Wettbewerb:Wie Südkorea ein Tigerstaat bleiben will

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Wettbewerb: Lee Young ist in Südkorea Ministerin für mittelständische Unternehmen und Start-ups.

Lee Young ist in Südkorea Ministerin für mittelständische Unternehmen und Start-ups.

(Foto: Ministry for SME and Start-ups)

Der Wettbewerb zwischen Familien-Konglomeraten und Start-ups in Südkorea war bisher unfair. Jetzt sollen sie kooperieren. Kann das gelingen?

Von Thomas Hahn, Seoul

Ministerin Lee Young weiß, wie das ist, sich als Firmengründerin im Land der Chaebols zu bewegen. Sie war ja selbst mal eine und musste schlucken, dass die riesigen Familienkonglomerate wie Samsung, Hyundai oder LG mit ihren historisch bedingten Wettbewerbsvorteilen Südkoreas Wirtschaft dominierten. 22 Jahre ist es mittlerweile her, dass Lee Young die Cybersecurity-Firma Teruten aufbaute. Bis 2020 war sie deren Geschäftsführerin und lebte einerseits von den Chaebols, weil diese ihre Produkte kauften. Andererseits ärgerte sie sich auch über deren unantastbare Markt-Oligarchie, die gerade kreativen Start-ups Ideen und Überlebenschancen raubte. "Das Verhältnis zwischen Chaebols und kleinen und mittelständischen Unternehmen war nicht fair", sagt Lee Young.

Und nun? Da sie seit Mai die Chefin des Ministeriums für SMEs, also für kleine und mittelständische Unternehmen, und Start-ups ist? Zeit der Revanche? Führt sie die Anti-Konglomerate-Politik ein? Im Gegenteil. Lee Young will neue Chancen für die Großunternehmen - allerdings in Zusammenarbeit mit den Kleinen. "Ich glaube", sagt sie, "kleine Unternehmen brauchen große und umgekehrt". Eine umfassende Kooperation zwischen Riesen und Zwergen soll entstehen, damit diese gemeinsam das blasser werdende Image des dynamischen Tigerstaats Südkorea verteidigen.

Südkorea geht es nicht schlecht. Gerade in den aktuellen Krisen, dem Krieg in der Ukraine und fortwährenden Corona-Beschränkungen ihres größten Handelspartners China, zeigt die zehntgrößte Volkswirtschaft der Welt, was sie kann. 2,9 Prozent Wachstum im zweiten Viertel 2022. Das ist besser als die erwarteten 2,5 Prozent. Das Land hat die schlimmste Phase der Pandemie einigermaßen gesund überstanden dank seiner vitalen Industrie, die unter anderem Elektronikgüter, Computer, Autos und Schiffe für den globalen Markt produziert. Das sogenannte "Wunder vom Han River", Südkoreas Aufstieg vom bettelarmen Agrarstaat zur Hightechnation seit dem Ende des Korea-Krieges 1953, hat eben eine Ökonomie hervorgebracht, die etwas aushält. Vor allem dank der Chaebols, die sich einst mit gezielter Staatshilfe, koreanischem Arbeiterfleiß und Geschäftsinstinkt zu Weltfirmen entwickelten.

Das Bild vom Tigerstaat halten manche längst für ein Klischee

Trotzdem muss Südkorea an seine Zukunft denken. Die Bevölkerung altert schnell. Das Bild vom quirligen Tigerstaat halten manche längst mehr für ein Klischee als für ein zutreffendes Prädikat. "Korea ist jetzt eine fortgeschrittene Ökonomie", sagt auch Ministerin Lee, "unsere Wirtschaft wächst nicht mehr so schnell wie früher." Und mit dem Wohlstand sind auch die moralischen Ansprüche gestiegen. Längst gelten die Chaebols nicht mehr nur als Stützen der heimischen Wirtschaft, sondern auch als Hindernis für die Entwicklung des Standorts Südkorea. Warum? Weil die mächtigen Besitzerfamilien lange Zeit nur an ihr Wachstum dachten, wie weltvergessene Königshäuser an Arbeitnehmern vorbeiregierten und mit exklusiven Logistikketten, Einflüssen, Mauscheleien die Preise verdarben. Der Korruptionsskandal, der 2017 die frühere konservative Präsidentin Park Geun-hye ins Gefängnis brachte, zeigte, wie nah Regierung und die Chaebols sich oft waren.

Mittlerweile achtet man bei den Konglomeraten strenger darauf, dass Profis, nicht Erb-Geschäftsleute ihre Unternehmen führen. Aber die Ungleichheit in der südkoreanischen Geschäftswelt ist noch da. Dabei gelten die ganz kleinen bis mittelgroßen Firmen mit den Ideen ihrer Gründerinnen und Gründer als die eigentlichen Motoren der sogenannten vierten industriellen Revolution, in der die digitale Welt mehr denn je mit der wirklichen verschwimmen soll und Südkorea Trends setzen will.

Nach Zahlen von Lee Youngs Ministerium machen SMEs und Start-ups 81,3 Prozent der Arbeitsplätze im Land aus, während die Chaebols zwar über die Hälfte des gesamten Exportumsatzes einnehmen, aber nur 18,7 Prozent der Arbeitsplätze stellen. Gesucht wird also eine neue Harmonie zwischen den ökonomischen Kräften, damit sie nicht unnötig Energie verpulvern im Bemühen um eine florierende K-Wirtschaft. "Die Firmen müssen lernen, voneinander zu profitieren", sagt Lee Young, "denn bisher war das nicht unsere Kultur." Konkurrenzkampf belebt die Marktwirtschaft, deshalb klingt das zunächst mal nicht nach einem Missstand, wenn Firmen um Erfolge wetteifern. Aber die Bedingungen müssen halt für alle gleich sein, sonst haben die Kleinen keine Chance.

Mit einem neuen Ministerium will Südkorea Kleinunternehmen und den Mittelstand fördern

Kleinunternehmen und Mittelstand zu fördern ist auch in Südkorea keine neue Idee. Ab 1996 unterhielt das Industrie-Ministerium eine eigene Organisation dafür. Die vorige Regierung unter dem liberalen Präsidenten Moon Jae-in machte daraus das SME- und Start-up-Ministerium. Aber die neue Regierung des konservativen Präsidenten Yoon Suk-yeol, im März gewählt, seit Mai vereidigt, macht nun den nächsten Schritt: Lee Youngs Ministerium erprobt ein neues System der Preis-Indexierung, damit die Chaebols nicht mehr beliebig die kleinere Konkurrenz unterbieten können. Es schiebt Maßnahmen gegen Technologiediebstahl an. Und netzwerkelt zwischen den Fronten für ein nachhaltiges Wettbewerbsklima bei Arbeitsessen, Taskforce-Meetings, öffentlichen Auftritten. "Wir vertreten die Idee, dass wir alle gegenseitiges Wachstum und Win-win-Situationen auf dem heimischen Markt fördern müssen - aber die Unternehmen gleichzeitig auch ins Ausland gehen, um sich in dieser neuen digitalen Wirtschaft dem globalen Wettbewerb zu stellen und zu einem besseren Status Koreas beizutragen", sagt Lee Young.

Die Chaebols machen mit. Erst Anfang September gab es wieder eine Veranstaltung, die den Schulterschluss zwischen Ministerium, Start-ups und Chaebols demonstrieren sollte. Samsung Electronics zeigte sich dabei als Co-Sponsor der Regierungsinitiative "Win-win Smart Factory", bei der kleine und mittelständische Unternehmen mithilfe von Samsung intelligente Fabriken für die digitale Produktion bauen können. "Die Motivation der Regierung ist natürlich eine andere als die der Chaebols", schreibt Christoph Heider, Präsident der Europäischen Handelskammer in Korea, "die Regierung will Diversifizierung, Identifizierung von neuen Technologien und Wachstumstreibern und somit auch Arbeitsplätze. Die Chaebols wollen ausschließlich neue Technologien und Wachstumstreiber". Und die Gesetzesinitiativen gegen ihre bisherigen Wettbewerbsvorteile finden die Konglomerate bestimmt auch nicht nur gut.

Aber Lee Young ist überzeugt von ihrem Kurs. Sie will das Ende des stumpfen Chaebol-Gewinne-Machens, stattdessen Profit und Anerkennung für die Kleinen, auf die diese bisher keine Chance hatten. "Wir erleichtern gerade die Wende hin zu einer mehr wertegetriebenen, wirklich fortgeschrittenen Wirtschaft", sagt Lee Young. Als Ministerin macht sie jetzt die Politik, die sie sich früher als Firmengründerin gewünscht hat.

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