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Umweltbetrug:Wie Spediteure im großen Stil Lastwagen manipulieren

Sechsspuriger Ausbau A2

Lkw-Fahrer sollen die Ware schnell und vor allem billig transportieren. Nicht immer geht es dabei gesetzeskonform zu.

(Foto: Bernd Thissen/dpa)
  • Ein unauffälliges schwarzes Elektrogerät zahlt sich offenbar für viele Spediteure aus: Sie können damit den Ausstoß von Abgasen manipulieren.
  • Oft sind Manipulationen so ausgefeilt, dass sie bei Routinekontrollen an der Autobahn nicht auffallen.
  • Österreichische Behörden gehen davon aus, dass sich mit einem solchen Gerät ein Drittel der jährlichen Betriebskosten eines Lkws sparen lassen.

Die Anzeige im Internet spricht Bände: Auf stolze 865 zufriedene Kunden kommt der Anbieter aus Italien. Positive Bewertungen? 100 Prozent. 99 Euro kostet sein kleines schwarzes Elektrogerät für die Lkw-Armatur. Und es zahlt sich offenbar aus. Egal ob Volvo, Scania, Mercedes, Renault oder MAN - anwendbar soll es in praktisch jedem Lkw-Fahrerhaus sein.

Der Verkäufer gibt sich erst gar keine Mühe, die illegalen Machenschaften durch das Gerät zu verschleiern. "Dank dieses Emulators können Sie die Abgasreinigung leicht und sicher umgehen", empfiehlt er Europas Spediteuren. "Einfach zu montieren" sei die Sache auch. Was gerade im Internet ein Verkaufsschlager ist, löst in der deutschen Politik ernste Sorgen aus. Denn staatliche Kontrolleure stoßen auch hierzulande immer häufiger auf Manipulationen der Abgasreinigung.

Jährliche Betriebskosten sollen um ein Drittel schrumpfen

Bei 13 300 Kontrollen beanstandeten deutsche Prüfer im vergangenen Jahr 311 Abgasanlagen in Lastern. So geht es aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine kleine Anfrage der Grünen hervor, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt. Selbst die Bundesregierung geht allerdings davon aus, dass solche Zahlen nur einen Teil der Fälle widerspiegeln. Denn oft sind Manipulationen inzwischen so ausgefeilt, dass sie Routinekontrollen an der Autobahn gar nicht auffallen. "Die Bauteile zur Durchführung einer Manipulation" würden aufwendiger, kleiner und seien deshalb "schwieriger aufzufinden", heißt es in der Antwort weiter.

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Die winzigen Schaltanlagen sind bei vielen Lkw-Betreibern offenbar hoch im Kurs. Denn sie senken ihre Kosten deutlich. Österreichische Behörden schätzen, dass sich mit einem 100 Euro teuren Gerät ein Drittel der jährlichen Betriebskosten eines Lkws sparen lassen.

Die Masche funktioniert vor allem bei Lkws mit Motoren der Abgasnorm Euro 5 und Euro 6. Sie sind mit sogenannten SCR-Katalysatoren ausgestattet, die Betreiber allein in der Wartung einige Hundert Euro pro Jahr kosten. Hinzu kommt noch der teure Harnstoff Adblue, der bei diesen Motoren aus einem Tank in den Abgasstrang eingespritzt wird. Dort wandelt er giftige Stickoxide in harmlosen Wasserdampf und Stickstoff um.

Schalten Fahrer die Anlage jedoch mit der illegalen Elektronik aus, fließt auch kein Adblue mehr. Auf 100 Kilometer bedeutet das eine Ersparnis von ein bis zwei Euro. Was wenig klingt, läppert sich. Bei hunderttausend Kilometern Fahrleistung pro Lkw kommen 1000 bis 2000 Euro zusammen. Große Speditionen haben oft Hunderte Laster im Fuhrpark. Fachleute wie Denis Pöhler vom Institut für Umweltphysik an der Universität Heidelberg versuchen, die Dunkelziffer aufzuklären.

Problem auch in anderen Ländern

Im Bundestag stellte Pöhler bei einem Fachgespräch eine Studie vor, die er im Sommer 2018 für die ebenfalls besorgte österreichische Regierung durchgeführt hatte. Dem Wissenschaftler fielen bei seiner Untersuchung etwa 30 Prozent der osteuropäischen Lkws mit hohen Grenzwertüberschreitungen bei Stickoxidwerten auf - jenem Abgas, das auch in Deutschland gerade für Fahrverbote und heftige Diskussionen sorgt. Die Werte seien so hoch, dass sie nur mit einem Ausfall der Abgasreinigung zu erklären seien, erklärte Pöhler. Weil die Motorsoftware moderner Lkws dann aber auf Notbetrieb umstelle, eine Art technischer Kriechgang, kommt laut Pöhler als Grund nur die Manipulation mit Emulatoren infrage.

In vielen Ländern Europas stoßen Fahnder auf das gleiche Problem. Ein Test der spanischen Polizeieinheit Guardia Civil kam Ende März auf eine Quote von 15 Prozent Lkws, die zu hohe Abgaswerte ausstießen. Allein bei einer Spedition aus Madrid stellten die Fahnder 30 manipulierte Diesel-Lkws sicher. Spanien schaltete auch Europas Polizeibehörde Europol ein, weil Spuren nach Frankreich und Großbritannien führten.

Die kleinen Elektrogeräte hätten dem Motor vorgegaukelt, die Abgasreinigung laufe, sei aber ausgeschaltet gewesen, erklärte Europol zu dem aktuellen Fall in der vergangenen Woche. Der Transportverband Camion Pro, der illegale Machenschaften von Speditionen bekämpft, hält die Kontrollen in Deutschland für völlig unzureichend. Die Zahl der entdeckten Manipulationen in der offiziellen Statistik sei vergleichsweise gering, weil die Kontrolleure des zuständigen Bundesamts für Güterverkehr (BAG) nur oberflächlich kontrollieren könnten.

Die Bundesregierung wolle einfach keinen neuen Abgas-Skandal, glaubt Vorstand Andreas Mossyrsch. Dabei geht es um einen wichtigen Bereich des Verkehrssektors. Allein in Deutschland sind laut Kraftfahrtbundesamt drei Millionen Lastwagen zugelassen. Der Anteil der Diesel-Lkws an der besonders problematischen Belastung mit NOx in den Städten liegt laut Umweltbundesamt bei 20 Prozent.

"Erhebliche Mautausfälle"

Im Bundestag wachsen die Zweifel am Umgang der Bundesregierung mit dem Problem. Auch die Grünen fordern einen Ausbau der Kontrollen. "Der systematische Abgasbetrug gefährdet unsere Gesundheit und sorgt für erhebliche Mautausfälle", sagt Stephan Kühn, verkehrspolitischer Sprecher der Fraktion. Denn die Lkw-Maut wird auch abhängig von Schadstoffklassen erhoben. Angesichts der noch immer geringen Kontrolldichte werde die Aufdeckung von Abgasbetrügereien zur Sisyphus-Aufgabe, warnt Kühn. Die staatlichen Kontrolleure bräuchten zudem dringend bessere Prüfgeräte, zum Beispiel zur Abgasmessung im Vorbeifahren, um betroffene Lkws gezielt aus dem Verkehr zu ziehen. Im vergangenen Jahr wurden nur 1,2 Millionen Euro Maut nachgefordert. Abgasbußgelder lagen bei 370 000 Euro.

Denn seit Manipulationen bei den Behörden bekannt sind, haben auch die Trickser nachgebessert. Inzwischen wird die Manipulationstechnik sogar zum Anstecken an die Bordelektronik angeboten. "Bei einer sich anbahnenden Kontrollsituation kann der Emulator entfernt werden", heißt es in der Antwort der Regierung. Damit sind die Geräte für die Prüfer kaum noch zu finden. Auch als Softwarepaket kann man die Täuschung kaufen. Solche Tricks sind für die Prüfer bei Straßenkontrollen nicht mehr aufzuspüren, sondern erst in einer Fachwerkstatt. Die Kontrolleure hätten in der Regel aber nur ein paar Minuten pro Prüfung. Damit sei klar, wie oft man solche Manipulationen finde, heißt es in BAGKreisen: so gut wie nie.