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Thomas Piketty über Ungleichheit:Der Meisterdenker

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Illustration: Hassan al Mohtasib

Führt Kapitalismus wirklich immer zu mehr Ungleichheit? Der Ökonom Thomas Piketty und sein Buch "Kapital im 21. Jahrhundert" wühlen Amerika auf. Ein packendes Buch - aber stimmt auch seine Weltformel?

Ein Essay von Nikolaus Piper

Manche halten Thomas Piketty bereits für einen neuen Karl Marx. Dem Autor dürfte das durchaus willkommen sein. Nicht umsonst hat der 43-jährige Ökonom von der École d'Économie de Paris sein Furore machendes Buch "Das Kapital" genannt, genauer: "Das Kapital im 21. Jahrhundert". Doch der Vergleich führt in die Irre. Karl Marx' Kapital brauchte nach seinem Erscheinen 1867 fünf Jahre, ehe die ersten 1000 Exemplare verkauft waren, und 20 Jahre, ehe die erste englische Übersetzung auf den Markt kam. Weitere fünf Jahre waren nötig, damit eine große Partei - die SPD - zum ersten Mal ein marxistisches Programm verabschiedete.

Gemessen daran erlebt Pikettys "Kapital" einen Triumph. Die französische Ausgabe startete im vorigen Jahr zwar noch verhalten, doch seit im März die englische Übersetzung auf den Markt kam, bricht das Buch alle Rekorde. (Thomas Piketty: Capital in the Twenty-First Century, Harvard University Press Cambridge/London 2014, 696 Seiten). Seit Wochen steht das "Kapital" bei amazon.com auf Platz eins oder zwei der Bestsellerliste, Belletristik eingeschlossen. Bisher wurden knapp 300 000 Exemplare verkauft.

Seine erste Lesereise durch die USA glich der Tour eines Rockstars. Piketty traf Finanzminister Jacob Lew, er redete vor Präsident Barack Obamas Rat der Wirtschaftsberater und dem Internationalen Währungsfonds. In New York trat er zusammen mit den beiden Nobelpreisträgern Paul Krugman und Joseph Stiglitz auf.

Kein Zweifel: Der Franzose hat das richtige Buch zur richtigen Zeit für Amerika geschrieben. Zumindest der liberale Teil des Landes sorgt sich zunehmend wegen der wachsenden Ungleichheit im Land, und "Kapital" liefert die Daten und die Theorie dazu: Wachsende Unterschiede zwischen Arm und Reich sind dem Kapitalismus inhärent - wer die nicht hinnehmen will, muss zu drastischen Maßnahmen greifen, etwa konfiskatorischen Steuersätzen. Auf dem Umweg durch die USA hat Pikettys Botschaft auch Deutschland erreicht.

Einig in der Kritik

Die New York Times reiht Piketty schon unter die "Big Thinker" ein, Meisterdenker, die es schaffen, ein ganzes Jahrzehnt zu definieren - wie die linke Susan Sontag in den Sechzigern, der konservative Alan Bloom in den Achtzigern, oder der liberale Francis Fukuyama ("Das Ende der Geschichte") in den Neunzigern. Folgerichtig wurde Piketty auch zuerst von den Feuilletons auf beiden Seiten des Atlantiks entdeckt. Erst jetzt und mit erheblicher Verspätung setzen sich Ökonomen mit dem Buch auseinander - und sie sind sich ziemlich einig in ihrer Kritik.

Doch zunächst das Positive. Pikettys Kapital ist packend geschrieben, eine brillante Erzählung über Reichtum und Armut. Sie reicht von klassischen Romanen des 19. Jahrhunderts bis zur Auswertung moderner Steuerstatistiken. Die Datenbasis für das Buch hat Piketty zusammen mit seinem Kollegen Emmanuel Saez von der University of California in Berkeley entwickelt. Anders als Karl Marx sagt Piketty nicht den Untergang des Kapitalismus und die Verelendung des Proletariats voraus, aber seine Prognosen sind trotzdem düster: Die Ungleichheit in der Gesellschaft wird weiter zunehmen, was auf lange Sicht die Demokratie untergräbt.

Piketty zitiert die französische Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789, in der es heißt: "Soziale Unterschiede dürfen nur auf dem Gemeinwohl gründen." Deshalb geht es an die Wurzeln eines demokratisch verfassten Gemeinwesens, wenn der Anteil des ererbten - im Gegensatz zum erarbeiteten - Reichtum immer mehr zu nimmt. Genau das sagt Piketty voraus: Die kapitalistische Meritokratie wird durch die "Erbengesellschaft" ersetzt, erst in Europa und Japan, dann zunehmend auch in den Vereinigten Staaten.

Aber Piketty beschreibt nicht nur, er stellt eine Theorie auf. Im Kapitalismus gibt es, so Piketty, ein Grundgesetz: Die Kapitalrendite ist unter normalen Umständen immer höher als die Wachstumsrate des Bruttoinlandsprodukts, es gilt also r>g. Deshalb wächst der Anteil der Vermögen im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung immer weiter. Nur Katastrophen wie Kriege oder Wirtschaftskrisen können diesen Trend unterbrechen. Deshalb stieg die Ungleichheit in den Industrieländern bis 1913, sie ging vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs bis in die Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts zurück und steigt seither wieder. Die Kurven, die Piketty dazu produziert, haben alle eine charakteristische U-Form. In Deutschland machten Privatvermögen 1870 über 600 Prozent des Nationaleinkommens aus, bis 1950 sank der Satz auf unter 200 Prozent. Inzwischen hat er wieder 400 Prozent erreicht. In Großbritannien und Frankreich ist es ähnlich.

Piketty entwickelt den Plan einer weltweiten Vermögensabgabe

Diese Formel und die These, es könne so etwas wie ein ehernes Gesetz des Kapitalismus geben, verleiht Pikettys Buch tatsächlich eine marxistische Anmutung. Und genau hier setzt die Kritik der anderen Wirtschaftswissenschaftler ein. Die Formel r>g ist in der Ökonomie wohlbekannt; sie ist eine der Grundannahmen der neoklassischen Wachstumstheorie, nur hat sie eben mit der Verteilung des Volkseinkommens wenig zu tun. Die Formel würde nur dann einen Trend zu immer größeren Vermögen bedeuten, so schrieb Martin Feldstein, der einflussreiche Harvard-Ökonom, wenn die Menschen ewig lebten. Da dies nicht so ist, werden Vermögen in Wirklichkeit aufgezehrt, geteilt und verschwendet.

Das Ergebnis ist unbestimmt, die Formel ist für Verteilungsfragen irrelevant. Die Kritik haben so oder so ähnlich Ökonomen wie Kenneth Rogoff (Harvard), Hans-Werner Sinn (München) und Peter Bofinger (Würzburg) aufgenommen. Martin Feldstein wies in einem Beitrag für das Wall Street Journal noch auf ein anderes Problem mit Pikettys Analyse hin: Statistiken über das Aufkommen der Einkommensteuer sind nur bedingt aussagefähig, wenn man etwas über Kapitalrendite und Wirtschaftswachstum wissen will. Der Grund ist einfach: Veränderungen im Steuerrecht beeinflussen das Anlageverhalten der Steuerzahler und verfälschen so die Ergebnisse.

Diese wissenschaftliche Skepsis wird aber die Wirkung des "Kapitals" nicht dämpfen. In den USA greifen die Demokraten seine Thesen begeistert auf, "Das Buch beweist: Trickle-down funktioniert nicht", sagt Elizabeth Warren, die Senatorin aus Massachusetts und Hoffnung der Linken und Gewerkschaftsfreunde unter den Demokraten. "Trickle-down" - das ist die konservative Theorie, wonach etwas auch zu den Armen herunter tropft, wenn die Reichen besser gestellt werden. Piketty liefert den Demokraten auch Argumente im Haushaltsstreit mit den Republikanern. Er glaubt, dass man das Problem der Ungleichheit nur mit höheren Steuern lösen kann.

Seine Vorschläge sind so radikal, dass man erst einmal sehen muss, wie viele Politiker sich trauen werden, damit vor die Wähler zu treten. Einkommen jenseits von 500 000 oder einer Million Dollar sollten mit einer Steuer von 80 Prozent belegt werden. Dass solche Sätze konfiskatorisch wirken, ist gewollt: Eine derartige Steuer "brächte der Regierung nicht viel Einnahmen", schreibt er, "weil sie schnell ihr Ziel erreichen würde: die drastische Reduzierung der Gehälter auf dieser Ebene." Piketty hofft, dass die Produktivität der US-Wirtschaft dadurch nicht sinkt und dass kleinere Gehälter stärker steigen. Um das Geld für den Ausbau des amerikanischen Sozialstaates zu bekommen, solle Washington zusätzlich den Steuersatz für Einkommen über 200 000 Dollar auf 50 bis 60 Prozent erhöhen (derzeit sind es 35 Prozent).

Das ist aber noch nicht alles: Piketty entwickelt den Plan einer internationalen Vermögensabgabe von bis zu zwei Prozent auf Kapitalbesitz über fünf Millionen Euro. Das Geld solle dazu verwendet werden, die Abgaben von Kleinverdienern zu senken.

Was wäre gewesen, hätte der US-Fiskus einst Bill Gates mit 80 Prozent besteuert?

Etwas maliziös weist der Ökonom darauf hin, dass konfiskatorische Steuern keine europäische Erfindung sind, sondern eine amerikanische: Im Jahr 1944 stieg der Grenzsatz der Einkommensteuer in den USA auf 94 Prozent. In Europa habe es das nicht gegeben - mit einer Ausnahme: Deutschland zwischen 1947 und 1949, als der Steuersatz bei 90 Prozent lag. "Aber das war in einer Zeit, als die Besatzungsmächte (faktisch die US-Behörden) die Steuertabelle festlegten."

Sieht man einmal von solchen Nettigkeiten ab, zeigt sich an der Steuerfrage das zentrale Problem des Ansatzes von Thomas Piketty. Die Formel r>g suggeriert, der Kapitalismus führe fast gesetzmäßig zu immer mehr Ungleichheit. Um diesen Trend umzukehren, ist jedes Mittel recht. Mehr Gleichheit zu schaffen, erscheint als wesentliches, wenn nicht gar einziges Ziel der Wirtschafts- und Finanzpolitik. Die möglichen Nebenkosten einzelner Maßnahmen spielen dann keine Rolle mehr. Aber bleibt es wirklich ohne Folgen für die Arbeitsproduktivität, wenn der Staat höhere Einkommen konfisziert? Was wäre gewesen, hätte die amerikanische Steuerbehörde einst Bill Gates, Steve Jobs oder Michael Dell ihr Geld weggenommen?

Die missinterpretierte Formel r>g verführt auch dazu, die Frage nach dem "Warum" der wachsenden Ungleichheit nicht mehr zu stellen. Ist es die neue Technik, ist es die Globalisierung, sind es schlechte Schulen? Letzteres spielt in den USA sicher eine Rolle. Oder war es doch die Steuer- und Wirtschaftspolitik? Wer ein historisches Gesetz hat, muss keine Fragen mehr stellen. Piketty unterlässt es auch, andere Methoden zu diskutieren, das Problem der Ungleichheit zu entschärfen. Eine naheliegende Idee wäre es, die Vermögensbildung der Arbeitnehmer viel stärker zu fördern als heute. Wenn das Kapital unter mehr Köpfen verteilt wird, ist das Wachstum des Kapitals kein Problem mehr, sondern eine Chance. Piketty weist diesen Gedanken ausdrücklich zurück, als er die Zukunft der umlagefinanzierten Rentensysteme in den Industrieländern diskutiert: Die Altersversorgung der kleinen Leute soll nicht dem Kapitalmarktrisiko ausgesetzt werden.

"Kapital im 21. Jahrhundert" ist trotz aller Einwände ein faszinierendes Buch. Es liefert eine Stoffsammlung zum Thema Ungleichheit, wie es sie bisher noch nicht gegeben hat. Die politischen Schlüsse allerdings, die Piketty aus seinem Material zieht, würden Wirtschaft und Gesellschaft ihrer Dynamik berauben und daher das Problem, das zu lösen ist, noch verschärfen.

© SZ vom 17.05.2014

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