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Schweizer Banker meiden Ausland:Zwangsurlaub in den Bergen

Zehntausend Schweizer Bankern bleibt in diesem Sommer wenig anderes übrig, als in den Bergen zu entspannen. Sie werden wohl in der Heimat Urlaub machen - denn im Ausland könnten sie verhaftet und an die USA ausgeliefert werden. Einen Ausweg gibt es nur für ihre Chefs.

Sommerzeit, Urlaubszeit, Reisezeit: Endlich raus aus dem durchwachsenen Sommer, irgendwohin, wo Sonne garantiert ist. Wie jedes Jahr sind Millionen Menschen auf Achse, nur Tausende Schweizer Bankangestellte bleiben diesmal lieber zu Hause. Sie werden ihre Ferien irgendwo zwischen Genf und St. Gallen verbringen - aus Angst, jenseits der Grenzen festgenommen und womöglich an die USA ausgeliefert zu werden.

Wengen Schweiz, Bergpanorama

Auch nicht schlecht: Urlaub in der Schweiz.

(Foto: iStockphoto)

Neben der rechtlichen Fragwürdigkeit der Maßnahme war es wohl auch schlechtes Timing, als mindestens fünf Schweizer Banken am 4. April die Namen von etwa 10.000 Mitarbeitern im Offshore-Banking den US-Justizbehörden übermittelten. Denn mittlerweile dürften die USA erste Verdächtige ausfindig gemacht haben. Das Problem ist nur, dass niemand weiß, ob er zu dieser Gruppe gehört.

All die inkriminierten Männer und Frauen hatten irgendwann in den vergangenen zehn Jahren in der einen oder anderen Form für US-Kunden gearbeitet - und ihnen, so der Verdacht, womöglich dabei geholfen, Steuern zu hinterziehen. Gegen insgesamt elf Schweizer Banken ermittelt das Department of Justice seit Jahren wegen Beihilfe zum Steuerbetrug. Das Management dieser Institute hatte die Schweizer Regierung bestürmt, die Freigabe der persönlichen Mitarbeiterdaten zu genehmigen, weil es sich davon Fortschritte bei einer Lösung des Steuerstreites erhoffte.

Von einer solchen Lösung aber ist man so weit entfernt wie eh und je. Dafür sind zahllose Angestellte ins Visier der Fahnder geraten. "Die Arbeitnehmer sind verunsichert", erklärte Sabina Gasser vom Schweizerischen Bankenpersonalverband (SBPV). Die Interessenvertretung hat eine Hotline eingerichtet, denn viele Angestellte wissen gar nicht, ob ihre Daten überhaupt weitergegeben wurden. "Die Informationspolitik der Banken ist äußerst undurchsichtig", klagt Gasser. "Manche Angestellte erhalten Auskunft, andere nicht einmal, wenn sie sie per Anwalt einfordern." Unter diesen Umständen wurden Auslandsreisen vorsichtshalber gestrichen - nicht nur nach Amerika. Auch der Einkaufsbummel ins deutsche Konstanz könnte manchem Bankmitarbeiter wie ein Abenteuer-Trip vorkommen. Die Unsicherheit hat auch ernstere Folgen, zumal für jene, die nicht mehr für ihre alte Bank arbeiten. "Es gibt Leute, die von ihrem neuen Arbeitgeber entlassen wurden, als sich herausstellte, dass sie nicht in die USA reisen können", berichtete Gasser. Andere finden keinen neuen Job, wenn sie zugeben müssen, dass ihre Reisemöglichkeiten beschränkt sind.

Der SBPV hat mittlerweile ein Gutachten in Auftrag gegeben, das feststellen soll, ob die Banken ihre Fürsorgepflicht oder den Datenschutz verletzt haben. In Genf ging bereits eine erste Zivilklage gegen den Schweizer Ableger der britischen HSBC-Bank ein; eine weitere Klage gegen die Credit Suisse in Zürich soll folgen.

Schadenfreude, dass es mit dem erzwungenen Reiseverzicht die Ober-Spitzbuben der Branche trifft, ist freilich nicht angebracht. Topmanager und Angehörige der Geschäftsleitung haben einen Sonder-Deal mit den US-Behörden geschlossen. Golfen auf der Insel Martha's Vineyard oder Segeln vor Key West sind für sie daher kein Problem.

© SZ vom 27.07.2012/vgr
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