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Schaeffler und die NS-Zeit:Hässliche braune Flecken

Historiker streiten über die Rolle der Brüder Schaeffler im Dritten Reich - offenbar war die Firma stärker verstrickt als bisher bekannt.

Uwe Ritzer

Eigentlich hat die Schaeffler-Gruppe schon genug am Hals. Mehr als zehn Milliarden Euro Schulden aus der Conti-Übernahme. Banken, die immer nervöser werden und großen Druck auf Eigentümer und Management ausüben. Der anstehende unfreiwillige Verkauf von großen Firmenanteilen. Kurzarbeit und massive Einbrüche bei den Aufträgen. Das Unternehmen kämpft in diesen Wochen ums Überleben. Und nun auch noch das: Die Eigentümerfamilie soll tiefer in das NS-Regime verstrickt gewesen sein als bislang bekannt.

Schaeffler ist finanziell in Schieflage geraten, weil sich das Unternehmen an der Conti-Übernahme verhoben hat. Nun kocht auch noch der Vowurf hoch, dass das Unternehmen tiefer in das NS-Regime verstrickt gewesen sein soll als bislang bekannt.

(Foto: Foto: ddp)

Offiziell ist immer die Rede davon gewesen, dass Ina-Schaeffler 1946 im fränkischen Herzogenaurach gegründet worden sei. Tatsächlich hatte die Firma nicht nur ein jüdisches Vorgängerunternehmen, sondern auch eines, das unter Schaeffler-Regie im Dritten Reich Rüstungsgüter produzierte und dabei auch Zwangsarbeiter beschäftigte. Ein schmutziger Fall von Arisierung?

Der Historiker widerspricht

Gregor Schöllgen, Professor für Neuere Geschichte an der Universität Erlangen-Nürnberg, widerspricht. Wilhelm Schaeffler, Schwager und Onkel der jetzigen Inhaber Maria-Elisabeth und Georg Schaeffler, habe 1940 ein Unternehmen übernommen, dessen jüdische Eigentümer bereits Jahre zuvor vor den NS-Machthabern aus Deutschland geflohen waren. Die Firma im oberschlesischen Katscher, dem heutigen polnischen Kietrz, sei zudem hochverschuldet gewesen, schreibt Schöllgen in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift Cicero.

Sein Aufsatz, ob beabsichtigt oder nicht, ist eine Replik auf eine Veröffentlichung von German Forces Policy, einem in Köln angesiedelten Internetportal mit politischen und historischen Themen. "Recherchen dieser Redaktion zufolge", so stand dort vor wenigen Tagen zu lesen, "profitierten die Schaefflers in der NS-Zeit von den kriminellen Machenschaften der deutschen Expansions- und Rassepolitik." Schoellgens Urteil fällt milder aus. In Cicero bereitet er seine bereits bekannten Forschungsergebnisse neu auf.

Unternehmensgeschichte auf Wunsch erforscht

2004 hatte Schoellgen auf Wunsch der Familie Schaeffler die braune Vergangenheit der Firma untersucht. Im Umgang mit solchen Themen hat der Historiker Erfahrung, der ähnliche Arbeiten auch über den Nürnberger Technologie- und Rüstungskonzern Diehl oder die Coburger Firma Brose publiziert hat. Für seine Arbeit über Schaeffler durfte er das Familienarchiv sichten.

Die "Davistan Krimmer-, Plüsch und Teppichfabriken AG", um die es geht, war 1850 in Berlin gegründet worden und seit 1907 in Katscher ansässig. Die Firma gehörte der jüdischen Familie Frank, die in den dreißiger Jahren vor den Übergriffen und Repressalien des NS-Staates floh. Schoellgen schreibt, die Firma sei hochverschuldet gewesen und die Gläubigerbanken hätten drei Jahre lang vergeblich einen Käufer gesucht, ehe im Oktober 1940 der Wirtschaftsprüfer Wilhelm Schaeffler zugriff. Er war Mitglied der NSDAP und anderer NS-Organisationen. Im September 1942 ändert er den Firmennamen in "Wilhelm Schaeffler AG", weil zumindest Mitgesellschaftern "Davistan" zu jüdisch klang. Zum Jahresende steigt sein jüngerer Bruder Georg ein, der später Maria-Elisabeth Schaeffler heiraten wird.

1942 produziert die Firma bereits für die deutsche Kriegsindustrie. Man stellt Abwurfgeräte für die Luftwaffe, sowie Teile für Panzerkampfwagen, Sturmgeschütze und Abwurfanlagen für Flugzeugbomben her. Später kommen Nadellager für Panzerketten dazu. Mitte 1944 beschäftigt die Firma 290 Menschen in der Rüstungsfertigung. Weitere 476 arbeiten in einer Textilfabrik. Über die Zahl der Zwangsarbeiter und wie diese behandelt wurden, ist nichts bekannt.

German Foreign Policy schreibt, es gäbe zumindest Hinweise darauf, dass in dieser Sparte auch Verbindungen zum Vernichtungslager Auschwitz bestanden. Schoellgen widerspricht; in keinem Archiv hätten sich dafür bislang Belege gefunden. Auch dass Wilhelm Schaeffler 1946 von den Amerikanern verhaftet, nach Polen ausgeliefert und dort zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt wurde, stünde in keinem Zusammenhang zu seinen Aktivitäten bei Davistan oder den Nachfolgefirmen.

Schaeffler wird vier Jahre lang in Gefängnissen in Dachau, Bialystok und Warschau eingesperrt. Am 23. Juli 1951 kommt er frei. Als er 1981 kinderlos stirbt, übernimmt sein Neffe Georg Schaeffler seine Firmenanteile.

© SZ vom 26.02.2009/mel
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