Siemens Energy:Siemens Energy setzt auf Wasserstoff

Siemens Energy: Die Zukunft des Wasserstoffs steckt in einem Kasten, der so groß ist wie eine Wohnzimmerkommode: Ein Elektrolyseur in der neuen Gigafactory von Siemens Energy in Berlin.

Die Zukunft des Wasserstoffs steckt in einem Kasten, der so groß ist wie eine Wohnzimmerkommode: Ein Elektrolyseur in der neuen Gigafactory von Siemens Energy in Berlin.

(Foto: John Macdougall/AFP)

Der Energietechnikkonzern eröffnet in Berlin eine Fabrik für sogenannte Elektrolyseure. Wären da nicht die Probleme mit der Windenergietochter Gamesa.

Von Michael Bauchmüller und Thomas Fromm

Die Huttenstraße im Berliner Stadtteil Moabit wirkt auf den ersten Blick nicht wie ein Ort, an dem noch Zukunft geschrieben wird. Auf einem riesigen Fabrikareal, errichtet zu Beginn des vorigen Jahrhunderts, reiht sich hier Fabrikhalle an Fabrikhalle, feinste Industriearchitektur in rotem Backstein. Davor stehen riesige, meist runde Stahlteile. Seit Jahrzehnten schon werden an der Huttenstraße Turbinen für Gaskraftwerke gefertigt. Und jetzt zieht in eine der Hallen die Zukunft ein: Elektrolyseure sollen hier gebaut werden. Jene großen Geräte, mit denen Wasserstoff, der Energieträger der Zukunft, produziert wird.

Seit der alte Siemens-Konzern vor drei Jahren sein Energietechnikgeschäft mit 90 000 Beschäftigten unter dem Namen Siemens Energy abgespalten und an die Börse gebracht hat, firmiert all das, was hier noch steht, unter: Siemens Energy. "Heute eröffnen wir das nächste Kapitel", sagt Siemens-Energy-Chef Christian Bruch. Nicht weniger als eine "Gigafactory" hat der Konzern am Mittwoch an der Huttenstraße eröffnet. Gigafactory, so wie auch der US-amerikanische Elektroautobauer Tesla ja längst keine schnöden Fabriken mehr baut, sondern "Gigafactorys".

Der Kanzler spricht von einem "Industriemärchen"

Wo eine neue Fabrik gleich "giga" ist, und zudem eine für die Energieerzeugung der Zukunft, da sind weder der Kanzler fern noch sein Wirtschaftsminister. "Es war einmal: So fangen Märchen an, auch Industriemärchen", sagt Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD). Was hier entstehe, sei "ein bedeutender Meilenstein für Europas Wettbewerbsfähigkeit". Und Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) findet, dass diese Elektrolyseur-Produktion eine "Benchmark in Deutschland und Europa" sei. Und er sagt: "Herzlichen Glückwunsch - und mehr davon!"

Für alle hier steckt in Halle 60 eine Verheißung. Für Siemens Energy ist es der Einstieg in ein Geschäft, das in den nächsten Jahren massiv wachsen dürfte - und das vielleicht mit weniger Problemen als die Windkraft-Sparte Siemens Gamesa. Diese macht Milliardenverluste, wegen ihrer Probleme verhandelt der Konzern gerade mit der Bundesregierung über staatliche Garantien in Höhe von 15 Milliarden Euro. In diesen Wochen, in denen Siemens Energy vor allem für schlechte Nachrichten wegen seines kriselnden Geschäfts mit Windturbinen steht, kommt die Eröffnung so einer Elektrolyseur-Gigafactory womöglich ganz gelegen - endlich mal wieder gute Nachrichten.

Eine solche Fabrik, ausgerechnet in der Hauptstadt

Für Habeck und Scholz passt der Termin ohnehin, für sie materialisiert sich hier die grüne Transformation der deutschen Wirtschaft. Jener große Plan der Ampelkoalition, der zurzeit bestenfalls in den Anfängen zu bestaunen ist. Und schon gar nicht in der Hauptstadt. "Die Kassandrarufe von der De-Industrialisierung Deutschlands und Europas führen vollends in die Irre", sagt der Kanzler.

Die Elektrolyseure, die hier gebaut werden, sind unscheinbare Kästen wie der "Silyzer 300", sogenannte Stacks. Mit ihren Membranen spalten sie Wasser in die Elemente Wasserstoff und Sauerstoff, und dazu brauchen sie nur elektrischen Strom. Weshalb die Elektrolyse auch als Wunderwaffe für den Klimaschutz dient: Denn überschüssiger erneuerbarer Strom, zum Beispiel aus Windrädern, lässt sich so in grünen Wasserstoff wandeln. Der wiederum kann elegant alle möglichen fossilen Brennstoffe ersetzen: Den Koks etwa in der Stahlindustrie, oder Erdgas in Kraftwerken. In flüssiger Form kann er Flugzeuge antreiben, als grüner Ammoniak Schiffe. Ein eigenes "Wasserstoff-Kernnetz" soll entstehen, das die Industriezentren des Landes mit dem Stoff versorgt - die Planungen dafür liegen in den letzten Zügen. In Kürze würden die entsprechenden Pläne vorgestellt, kündigt Habeck in Halle 60 an. "Bis 2030 werden wir eine große Wasserstoff-Infrastruktur haben." Mit einem Gigawatt Elektrolyse-Kapazität soll die neue Fabrik starten, aber schon bis 2025 die Produktion auf drei Gigawatt steigern. Partner von Siemens Energy ist die französische Air Liquide, die auch gleich zwölf Elektrolyseure abnehmen will. Das Projekt ist auch eines für die deutsch-französische Freundschaft.

Vieles hängt nun von Milliardengarantien ab

Auch damit diese Pläne umgesetzt werden können, braucht Siemens Energy Milliardengarantien. Die Krise im Windgeschäft überschattet längst auch die anderen Sparten des Unternehmens, den Kraftwerksbau oder die Installation großer Stromleitungen. Es sind langfristige Projekte, für die der Konzern Milliardengarantien hinterlegen muss, die ihm die Banken wegen der Milliardenverluste und des verschlechterten Kreditratings nicht mehr so einfach hinterlegen. Bundeskanzler Scholz erklärte am Mittwoch, er sehe die Verhandlungen über staatliche Garantien auf gutem Weg. Man befinde sich in sehr konstruktiven Gesprächen über ein solches Garantie-Paket. Beteiligt seien auch ein Bankenkonsortium und der Großaktionär Siemens AG, der immer noch 25,1 Prozent an der früheren Tochter hält. Er erwarte, "dass jetzt alle Beteiligten ihren Beitrag leisten", sagte Scholz.

Was er Siemens Energy wünsche, wird Wirtschaftsminister Habeck noch gefragt. Die Antwort ist nicht ohne Süffisanz: Dass das Unternehmen in einem Jahr "gut funktionierende Windräder" baue, um die Elektrolyseure zu betreiben. In Halle 60 versteht diesen Scherz jeder.

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