Tarifabschluss Metallbranche:Menschen bestimmen, Märkte folgen

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Der Tarifabschluss der Metallbranche versucht, eine mittlerweile eingeübte Logik wieder umzukehren: Dem vermeintlichen Zwang der Verhältnisse und der Märkte soll etwas entgegengesetzt werden. Doch funktioniert das? Oder gibt am Ende der Abschluss nur anderen Formen prekärer Beschäftigung noch mehr Bedeutung?

Detlef Esslinger

Wirtschafts- und Finanzpolitiker orientieren sich seit einiger Zeit in der Regel an "den Märkten". Es heißt dann immer, dass man sich auf diese einzustellen habe, dass man deren Vertrauen nicht verspielen dürfe und so weiter. Es ist immer eine geradezu unterwürfige Argumentation: Märkte bestimmen, Menschen folgen. Geht es auch andersherum? Haben Menschen noch die Kraft, selber zu bestimmen, wie sie sich auf Märkten verhalten und wie nicht?

Die IG Metall jedenfalls will sich nicht abfinden mit einer Arbeitswelt, in der Menschen mehr und mehr zu prekären Bedingungen beschäftigt sind. Interessant an dem Tarifabschluss, den die Gewerkschaft den Arbeitgebern der Metall- und Elektroindustrie abgerungen hat, ist diesmal weniger die Lohnerhöhung um 4,3 Prozent - auch wenn die so hoch ist wie seit 20 Jahren nicht mehr. Interessant ist, was darüber hinaus vereinbart wurde: Mitsprache bei der Leiharbeit und die unbefristete Übernahme der Ausgebildeten.

Drei Bedingungen erfüllt

Für die allermeisten Absolventen in der Metallindustrie ändert sich wirtschaftlich zwar nicht viel. Der Bedarf an Fachkräften ist so groß, dass ein Azubi sich schon bisher recht ungeschickt anstellen musste, um hernach in der Arbeitslosigkeit zu landen. Psychologisch aber macht es einen Unterschied, ob man zunächst nur für zwölf Monate oder aber sofort unbefristet übernommen wird - wie es der neue Tarifvertrag grundsätzlich vorsieht. Man kann nun ein Jahr früher beginnen, sein Leben zu planen. Ist das eine Regel, die auch auf andere Branchen übertragbar ist? Generell klagt ja die junge Generation, Perspektiven nur noch in Form von Praktika, Zeit- und Werkverträgen angeboten zu bekommen. Wer diesem Trend etwas entgegensetzen will, braucht dreierlei: eine florierende Branche, eine Gewerkschaft mit Verhandlungsmacht sowie Betriebsleiter, die nicht nur Verwalter, sondern Unternehmer sind, die in der Tarifpolitik Kreativität zeigen. Alle drei Bedingungen sind in der Metallindustrie erfüllt.

Was die Leiharbeit betrifft, so kommen nach wie vor die meisten Betriebe ohne sie aus. Ja, viele Firmen, die Leiharbeiter beschäftigen, betreiben damit keinen Missbrauch. Aber es gibt auch zahlreiche Manager, die ihr eigenes Bedürfnis nach Flexibilität weit über das Bedürfnis der Beschäftigten nach Sicherheit stellen. Sie beschäftigen Leiharbeiter nicht, um Auftragsspitzen zu bewältigen, sondern halten sich diese Beschäftigten als permanente Billiglohngruppe. Solchen Firmenchefs werden nun entweder per Betriebsvereinbarung Beschränkungen auferlegt, oder sie müssen ihre Leiharbeiter spätestens nach zwei Jahren übernehmen. Auch hier ist der Tarifvertrag der Versuch, dem vermeintlichen Zwang der Verhältnisse und der Märkte etwas entgegenzusetzen. Der Abschluss wird entweder der Beweis sein, dass so etwas geht - oder dass derlei nur anderen Formen prekärer Beschäftigung noch mehr Bedeutung gibt, Werkverträgen zum Beispiel.

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