bedeckt München 18°
vgwortpixel

Schauspielerin:"Viele Kollegen waren völlig unsozial, aber wählten Willy"

Warum sich die konservative Uschi Glas mit den linken Filmleuten anlegte und sie noch mit 70 aus dem Fenster springt.

Als Uschi Glas mit ihrem Kleinstwagen vor dem Feinkostgeschäft Käfer in der Münchner Prinzregentenstraße vorfährt, drehen sich die Köpfe. Die Beobachtete selbst lenkt schwungvoll in die letzte Parklücke, begrüßt kurz den Hausherrn, huscht an den Tisch und hält eine spontane Lobrede auf ihr praktisch kurzes Auto. Noch in den Sechzigerjahren konnte sie die Reparatur ihres damaligen Wagens nicht bezahlen. Statt die neugierigen Blicke vom Nachbartisch zu beachten, redet sie über ihr Leben - ihren Start als Sekretärin, die antiautoritäre Erziehung ihrer Kinder und die Freuden der zweiten Ehe.

SZ: Frau Glas, reden wir über Geld. War es die Gage, wegen der Sie sich im Film "Fack ju Göhte" mehrfach aus dem Fenster werfen?

Glas: Nein, die war es nicht. (lacht)

Wie kam es dann dazu?

Der Regisseur Bora Dagtekin überredete seine Producerin, mich zu fragen. Mir war sein Humor schon in "Türkisch für Anfänger" aufgefallen. Und da habe ich mir gedacht: Die Gaudi mach ich einfach mit. Dann hat er mir gebeichtet: "Frau Glas, Sie müssen aus dem Fenster springen." Nur ein einziges Mal, hat er gesagt. Ich bin natürlich x-mal gesprungen. War ja klar.

Wenn es nicht um die Gage ging: Haben Sie nun wenigstens neue, jüngere Fans?

Keine Ahnung, wie sehr das meinen Bekanntheitsgrad gesteigert hat, der ist ja eh schon recht hoch. Aber wenn man Jahrzehnte in dem Beruf wäre und es wüsste noch immer keiner, wer man ist, hätte man ja auch was falsch gemacht.

Stört Sie Ihre Bekanntheit?

Ich habe mir das von Anfang an klargemacht, dass es so sein wird. Du kannst nicht in einem Beruf arbeiten, wo du deine Nase hinhältst, und dann beleidigt sein, wenn dich jemand erkennt.

Und das war Ihnen damals schon klar? Sie waren so wahnsinnig jung bei Ihren ersten Filmen.

Meine allererste Hauptrolle war 1965, in "Winnetou und das Halbblut Apanatschi". Da waren Sie beide noch gar nicht auf der Welt. Das nächste Große war "Zur Sache, Schätzchen", danach kamen so circa 40 Filme, und dann ging es schon mit dem Fernsehen los.

Bevor Ihre Karriere begann, haben Sie als Sekretärin gearbeitet und nebenher Schauspielunterricht genommen.

Mein Vater hat immer gesagt: Schauspielerei ist kein Beruf, lern' was Gescheites. Ich bin auf dem Land groß geworden, da war das aus der Welt. Ich hab heimlich immer davon geträumt: Eines Tages gehe ich nach München und mach das. Und so war es auch.

Wann haben Sie die Arbeit als Sekretärin aufgegeben?

Als ich meine allererste Filmrolle bekommen habe, "Der unheimliche Mönch", damals noch in Schwarz-Weiß, bat ich meinen Chef, dass er mir vier Wochen unbezahlten Urlaub gibt. Er hat gesagt: "Nur, wenn du versprichst, wiederzukommen."

War es so toll, wie Sie es sich vorstellten?

Ich musste nach Hameln. Ich war ein bissl entsetzt: "Jetzt machst du einen richtigen Film, und dann fährst du nach Hameln, mit dem Zug!" Ich habe gedacht, irgendeiner verarscht mich. Aber tatsächlich stand ein Herr am Bahnhof und hat mich in Empfang genommen. Nach dem Dreh bekam ich einen Ausbildungsvertrag angeboten bei der Rialto Film.

Ganz schön verlockend.

Da war ich in einer Zwickmühle. Ich hatte mein Ehrenwort gegeben. Ich habe hin und her überlegt und war drauf und dran abzusagen, als mein Chef plötzlich tödlich verunglückte. Die Firma wurde abgewickelt, und ich war arbeitslos. Und dann habe ich das Angebot von Rialto Film angenommen. So ist das Schicksal.

Was haben Sie als Sekretärin verdient?

Erst 750 und später 1200 Mark im Monat. Das war auch das Gehalt, das ich in der Schauspielausbildung bekommen habe. Die Abmachung war, dass ich das nach der Ausbildung abarbeite, falls ich erfolgreich werde. Die ersten fünf Jahre sollte die Firma meine Gagen bekommen und ich ein Fixum von 5000 Mark.

Tatsächlich haben Sie sehr schnell hohe Gagen bekommen: 90 000 Mark pro Film.

Ja, davon habe ich wegen der Abmachung nicht viel gesehen. Ich habe mir dann ein Auto gekauft. Das war mein ganzer Stolz. Ich dachte, München müsste stillstehen und alle müssten gucken, weil ich so ein tolles Auto habe. Ein MG Midget, das Auto war aus einem Edgar-Wallace-Film. Oft hat es reingeregnet und es war dauernd kaputt. Wenn die Werkstatt anrief und sagte, ich könne ihn abholen und es koste 483 Mark, habe ich oft behauptet, ich sei unterwegs und könne nicht kommen. Weil ich das Geld nicht hatte. Die ersten Jahre waren hart. Aber es ist ja gut gegangen.

Ihren Durchbruch hatten Sie dann mit dem 68er-Film "Zur Sache, Schätzchen" .

Die Dreharbeiten waren so chaotisch. Da sind zwei Welten aufeinandergeprallt. Hauptdarsteller Werner Enke war und ist heute noch ein totaler Freak, der auf keinen Fall bürgerlich sein wollte. Und ich war bürgerlich. Ich war für ihn ein Rätsel und er für mich. Es war mein siebter Film und ich war super pünktlich. Werner dagegen meinte: "Wie, ich soll um neun da sein? Ich weiß doch gar nicht, ob ich um neun schon wach bin."

Das ist bis heute Ihr politischster Film.

Alle sagten, ich dürfe den Film nicht machen, er passe nicht in meine Karriere. Ich aber wollte. Dann gab's viele Probleme: wenig Geld, viele Überstunden, immer wieder haben wir gedacht, der Film platzt. Irgendwann habe ich Werner die Meinung gesagt, ich wollte das Set verlassen. Er hat mich überredet, zu bleiben. Zum Glück, es war ein Bombenerfolg für uns alle.

Aber finanziell hatten Sie nichts davon?

Nein, gar nichts. Ich war noch im Rialto-Vertrag. Sich darüber Gedanken zu machen, wie es wäre, wenn ich am Umsatz beteiligt gewesen wäre, bringt ja nichts. Wenn ich bei "Göthe" am Umsatz beteiligt gewesen wäre, ha!

Das war ja ein 68er-Stimmungsfilm. War das Ihre Welt?

Nein. Zum Protestieren hatte ich keine Zeit. Ich musste arbeiten. Ich hatte nicht wie viele in Schwabing Eltern, die mir die Miete gezahlt haben.

Aber die Wut der 68er hatten Sie auch.

Natürlich. Ich war wahnsinnig wütend über das große Wegschweigen. Zwischen der Weimarer Republik und der Nachkriegszeit war ein schwarzes Loch in der Geschichte. Die Gespräche mit meinen Eltern über die Nazi-Zeit endeten meist im Streit, ich fuhr mit Wut im Bauch nach München zurück.

Aber Sie galten schon in den Siebzigerjahren als konservativ.

Tatsächlich finde ich konservative Werte ganz gut. Aber ein bissl wurde ich auch in diese Richtung geschoben. Die Linken waren damals total autoritär. Du durftest keine andere Meinung haben, wenn es hieß: "Jetzt unterschreiben wir alle für Willy Brandt." Wenn du dich geweigert hast, hieß es: "Das wird dir sehr schaden, Uschi." Man war entweder dafür, oder dagegen - und dann warst du draußen. Und so ging es mir.

Sie waren Außenseiterin?

Total. Im Jungfilm hatte ich von da an nichts mehr verloren. Ich habe keinen einzigen Film mehr gemacht. Es gab den sogenannten Opa-Film, das war die Uschi.

Bedauern Sie das?

Ich fand es kleinkariert. Viele Kollegen waren völlig unsozial, spielten sich am Set wie die Feudalherren auf und behandelten die Maskenbildnerin schlecht, weil sie vermeintlich unter ihnen stand. Aber sie wählten Willy. Mit denen habe ich mich angelegt und das hatte Konsequenzen.

Das klingt verletzt.

Ich habe nicht zu Hause gesessen und geweint, aber es hat mir sehr weh getan, dass ich als schwarze Zicke oder als beste Freundin von Strauß bezeichnet wurde von Leuten, die mich gar nicht kannten.

Immerhin haben Sie sich mit 10 000 Mark an einer Solidaritätsaktion für Helmut Kohl beteiligt.

Als er aufgrund der Spendenaffäre die Strafe an den Bundestag zahlen musste und nicht konnte, habe ich eine Mail bekommen, ob ich den Mut für eine Spende hätte. Dazu muss ich sagen: Ich fand es unmöglich, wie man ihn gejagt hatte. Es ging ums Ehrenwort: Wenn er das gegeben hat, kann er das nicht brechen: Es wären die Leute, die ihm das abgenommen haben, dran gewesen. Da hatte sich bei mir ein Groll aufgebaut und ich hab gesagt: So, das mach ich jetzt. Mein damaliger Mann meinte: Wäre ich dein Agent, ich würd' es dir verbieten. Als Mensch bewundere ich dich.

Diese Haltung hat schon in frühen Phasen Ihre Karriere geprägt.

Natürlich. Aber ich habe die Filme, die ich gemacht habe, auch gerne gemacht.

Sie sind dann Mutter geworden. Wie ging das mit dem vollen Terminkalender zusammen?

Ich habe gearbeitet wie ein Tier in der Anfangszeit, damit ich später ein Polster habe und mir ein Kindermädchen leisten kann. Als ich den Mann kennengelernt habe, mit dem ich mir das vorstellen konnte, habe ich mit 32 mein erstes Kind bekommen. Ich hatte auch das Glück, dann schon so weit zu sein, dass ich Auslandsaufträge absagen und aushandeln konnte, dass ich nur sechs Monate arbeite im Jahr. Wenn die Kinder klein sind, kann man die nicht dauernd mitnehmen.

Wie haben Sie Ihre Kinder erzogen?

Als ich Kind war, durften wir nie das letzte Wort haben. Das wollte ich ganz anders machen. Deshalb habe ich sehr viel mit meinen Kindern diskutiert. Ich habe meine Kinder auch nicht bestraft, so: "Jetzt gehst einmal 'ne Stunde auf dein Zimmer", das fand ich lächerlich. Heute weiß ich, die Kinder hätten sich leichter getan mit mehr Grenzen.

Haben Sie sich die Frage in Bezug auf Ihren Sohn Ben gestellt, der später Probleme bekam und zeitweise im Gefängnis landete?

Ja, ich hab mich schon gefragt, ob ich da nicht zu blauäugig war, ob ich nicht hätte strikter sein sollen. Aber wenn ich reflektiere: Ich hätte es nicht als gut empfunden.

Sie sind ab den Achtzigerjahren mit Serien und TV-Mehrteilern sehr erfolgreich gewesen. War das eine Strategie?

Das war Zufall. Beim Film ging es zu der Zeit ziemlich runter. Fernsehen war damals bei Film- und Theaterleuten nicht gut angesehen, aber dann kamen die ersten guten Produktionen, und plötzlich war klar: Wenn du nicht nur Theater spielen willst, musst du Fernsehen machen. Meine erste Fernsehserie war "Polizeiinspektion 1" mit Elmar Wepper.

War das auch besser bezahlt?

Als Theater sowieso.

Waren die Rollen im Fernsehen die, von denen Sie als junge Frau geträumt hatten?

Ich habe das, was ich gemacht habe, schon gern gehabt. Aber man kommt in eine Schublade. Das ist sehr deutsch. In Amerika kannst du komische Rollen spielen und am nächsten Tag ein Drama und keiner sagt was. Hier ist das anders. Aber damit sollte man nicht hadern.

Sie haben für solche Serien Kritik von der Hochkultur einstecken müssen. Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich muss ehrlich sagen: Es tut immer weh. Ich denk dann oft: Der kennt mich doch gar nicht. Und trotzdem erlaubt er sich, über mich herzuziehen.

War die Trennung von Ihrem ersten Mann die größte Krise in Ihrem Leben?

Ja. Heute kann ich mir das nicht mehr vor-stellen, aber das war für mich ein Donnerschlag. Das hat mich entwurzelt. Zu begreifen, dass der Mensch, mit dem du seit über 20 Jahren zusammen bist und drei Kinder hast, von heute auf morgen nichts mehr mit dir zu tun haben will. Vielleicht bin ich da naiv oder altmodisch, aber für mich war das der Bund fürs Leben.

Wie schlimm war es, dass das öffentlich stattfindet?

So etwas würde ich meinem schlimmsten Feind nicht wünschen.

Haben Sie in der Zeit der Trennung gearbeitet?

Ja, und das war schwer. Weil du hinter jedem Blick, der dich trifft, Mitleid vermutest, Neugier oder Schadenfreude. Man fühlt sich, als hätte man überall Dreckflecken und würde beobachtet.

Wie lang haben Sie gebraucht, bis es Ihnen besser ging?

Ich glaube, man braucht ein Jahr. Wie ein Trauerjahr. Damit man langsam wieder die Außenwelt wahrnimmt.

Und Sie haben sich getraut, ein zweites Mal zu heiraten.

Dass es mir im Leben noch mal so gut geht wie jetzt, das hätte ich nicht gedacht.

Nachdem Sie schon eine Scheidung hinter sich haben - haben Sie auf getrennten Konten bestanden?

Das hatte ich schon beim ersten Mal. Ich verdiene mein eigenes Geld. Meine Mutter musste immer fragen, wenn sie für sich was kaufen wollte. Ich hab mir früh vorgenommen: Das mache ich mal nicht. Mir war wichtig, mich selbst ernähren zu können - und zur Not auch meine Kinder. Da hab ich vielleicht auch einen Knall, aber so ist das eben. Ich habe eine Freundin, die war immer ein "bissl nett" zu ihrem Mann, wenn sie was wollte. Allein die Vorstellung!

Ist Ihre zweite Ehe besser?

Das kann man nicht vergleichen. Wir haben oft die gleichen Einstellungen. Das hätte ich früher langweilig gefunden. Heute finde ich es toll.

Es ist kein Zufall, dass Sie sich mit diesem Mann sozial engagieren?

Ja, weil er auch die Einstellung hat, dass man an die Gesellschaft etwas zurückgeben soll. Vor einiger Zeit kam ich schockiert nach Hause, weil ich im Radio gehört hatte, dass in München, wo so viele Menschen gemütlich im Café in der Sonne sitzen, Hunderte Kinder hungern und sich vor Magenkrämpfen nicht auf den Unterricht konzentrieren können.

So ging es los mit Ihrem Verein Brotzeit?

Erst haben wir mit vier Schulen angefangen und Notfallboxen mit Essen vorbeigebracht. Dann sagte eine Lehrerin: Ein tägliches Frühstück für meine Schüler wäre mein größter Traum. Und das machen wir jetzt. Dabei helfen uns Senioren, die morgens das Frühstück vorbereiten und sich auch mit den Kindern zusammensetzen. Zwischen denen baut sich ein unglaubliches Verhältnis auf. Die Lehrer erzählen uns immer, wie sehr sich der Ton an der Schule verbessert. Inzwischen versorgen 800 Senioren täglich 5300 Kinder.

Wie viel Zeit verbringen Sie damit?

Viel. Zeitweise kommt mein Schauspielberuf zu kurz. Manche Leute denken schon, ich will gar nicht mehr arbeiten, aber das stimmt nicht.

Sie sind 70 - Sie bekommen doch sicher schon Rente.

(lacht) Ich bekomme so gut wie keine Rente, obwohl ich gearbeitet habe, seit ich denken kann. Als Schauspieler ist man "unstetig Beschäftigter", weil man sehr oft den Arbeitgeber wechselt. Ich habe aber als Kind gelernt, dass man nicht stempeln geht. Deshalb bin ich zwischen den Drehs aus Überzeugung nie zum Arbeitsamt gegangen. Als eine Kollegin das mitkriegte, sagte sie: "Spinnst du! Es geht darum, dass du sozialversichert bist, wenn du nicht drehst." Ich bin dann mit einer Freundin zum Berater. Der sagte: "Ich seh', Sie sind schwanger. In welchem Monat?" Ich: "Achter." Sagt er: "Da sind Sie ja ganz umsonst gekommen. Sie sind längst im Mutterschutz." So endete mein einziger Versuch, mir eine Rente zu sichern.

Erschienen in der SZ vom 29. August 2014.