sei zunehmend manövrierunfähig, sagt Merz.

Die Managerin hatte bei Bosch Karriere gemacht. Sie leitete zwei Sparten, die der Zulieferer abgespalten hat, und wechselte jeweils als Chefin mit. Ähnliche Umbrüche stehen nun bei Thyssenkrupp an. Die Essener wollen ihr Aufzugsgeschäft verkaufen oder an die Börse bringen. Dabei galt das Geschäft lange als unverzichtbar: Es fährt stabil den Großteil des Konzerngewinns ein. Man profitiert vom Bau neuer Hochhäuser, Einkaufszentren oder Flughäfen. Der finnische Konkurrent Kone hat Milliarden für die Sparte geboten; nach einer Fusion könnten viele doppelte Kosten gespart werden. Alternativ sind dem Vernehmen nach drei Konsortien aus Finanzinvestoren im Rennen. Sollten sie den Zuschlag erhalten, wäre die kartellrechtliche Prüfung wohl unkomplizierter.

Bis Mai will der Konzern über die Zukunft kriselnder Sparten entscheiden

"All diese Optionen bringen für Thyssenkrupp Kapital in Milliardenhöhe", sagt Merz. Der Konzern gehe davon aus, dass die Bieter das Geschäft mit mehr als 15 Milliarden Euro bewerten werden. An der Börse, wo mit einer Offerte über 17 Milliarden Euro gerechnet wurde, kam das nicht gut an: Dort verlor Thyssenkrupp am Freitag zeitweise sechs Prozent an Wert. Der Vorstand will nun bis Ende Februar über die Zukunft der Sparte entscheiden. "Jeder Euro kann ab dann in die Entwicklung unserer Geschäfte gehen", sagt Merz.

Freilich sei es nicht damit getan, nur an Symptomen herumzudoktern, sagt Merz. Wenn Geschäftsbereiche nicht wettbewerbsfähig seien und keinen Wertbeitrag leisteten, müsse man sie in Partnerschaften oder andere Hände geben. Bis Mai, wenn die Einnahmen aus der Trennung von den Aufzügen absehbar sind, will der Konzern über die Zukunft kriselnder Sparten entscheiden. Bis der Umbau insgesamt zu besseren Zahlen führe, könne es zwei bis drei Jahre dauern, sagt Merz.

Seit 2015 arbeitet die 56-Jährige nicht mehr bei Bosch und dessen ehemaligen Sparten. Sie zog zunächst als freie Beraterin in mehrere Aufsichtsräte ein, auch bei Thyssenkrupp. Vergangenen Herbst entsandte das Gremium Merz übergangsweise an die Vorstandsspitze - befristet auf ein Jahr. Bezüglich ihrer Nachfolge hüllt sich Aufsichtsratschef Siegfried Russwurm am Freitag in Schweigen. "Warum streben Sie den Vorstandsvorsitz nicht gleich längerfristig an, damit Sie Ihre Strategie auch selbst umsetzen können", fragt Union-Investment-Mann Pontzen - und erntet Applaus. "Thyssenkrupp hat nur noch einen Schuss frei, und der muss sitzen", sagt Pontzen. "Es geht um nicht weniger als den Bestand des Unternehmens."

© SZ vom 01.02.2020/vd
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