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Proteste von Klimaaktivisten:Siemens stellt Beitrag zu umstrittenem Kohleprojekt in Australien in Frage

Demo Fridays for Future in München

Die Bewegung Fridays for Future organisierte auch eine Demonstration vor dem Siemens-Hauptsitz in München.

(Foto: Tobias Hase/dpa)
  • Siemens-Chef Joe Kaeser traf sich in Berlin mit Vertretern der Protestbewegung Fridays for Future.
  • Grund ist die Beteiligung von Siemens an einem Kohleprojekt in Australien, das heftig umstritten ist.
  • Kaeser bot der Klima-Aktivistin Luisa Neubauer nebenbei auch einen Posten bei der geplanten Siemens Energy AG an.

Von Michael Bauchmüller, Berlin

Als Emily die Mail eines Cousins aus Australien verliest, reiben sich Frauen in Berlin rundherum die Tränen aus den Augen. Berichte über die Buschbrände, über schlecht ausgestattete Feuerwehrleute, eine Regierung, die auf Kohle setzt. "Ich musste auch erst einmal weinen", sagt Emily, die bei Parents for Future aktiv ist. Im Hintergrund laufen Polizisten auf und ab, gegenüber ist die australische Botschaft. Einige Kilometer weiter sitzt Siemens-Chef Joe Kaeser zur gleichen Zeit mit den Klimaaktivisten Luisa Neubauer und Nick Heubeck zusammen. Neubauer ist das bekannteste Gesicht der Fridays for Future in Deutschland. Thema des Treffens: Australien. Die Buschbrände dort sorgen auch im Siemens-Vorstand für Diskussionen. Der Kohle wegen.

Erst im November war bekannt geworden, dass Siemens an einem Kohleprojekt in Australien beteiligt ist. Vom kommenden Jahr an will im Bundesstaat Queensland der indische Kohle- und Energiekonzern Adani im großen Stil Kohle abbauen, um sie in Indien zu verbrennen. Für Australien, den ohnehin größten Kohleexporteur der Welt, wäre es die größte Kohlemine bisher. Kritiker schätzen, dass so vier Milliarden Tonnen Kohlendioxid-Ausstoß entstünden - fünfmal so viel, wie Deutschland im Jahr verursacht. In Zeiten der Rekordhitze in Australien und den unkontrollierbaren Buschbränden sieht das nicht gut aus für den deutschen Konzern.

Der Anteil von Siemens an dem Projekt ist bescheiden, aber wichtig: Der Konzern soll die Signaltechnik für eine Bahnstrecke bauen, mit der die Kohle zum Meer transportiert wird. "Sich an einem solchen Klimakiller-Projekt beteiligen und gleichzeitig als klimafreundliches Unternehmen auftreten wollen, das ist unvereinbar", sagt Regine Richter, die sich bei der Umweltorganisation Urgewald mit dem Projekt beschäftigt. "Die Pläne von Siemens, bis 2030 CO₂-neutral zu werden, wären damit reines Greenwashing." Das Unternehmen mache sich zum Mittäter. Nichts anderes hörte Joe Kaeser am Freitag auch von Fridays for Future.

Neubauer könnte in den Aufsichtsrat der Siemens Energy AG einziehen

Die wiederum hörten auch vom Siemens-Chef nicht viel Neues. Schon im Dezember hatte Kaeser versprochen, über das Projekt noch mal nachzudenken. Er sei sich der Bedenken nicht bewusst gewesen, nehme sie aber sehr ernst, hatte er über Twitter verbreitet. "Ihr verdient eine Antwort", schrieb er.

Die soll es nun am kommenden Montag geben. "Wir werden zügig entscheiden, wie wir mit dieser konfliktären Interessenlage umgehen", sagte Kaeser nach dem Treffen. Aus Siemens-Sicht geht es bei dem 18-Millionen-Projekt nicht nur um die Signaltechnik, sondern auch um Fragen der Vertragstreue - und vermehrt eben auch um den Ruf des Konzerns. "Es ist klar, dass diese Entscheidung nicht einfach ist", sagte Kaeser.

Überall in Deutschland demonstrierten die Fridays for Future am Freitag vor Siemens-Niederlassungen. In München übergaben sie nach eigenen Angaben 57 000 Unterschriften gegen das Projekt. Auf der Internetseite der Bewegung läuft ein neuer Countdown, er zählt die Tage und Stunden bis zur Entscheidung: Montag, 16 Uhr. "Dass Siemens überlegt, hilft dem Klima original gar nicht", sagte Neubauer nach dem Treffen. "Was wir brauchen, sind Siemens und Joe Kaeser, die handeln."

Ganz nebenbei hatte Kaeser zuvor der 23-jährigen Neubauer einen Posten angeboten - im Aufsichtsrat der geplanten Siemens Energy AG. "Ich möchte, dass die Jugend sich aktiv beteiligen kann", sagte Kaeser. Eine Antwort erhielt er nicht. Neubauer will, wie Kaeser, nur darüber nachdenken.

© SZ vom 11.01.2020/vd
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