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Autoindustrie:Marchionne hat Fiat verändert

Fiat Chrisler-Vorstand Sergio Marchionne

Man in black: Größe und Macht, das waren immer die Koordinaten des Sergio Marchionne.

(Foto: dpa)

Der Manager musste erst vor wenigen Tagen aus gesundheitlichen Gründen den Chefposten bei Fiat Chrysler räumen. Sein Nachfolger hat eine schwierige Aufgabe vor sich.

In den vergangenen Jahren reiste Sergio Marchionne als ewiger Man in black durch die Autowelt. Das sah dann so aus: Um ihn herum standen die Automanager in Anzug und Krawatte, der Fiat-Chrysler-Chef mittendrin: dunkle Hose, schwarzer Pulli, darunter ein Karo-Hemd. Marchionne, der seine Karriere als Anwalt und Wirtschaftsprüfer bei Verpackungsfirmen begann, machte ein klares Statement: Er, der Nonkonformist in der globalen Management-Elite, pfeift auf die Regeln der anderen. Er hat seine eigenen.

Als Fiat-Chrysler mitten im VW-Abgasskandal mögliche Diesel-Manipulationen vorgeworfen wurden, sagte der Nonkonformist: "Wer uns mit dem deutschen Unternehmen vergleicht, hat etwas Illegales geraucht." Kiffend durch die Dieselkrise? In einer Branche, in der nicht nur die Autos, sondern auch die Worthülsen der Manager oft aus vorgefertigten Baukästen bestehen, war Marchionne erfrischend direkt.

Der Nachfolger ist Brite und hat bisher die Konzerntochter Jeep geführt

Eigentlich sollte er noch bis April 2019 im Amt bleiben. Erst am Wochenende teilten Fiat-Chrysler und seine Tochter Ferrari, an deren Spitze Marchionne ebenfalls stand, überraschend den Rückzug des 66-Jährigen mit. Die Mitteilung klang nur wenig nach einer üblichen Vorstandspersonalie. Man habe "mit tiefem Schmerz" die Nachricht erhalten, dass nach einer Operation "unerwartete Komplikationen" aufgetreten seien, "die sich in den vergangenen Stunden ernsthaft verschlechtert haben". Nach offiziellen Angaben wurde Marchionne vor einigen Wochen in Zürich an der rechten Schulter operiert. Am Mittwoch wurde bekannt, dass Marchionne im Krankenhaus verstarb. "Es war ein Privileg, Sergio in all den Jahren an meiner Seite gehabt zu haben", sagte Fiat-Verwaltungsratschef John Elkann, der Enkel des früheren Fiat-Chefs und Familien-Patriarchen Gianni Agnelli. Er soll nun auch neuer Präsident von Ferrari werden.

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Der Manager Sergio Marchionne unterzog sich kürzlich einer Schulteroperation. Offenbar gab es Komplikationen, die den 66-Jährigen nun zum Aufhören zwingen.

Der Nachfolger an der Fiat-Chrysler-Spitze heißt Mike Manley, ist ein 54-jähriger Brite und hat bisher die Konzerntochter Jeep geführt. "Er ist keiner mit einem übergroßen Ego", beschreibt eine Analystin den Neuen. Was nichts anderes bedeutet als: Manley ist kein zweiter Marchionne. So oder so, der Konzern steht ohne Marchionne vor einer gigantischen Zäsur. Jahrzehntelang wurde Fiat, 1899 in Turin gegründet, von der piemontesischen Industriellen-Familie Agnelli geprägt und beherrscht. Im Sommer 2004 dann wurde Marchionne Vorstandschef, und der Clan der Agnellis sah zu, wie aus ihrem Autokonzern im Laufe der Zeit eine One-Man-Show wurde. Die Marchionne-Show.

Aber eine mit Erfolg. Als Marchionne kam, verheizten die Turiner Milliarden im Jahr. Die einst so stolze Autodynastie war ein hoffnungsloser Sanierungsfall. Der "Bulldozer", wie ihn einige in Turin nannten, war nicht der klassische Sanierer. Der Italo-Kanadier aus den süditalienischen Abruzzen, dessen Vater noch als Carabiniere gearbeitet hatte, rollte über die alte Turiner Auto-Ikone hinweg. Er zerschlug die alten Management-Strukturen, strich Jobs, legte sich mit Italiens alter Politiker-Kaste und den Gewerkschaften an und fusionierte das Unternehmen mit dem US-Autobauer Chrysler.

Er brachte die Tochter Ferrari an die Börse und setzte sich selbst an die Spitze des Sportwagenbauers, indem er die alte, graue Ferrari-Eminenz Luca di Montezemolo nach einem erbitterten Machtkampf vom Hof jagte. "Wir sind Freunde, aber niemand ist unersetzlich", sagte Marchionne, kurz bevor der Kampf der großen Egos dann entschieden war. Größe und Macht, das waren immer die Koordinaten des Sergio Marchionne. Für ihn waren nur große Autobauer erfolgreich. Fünf Millionen Autos im Jahr sollte ein Massenhersteller schon produzieren. Im Frühjahr 2009 hätte der Mann daher gern auch den angeschlagenen Hersteller Opel übernommen - am Ende scheiterte sein Übernahmeplan.