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Textilindustrie in Bangladesch:Auch die Regierungen der Schwellenländer sind Teil der Abwärtsspirale

Widerstand ist absehbar. AVE-Geschäftsführer Wengler bezeichnete die Idee bereits als "praktisch kaum umsetzbar. Das lässt sich nicht bezahlbar darstellen", warnte er und begründete dies mit der langen Wertschöpfungskette in der Textilwirtschaft, die vom Anbau der Baumwolle über das Spinnen der Garne und Färben der Stoffe bis hin zum Zuschnitt mindestens zehn Stationen umfasse. "Die Idee von einem Siegel klingt gut. Wir können uns das für die letzte Stufe der Verarbeitung der Waren vorstellen, aber nicht für die gesamte Wertschöpfungskette", sagte Wengler. Er erwartet sogar eine Verknappung und Verteuerung der Waren, wenn es zu einer verpflichtenden Einführung eines solchen Siegels für die gesamte Wertschöpfungskette kommen sollte.

Genau dies halten NGOs und Gewerkschaften jedoch für unverzichtbar, wenn eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken gelingen soll. "Die Einführung eines weiteren Siegels allein bewirkt wenig", sagt Sandra Dusch Silva von der Kampagne für Saubere Kleidung.

Zweifel an Fortschritten alleine durch freiwillige Regelungen der Unternehmen schürt eine neue Studie der Ökonomen Ronald Davies und Krishna Chaitanya Vadlamannati aus dem Journal of Development Economics. Ihre Beobachtung: Regierungen aus Entwicklungs- und Schwellenländern versuchten bewusst, im globalen Standortwettbewerb mit dem Verbot von Gewerkschaften und fragwürdigen Arbeitsgesetzen zu punkten. Es entstehe eine regelrechte Abwärtsspirale, schreiben die Wissenschaftler.

Käufer für faire Kleidung gäbe es durchaus

Bei NGOs hält man eine verbindliche Kontrolle der Wertschöpfungskette von Textilien auf Einhaltung ökologischer und sozialer Standards für machbar. Sinnvoll wäre eine Kombination bestehender Ansätze, sagt Dusch Silva und verweist auf den Fairen Handel, die Fair Wear Foundation und den Global Organic Textil Standard (GOTS). Bei der Dachorganisation des internationalen fairen Handels FLO beschäftigt man sich neuerdings mit einer Zertifizierung der gesamten Wertschöpfungskette von Textilien.

Käufer gäbe es für solche Waren - das zeigt auch eine Süddeutsche.de-Umfrage unter Passanten in Münchener Einkaufsstraßen in diesen Tagen: Für faire Kleidung mit gutem Siegel würden mehrere Menschen mehr ausgeben, eine Kundin würde dafür gerne "zehn Euro" zahlen. Man müsse berücksichtigen, dass die Arbeitsplätze in Bangladeschs Textilindustrie auch Familien ernähren, sagt ein Passant. "Man ist gezwungen, billiger einzukaufen", sagt dagegen eine junge Frau, die gerne selbst mehr Lohn hätte.

Wer will, findet schon heute Kleidung, die er mit gutem Gewissen tragen kann. Allerdings gibt es diese Waren meist nur in kleinen Boutiquen oder speziellen Online-Anbietern wie Zündstoff oder dem Bekleidungssyndikat. Beide importieren direkt T-Shirts von einer kleinen Fabrik in Nicaragua. 30 Frauen und Männer nähen dort in Eigenregie in einer genossenschaftlich organisierten Fabrik am Rande der Hauptstadt Managua. Sie zahlen mehr als den Mindestlohn, arbeiten 48 Stunden, erhalten Urlaubs-, Weihnachts- und Krankengeld. Vor allem jedoch arbeiten die Leute fröhlich in der Fabrik. Sie unterhalten sich bei der Arbeit und hören Musik. Das ist das Erste, was einem auffällt, wenn man sie dort besucht.

© SZ vom 24.04.2014/ipfa

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