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Schokolade:Darum ist das Ü-Ei in den USA verboten

Ferrero - Überraschungsei

Geniale Idee eines Italieners: Das Überraschungsei.

(Foto: Nestor Bachmann/dpa)
  • Ein US-Gesetz von 1938 untersagt Süßigkeiten, die nicht essbare Objekte enthalten - ein Ausschlusskriterium für das Überraschungs-Ei.
  • Ferrero möchte eine alternative Variante nun endlich auf dem US-Markt etablieren.
  • Die Kampagne "Free the Egg" sammelt unterdessen Unterschriften für eine Petition zur Legalisierung.

Das Ei ist ein Blender. Es ist Ei-förmig und kommt in den üblichen orange-weißen Kinderschoko-Farben daher. Auch die Größe stimmt, es ist exakt so groß wie ein Überraschungsei. Erster Verdachtsmoment: Das Ei steckt in einer Plastikschale statt der bedruckten Alufolie. Wer sie knackt, wird jeder Illusion beraubt. Es handelt sich bei "Kinder Joy" keinesfalls um ein Kinder-Überraschungsei.

"Kinder Joy" besteht aus zwei sauber voneinander abgetrennten Plastikhälften. In der einen schwimmt eine blasse, süße Creme mit zwei Schoko-Waffeln, die man mit einem beigefügten Plastiklöffel löffeln muss. In der anderen steckt ein Spielzeug - eine Sammelfigur oder etwas zum Zusammenbauen. Der Knackpunkt ist die fein säuberliche Abtrennung. Niemand, wirklich gar niemand, der die Creme löffelt, könnte aus Versehen am Spielzeug ersticken.

Mit dieser Abwandlung, in anderen Ländern schon seit 2001 auf dem Markt, hat es die Firma Ferrero nun nach Jahrzehnten voller Streit und Enttäuschung endlich in die USA geschafft. Das Land, in dem Minderjährige vielerorts problemlos ein Sturmgewehr kaufen können, hat Überraschungseier nämlich verboten. Der Grund: Erstickungsgefahr durch Verschlucken. Ein Gesetz von 1938 untersagt Süßigkeiten, die nicht essbare Objekte enthalten. "Kinder Joy" dagegen ist nun genehmigt.

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Es ist nicht so, dass den Amerikanern die Freuden der Ü-Eier bis dato unbekannt gewesen wären. Viele Menschen verreisen in Länder, in denen das "Kinder Egg" nicht als Bedrohung der Volksgesundheit gilt. Wer Amerikaner mit Kindern aus einem der ei-libertären Länder besucht, wird gern aufgefordert, doch ein paar der begehrten Schoko-Objekte in die USA zu schmuggeln. Das US-Zollamt weist regelmäßig darauf hin, dass Kinder "Surprise Eggs" nicht ins Land dürfen. Erst vor wenigen Tagen erließ es "Einfuhr-Warnhinweis Nummer 34-02" und bekräftige das Verbot gerade rechtzeitig vor Ostern. 2012 teilte die Behörde mit, dass im Vorjahr mehr als 60 000 Ü-Eier beschlagnahmt wurden. Wer erwischt wird, riskiert Geldstrafen.

An der Überraschungsei-Tradition nimmt also die weltgrößte Konsumnation nicht teil. Die Idee hatte der legendäre Erfinder Michele Ferrero im italienischen Alba ausgebrütet, Ostern 1974. Der 2015 verstorbene Konzernpatriarch versteckte unter der dünnen Hülle aus 20 Gramm Kinderschokolade Plastik-Schlümpfe oder zusammensteckbares Minispielzeug. Das Ei wurde zum dauerhaften Verkaufsschlager in 90 Ländern der Welt. Dem Schoko-Tüftler Ferrero, der 1964 auch Nutella erfand, schlug anfangs Skepsis entgegen. "Ich bestellte 20 Maschinen für die Herstellung der Eier, aber im Unternehmen hielten sie mich für verrückt und stoppten die Bestellung", erzählte der Industrielle einmal. Er musste selbst eingreifen, um die Order auf den Weg zu bringen. Inzwischen legt der drittgrößte Süßwarenhersteller der Welt jährlich Milliarden Schoko-Eier.

Seit 2011 läuft die Kampagne "Free the Egg"

Nur nicht in den USA. Im Supermarkt in New York ist selbst "Kinder Joy" schwer zu finden. Manchmal gibt es Kinder Bueno oder Happy Hippos, immer im Angebot ist Nutella, die inzwischen ein Riesen-Hit ist. Die Plastik-Eier lassen sich aber bei Amazon bestellen, für rund 1,80 Dollar pro Stück. Es gibt übrigens eine Variante für Mädchen (pink) und Jungen (blau).

Bislang schreibt Ferrero in den USA nur sechs Prozent seiner 10,5 Milliarden Euro Umsatz. Doch 76 Jahre nach der Gründung des Unternehmens hat der Konzernerbe Giovanni Ferrero Amerika entdeckt. Unter dem zugeknöpften Familienoberhaupt Michele Ferrero war der Zukauf von Marken oder Konkurrenten tabu gewesen. Als der Sohn 2015 übernahm, begab er sich umgehend auf Einkaufstour. In drei von bisher fünf Fällen schlug Ferrero in den USA zu. Nach den Übernahmen des Schokoladenherstellers Fannie May und des Bonbon- und Kaugummi-Spezialisten Ferrara Candy schnappte sich der Italiener im Januar in einem Bietergefecht das US-Süßwarengeschäft des Konzerns Nestlé für 2,8 Milliarden Dollar. Hinter Mars und Hershey ist Ferrero so zur Nummer drei auf dem größten Markt für Süßigkeiten aufgestiegen. So werden die USA die bisher wichtigsten Absatzmärkte Deutschland und Italien übertrumpfen - auch Dank "Kinder Joy".

Für echte Ü-Ei-Fans ist "Kinder Joy" ein schwacher Trost. Seit 2011 läuft die Kampagne "Free the Egg", die Unterschriften für eine Petition zur Legalisierung sammelt. Hinter der Initiative steht Leslie Dannelly, die für die echten Eier kämpft, aber auch die Ersatzeier nicht ablehnt. "Meine Kinder waren nicht glücklich. Ich mag sie aber sehr", sagt sie. Warum die US-Gesetze die echten Ü-Eier verbieten, versteht sie nicht. Es gebe zwar Todesfälle durch Verschlucken. Die Wahrscheinlichkeit, daran zu sterben, sei aber geringer, als tödlich vom Blitz getroffen zu werden.

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