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Datenschutz:Schufa will Konten der Deutschen durchstöbern

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Die Daten für die Prüfung werden nur für den Zweck und ganz kurz gespeichert, heißt es von Seiten der Schufa.

(Foto: imago images/everythingpossible)

Die Auskunftei arbeitet an einem tiefen Einblick in die Finanzen der Bankkunden. Ein erster Test läuft bereits. Datenschützer fürchten Nachteile für die Verbraucher.

Von Nils Wischmeyer, Köln

Die Nachwirkungen verfolgen Andrea Böhm noch immer. Vor einigen Jahren war sie unter unglücklichen Umständen in die Privatinsolvenz gerutscht. Seither hat die Frau, die ihren richtigen Namen nicht in der Zeitung lesen will, sich rausgeboxt, steht heute wieder auf eigenen Füßen. Die Probleme hörten aber nicht auf. Weil ihr Schufa-Score - also der Bonitätswert, den die Auskunftei für sie berechnet - sehr schlecht ist, kommt sie kaum an Verträge und Kredite. Für ihre Wohnung musste sie monatelang suchen, sogar einen Bürgen brauchte sie.

Da klingt das Angebot "Schufa Check Now", das die Auskunftei zusammen mit dem Telefonanbieter Telefónica/O2 zurzeit testet, wie eine echte Hilfe. Der Deal: Die Auskunftei will die Kontoauszüge der Verbraucher durchleuchten, prüfen, ob es besser aussieht, als der Score vermuten lässt, und ihnen so eine zweite Chance auf den Vertrag einräumen. Die Daten dazu werden nur für den Zweck und ganz kurz gespeichert, heißt es von Seiten der Schufa. Im aktuellen Testlauf speichere man zudem gar keine Daten.

Doch nach Recherchen von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung ist das nur ein kleiner Ausschnitt großer Pläne. Wie aus internen Dokumenten hervorgeht, verfolgt die Schufa mit diesem Dienst offenbar das Ziel, einen detailgetreuen Einblick in Millionen Kontoauszüge zu bekommen. Dieses Wissen könnte möglicherweise in eine Art Superscore fließen. Zum Nachteil von Verbrauchern, wie Datenschützer fürchten.

Wie die Wiesbadener Auskunftei an Daten gelangen könnte, zeigt der aktuelle Test mit Telefónica. Auf der Webseite steht ein kleines Kästchen, das Verbraucher freiwillig anhaken können. Es wäre ein Klick mit großen Auswirkungen. Mit ihm nämlich gibt der Kunde der Auskunftei die Erlaubnis, seine Kontoauszüge zu lesen, diese Daten für zwölf Monate zu speichern und daraus auch theoretisch eigene Produkte zu entwickeln. Die Schufa betont, dass man in der aktuellen Testphase keine Daten speichere. "Über die spätere Ausgestaltung des finalen Produktes können wir derzeit daher noch keine Auskunft geben."

Die Schufa bekommt so Auskunft über Gehalt, Unterhaltszahlungen, aber auch Ausgaben für Garten und Wellness

Was ein Blick auf die höchstpersönlichen Kontodaten offenbaren kann, das wissen sie bei der Schufa offenbar sehr wohl. In diesem Jahr beispielsweise hielt der Vertriebsmanager einer Tochterfirma einen Vortrag vor einigen potenziellen Kunden. Auf einer Folie zeigte er zwölf Kategorien und 65 Unterkategorien, die man auslesen könnte. Dazu gehören beispielsweise das Gehalt, Unterhaltszahlungen, Ausgaben für Heimwerken und Garten, für Strom, für Gas, für Versicherungen oder für Wellness. Außerdem könne man sogenannte "Risikofaktoren" erkennen, beispielsweise Glücksspiel oder Zahlungen an Inkassoinstitute. Was die Schufa zwölf Monate lang mit diesen Daten machen will, wollte sie auf Anfrage nicht sagen.

Datenschützer sind entsetzt. Peter Schaar, von 2003 bis 2013 Bundesdatenschutzbeauftragter, vermutet, dass niemand die "tatsächliche Reichweite dieser Einwilligung überschauen" kann. Dabei mache man sich mit der Erlaubnis "wirklich nackig", sagt Schaar. Er fürchtet, dass so umfassende Persönlichkeitsprofile entstehen - zum Nachteil der Verbraucher. "Wenn jemand sich an irgendwelchen Online-Wetten beteiligt, dann wird das sich sicherlich nicht positiv auf die Bonität auswirken", sagt er. Der Kunde bekäme womöglich nicht nur keinen Handyvertrag, sondern "auch keinen Versicherungsvertrag oder keinen Kredit", fürchtet Schaar.

Thilo Weichert, bis 2015 Datenschutzbeauftragter des Landes Schleswig-Holstein, findet das ebenfalls "hochproblematisch". Die hochsensiblen Daten würden hier ausschließlich im Unternehmensinteresse verwendet, ohne dass der Betroffene das nachvollziehen könne: "Das ist für mich tatsächlich ein Horror."

Bisher kennt die Schufa nach eigenen Angaben weder Einkommen noch Vermögen der Menschen

Die Pläne würden weit über das hinausgehen, was die Schufa bisher macht. Sie selbst sagt, dass sie weder das Einkommen noch das Vermögen der Menschen kenne. Mit dem Blick aufs Konto oder mithilfe der Datenspende, wie sie über das kleine Kästchen geschehen könnte, würde sich das schlagartig ändern.

Interne Unterlagen und Auftritte in den vergangenen Monaten lassen vermuten, was die Schufa seit 2018 für Pläne schmiedet. Damals kaufte sie Fin Api. Das Münchener Start-up bringt einen großen Vorteil mit sich: Es hat eine Lizenz der Finanzaufsicht Bafin fürs Lesen von Konten, was aufgrund einer EU-Richtlinie rechtlich möglich ist. Bereits vor dem Zukauf, so zeigt es ein Dokument, spielte man mit dem Gedanken einer kontinuierlichen Kontoeinsicht sowie einer regelmäßigen Übertragung und Speicherung der Daten bei der Schufa zur "Berechnung von Scores bei jeder Anfrage".

In einer Präsentation von 2019 wird es konkreter. Dort listet die Schufa unter dem Punkt "aktuelle Produktentwicklungsansätze" einige Vorschläge auf: "Neue Scores, Ergänzung bestehender Scores um zusätzliche Indikatoren, zudem Kontoführungsscores, integrierte Scores, diverse Affinitätsscores". Was bedeutet, dass die Schufa die Vorlieben der Verbraucher erkennen und bewerten könnte.

Fast zwei Jahre später, am 4. November, ging das Projekt "Schufa Check Now" als Webseite online, inklusive des kleinen Kästchens zur freiwilligen Einwilligung in eine Datenspende. Pikant: Während sich Schufa-Mitarbeiter einen Tag vor dem Pilotstart zumailen: "Drückt uns die Daumen, dass die Lösung fliegt", sind die zuständigen Landesdatenschützer in Bayern noch ahnungslos. Sie erfahren von dem Test erst am Tag nachdem die Seite online gegangen ist. Aktuell prüft das Landesamt für Datenschutzaufsicht den Sachverhalt. Der Leiter der Behörde, Michael Will, zeigte sich aber skeptisch, beispielsweise, ob diese Kombination der Firmen "so legitim, so hinnehmbar" sei. Seien es doch "zwei unterschiedliche Geschäftsmodelle, mit denen wir es hier zu tun haben".

Auf Anfrage teilt Telefónica/O2 mit, man teste "lediglich in einem Pilotprojekt" mit einer geringen Zahl von Nutzern die Akzeptanz für ein solches Verfahren. Die Teilnahme sei freiwillig. Datenschutzrechtlich verantwortlich sei die Schufa.

Die Schufa verweist bei vielen Fragen auf rechtliche Vorgaben und eine Pressemitteilung. Darin heißt es, die Einwilligung für "Schufa Check Now" sei ebenso wie die weitere Verarbeitung von Daten freiwillig. Eine Datenverarbeitung der Kontoauszüge finde zudem nur statt, "wenn der Verbraucher - und zwar ausdrücklich und unabhängig von der eigentlichen Dienstleistung - eine gesonderte Einwilligung" erteile. Welchen Vorteil Kunden von einer solchen Datenspende haben, die nichts mit der Dienstleistung zu tun hat, erklärte die Schufa nicht.

© SZ
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