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Schmiergeld-Affäre:Neue Zeugenaussagen belasten Ecclestone schwer

Bernie Ecclestone

Er liebt die Formel 1 - und sein angenehmes Leben: Bernie Ecclestone

(Foto: dpa)

Formel-1-Chef Ecclestone will wieder unbeschwert leben können. Um die Bestechungsvorwürfe aus der Welt zu schaffen, hat er schon 50 Millionen Dollar geboten. Doch das dürfte nicht reichen. Denn aus Sicht der Staatsanwaltschaft fügt sich alles nahtlos zusammen.

Bernie Ecclestone ist durch die Formel 1 zu großem Reichtum gekommen, aber über sein Vermögen redet der Renn-Chef nur sehr ungern. Er lebe mehr als angenehm, sagt der inzwischen 82-jährige Geschäftsmann aus London allenfalls. Das ist, typisch Brite, stark untertrieben. Ecclestone ist Teilhaber der überaus profitablen Formel 1; außerdem besitzt er schöne Immobilien und einiges mehr. Das US-Wirtschaftsmagazin Forbes taxiert ihn und seine Familie aktuell auf 3,8 Milliarden Dollar. Ein großer Teil davon gehört zwar einer Stiftung seiner zweiten Ehefrau und der beiden gemeinsamen Kinder. Doch der Brite, ein Schlitzohr sondergleichen, hat vorgesorgt. Bei der Scheidung ließ er für einen gewissen Zeitraum jährliche Unterhaltszahlungen von 100 Millionen Dollar festschreiben. Von ihr für ihn, nicht etwa umgekehrt.

Von seinem großen Reichtum wird Ecclestone womöglich einiges abgeben müssen, will er die Schmiergeld-Anklage aus München halbwegs unbeschadet überstehen. Einen ersten Versuch, die leidige Affäre mit Geld aus der Welt zu schaffen, hat der Renn-Boss bereits vor einem Jahr unternommen. Über Unterhändler bot der Formel-1-Chef an, gut 50 Millionen Dollar zu zahlen, was öffentlich bislang nicht bekannt ist.

Die 50 Millionen waren für Bayerns Landesbank gedacht. Deren früheren Vorstand Gerhard Gribkowsky soll Ecclestone bestochen haben, um seine Macht im Renn-Zirkus zu sichern. Das wiederum soll zulasten der BayernLB gegangen sein, die mal Hauptaktionärin der Motorsportserie gewesen war und ihre Anteile dann unter Regie eines geschmierten Gribkowsky zu billig verkauft haben könnte.

Der weiß-blauen Staatsbank waren die 50 Millionen Dollar, die offenbar auch die Münchner Justiz gnädig stimmen sollten, allerdings zu wenig. Die BayernLB verlangt von Ecclestone inzwischen 400 Millionen Dollar Schadensersatz. Falls es schlecht für den Briten läuft, dann dürfte er kaum viel billiger davonkommen. Inzwischen liegen in München nämlich neue Zeugenaussagen vor, die den Angeklagten aus London schwer belasten. Das könnte es den Verteidigern des Formel-1-Chef schwermachen, die Anklage zu erschüttern. Es sieht nicht gut aus für den kleinen Mann, der gerade mal 1,59 Meter misst, aus dem großen Sportgeschäft.

Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Bestechung eines Amtsträgers vor

Kern der Anklage ist der Vorwurf, Gribkowsky sei als Vorstandsmitglied der staatlichen BayernLB ein Amtsträger gewesen. Somit liege bei den 44 Millionen Dollar, die der deutsche Banker nachweislich von dem britischen Renn-Boss und dessen Familie kassiert hat, Bestechung eines Amtsträgers vor. Die Frage ist nur: Waren für den Ausländer Ecclestone die BayernLB als Staatsbank und Gribkowsky als Staatsbanker erkennbar?

Mitnichten, hat Ecclestone über seinen Anwalt Sven Thomas schon frühzeitig entgegnet. Der alerte Gribkowsky sei überhaupt nicht wie ein "public officer", also wie ein Beamten-Banker oder Amtsträger aufgetreten. Und die BayernLB sei nicht als Staatsbank erkennbar gewesen. Wäre dem so, dann fiele die Anklage in sich zusammen. Nun hat sich allerdings Gribkowsky nach seiner Verurteilung Mitte 2012 zu achteinhalb Jahren Haft wegen Bestechlichkeit und anderer Delikte aus dem Gefängnis heraus der Staatsanwaltschaft als Zeuge gegen Ecclestone zur Verfügung gestellt. Und geschildert, wie ihn der Brite bei damaligen Verhandlungsrunden wiederholt als "civil servant" bezeichnet habe, als Amtsträger. Darüber hat sich der Formel-1-Chef inzwischen öffentlich mokiert. Gribkowsky, so Ecclestone, erzähle doch alles, was die Justiz hören wolle, um sich etwas Milde zu erkaufen.

Das muss nicht abwegig sein, aber inzwischen liegen zwei weitere derartige Zeugenaussagen vor. Ein Angestellter der BayernLB und eine ehemalige Beraterin der Staatsbank, die sich zusammen mit Gribkowsky um die Formel-1-Beteiligung des Geldinstituts gekümmert hatten, sagten in diesem Jahr bei der Staatsanwaltschaft gegen Ecclestone aus. Der Formel-1-Chef habe gewusst, dass die Landesbank dem Staat gehöre. Außerdem habe der Brite seine Gesprächspartner bei der BayernLB wiederholt als Beamte bezeichnet, als "civil servant" oder als "bloody bankers".

Und manchmal auch als "Clowns". Letzteres hat Ecclestone schon mal mit dem Hinweis zugegeben, das könne durchaus seine Wortwahl sein. Was für ihn ja auch kein Problem ist, zumindest juristisch nicht. Sollte ihm allerdings bewusst gewesen sein, dass er mit Gribkowsky einen Staatsbanker vor sich hatte, dann würde ein Verbotsirrtum ausscheiden. Dann ginge es als Nächstes darum, ob die von Ecclestone und seiner Familie auf Scheinrechnungen hin über Scheinfirmen im Indischen Ozean und in der Karibik an Gribkowsky gezahlten 44 Millionen Dollar Erpressungsgeld waren. Das behauptet der Brite, der sich als Opfer ausgibt. Der Deutsche habe gedroht, ihn beim britischen Fiskus anzuschwärzen.

Ecclestone spielt Gelassenheit vor

Die Staatsanwaltschaft betrachtet die Erpresserstory als Ausrede. Aus ihrer Sicht fügt sich alles nahtlos zusammen. Die BayernLB und Gribkowsky haben Ecclestones Macht in der Formel 1 gefährdet. Daraufhin hat sich der Brite den deutschen Banker mit dem Versprechen, für ihn zu sorgen, gewogen gemacht. Anschließend hat der Renn-Chef einen ihm genehmen Käufer für die Formel-1-Anteile der BayernLB aufgetrieben und dafür gesorgt, dass Gribkowsky nicht mehr über den Preis verhandelte. Und ihm, Ecclestone, sogar noch 41 Millionen Dollar Provision aus der BayernLB für das Geschäft zuschanzte. Der Renn-Boss hat sich auf diese Weise das Schmiergeld für den Banker auch noch von dessen Arbeitgeber zahlen lassen. Das ist die Version der Staatsanwaltschaft.

Würde das Gericht dem folgen, dann stellte sich die Frage der Schadenshöhe. Da sind zuerst die 41 Millionen Dollar Provision, die der Brite 2006 von der BayernLB kassierte. Zu Unrecht, wie die Ermittler glauben. Diesen Betrag plus Zinsen darauf hat der Renn-Boss vor einem Jahr zurückzahlen wollen, also gut 50 Millionen Dollar. Was der Bank nicht genügt, weil Gribkowsky inzwischen als Zeuge der Anklage sinngemäß erklärt hat, beim Verkauf der Formel-1-Anteile der BayernLB wären womöglich 350 Millionen Dollar mehr herauszuholen gewesen, wenn Ecclestone nicht dazwischengefunkt hätte. Macht insgesamt 400 Millionen Dollar. Die will die Staatsbank nun von Ecclestone haben.

Der Brite tut die ganze Zeit so, als sehe er das alles sehr gelassen. "Mich berührt das nicht wirklich." Nicht wirklich? Als Gribkowsky vor einem Jahr verurteilt wurde, folgte rasch das erste Angebot des Renn-Chefs über 50 Millionen Dollar, das die BayernLB ablehnte. Als kurz darauf die Formel 1 in Hockenheim gastierte, ließen Ecclestones Verteidiger die Münchner Justiz genau einen Tag vor dem Renn-Wochenende wissen, ihr Mandant stehe jederzeit zur Verfügung. Offenbar erhoffte sich der Brite ein Signal der deutschen Justiz, er könne gefahrlos zum Hockenheimring kommen, er werde dort nicht verhaftet, und er könne Deutschland als freier Mann wieder verlassen. Das Signal blieb aus, Ecclestone kam nicht zum Hockenheim-Rennen. Diese Abläufe lassen nur einen Schluss zu: Ecclestone hat Angst.