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Report:Eine aussterbende Welt mit ihrer ganz eigenen Weltwirtschaftskrise

"Bezahlt wurde immer anteilig nach der Menge und der Güte der Platten. Und zwar früher immer freitags und in bar", erinnert sich Heubeck. Mit dem Geld in der Tasche zogen die Arbeiter dann zur "Amanda" oder zum "Schnorgackl". Wirtshäuser fernab von Dörfern und Siedlungen, mitten im Abbruchgebiet, in denen man unter sich blieb. "Dort wurde dann gezecht bis in den Samstagmorgen", sagt Heubeck. Nur den "Schnorgackl" gibt es noch, mitten auf einem Firmengelände. Und bis heute treffen sich dort beim Mittagstisch Arbeiter aus den Steinfirmen und -brüchen der nahen Umgebung.

Es war - und ist noch immer - eine Welt für sich, eine ganz eigene "Welt aus Stein", wie auf touristischen Werbeschildern rings um Solnhofen steht. Wenn auch eine aussterbende Welt mit ihrer ganz eigenen Weltwirtschaftskrise. Deren Beginn glauben viele genau datieren zu können: das Jahr 2003.

Da tauchten zum ersten Mal italienische Anbieter auf Baustoffmessen mit einem raffinierten Produkt auf: keramischen Fliesen mit Oberflächen, die aussehen wie der berühmte Solnhofer Stein. Sie sehen zwar alle gleich aus, ihre Muster und Farben sind keine Unikate. Aber die Imitate sind verblüffend gute Kopien und vor allem deutlich billiger als die Originale aus Kalkstein. Nicht von Hand bearbeitet, sondern industriell millimetergenau formatiert, sind sie einfacher, schneller und günstiger zu verlegen als die sperrigeren, unförmigeren Solnhofer.

Eigentlich müsste Stein doch modern sein: ein rein biologisches Produkt

So setzten sich die Fliesen, die inzwischen auch in der Türkei und China produziert werden, vom ersten Tag an am Markt durch. Das hat nicht nur für Firmen im Altmühltal Folgen, die immer weniger konkurrenzfähig sind. Noch um das Jahr 2000 gehörte die 1800 Einwohner kleine, in eine schmale Altmühltal-Schleife gebettete Gemeinde Solnhofen zu den reichsten Kommunen weit und breit. Inzwischen sind allein ihre Gewerbesteuereinnahmen auf ein Fünftel zusammengeschmolzen. Die Zahl der Arbeitsplätze am Ort sank damit einhergehend von 640 auf unter 500.

Naturstein Demirel mit Sitz im benachbarten Eichstätt ist eine der letzten, kleinen Firmen, die vor allem mit Solnhofer Platten ihr Geld verdienen. Nur wie lange noch? "Wenn es nicht bald besser läuft, werde ich die Brüche aufgeben und nur den Verarbeitungsbetrieb behalten", sagt Ramazan Demirel. Die Corona-Krise hat die Lage zusätzlich verschärft. Auch weil Exporte vor allem nach Südfrankreich schwieriger geworden sind, wo die Solnhofer Platten besonders viele Fans haben. Insgesamt aber schrumpft der Kreis derer, die bereit sind, für die weitgehend per Hand gewonnenen und verarbeiteten Platten ein Vielfaches von dem Preis zu zahlen wie für Fliesen vom Fließband.

Martin Röper hat dafür kein Verständnis. "Eigentlich folgt der Solnhofer Stein doch genau einem Trend: Er ist ein rein biologisches Produkt." Und wen das nicht überzeuge: "Man läuft auf ihm praktisch auf einem 150 Millionen Jahre alten Meeresboden. Allein die Wärme und Behaglichkeit, die ein echter Solnhofer ausstrahlt, ist etwas Besonderes. Kein Vergleich zu einem kalten Granit aus dem Erdinnern."

Muscheln, Fische, Echsen, kleine und größere Dinosaurier

Röper, Jahrgang 1958, Rheinländer, Geologe und Paläontologe, ist so etwas wie der Hüter der Vergangenheit. Im Alter von zehn Jahren nahm ihn sein Vater erstmals mit in die Welt aus Stein ins Altmühltal. Seitdem forscht er an dem Thema und seit 2002 leitet der promovierte Wissenschaftler das Bürgermeister-Müller-Museum in Solnhofen. Ein Haus voller Heimatkunde auf Weltniveau.

Um das ermessen zu können, ist ein kleiner Exkurs weit zurück in die Erdgeschichte notwendig. Wo Ewigkeiten später unter anderem die Gemeinde Solnhofen entstehen sollte, erstreckte sich einst ein gigantisches Urmeer mit Archipelen, Korallenriffe und Lagunen. "Ein tropisches Paradies", sagt Röper, in dem sich im Lauf einer sehr langen Zeit mikroskopisch winzige Abbauprodukte hauptsächlich von Pflanzen sowie Kalkelemente am Meeresboden absetzten.

Sie versandeten, verschlammten, verhärteten und versteinerten, wobei sie allerhand einschlossen, das sich nicht mehr rechtzeitig aus dem Sumpf befreien und davonmachen konnte: Muscheln, Fische, Echsen, kleine Dinosaurier oder eben auch besagte zwölf Exemplare des Archaeopteryx. Das Solnhofer Museum zeigt vier davon; es ist überhaupt voll mit wertvollen Exponaten aus einer der spannendsten Epochen der Erdgeschichte.

Der besseren Vermarktung wegen hat Martin Röper das Museum mit anderen Sehenswürdigkeiten dieser sprichwörtlichen Welt aus Stein zum "Geo-Zentrum-Solnhofen" verzahnt, "einem geotouristischen Hotspot der bayerischen Erdgeschichte". Diesen Freitag wurde das Konzept der Öffentlichkeit vorgestellt. Denn die Vergangenheit verliert auch dann nicht an Wert, wenn das Geschäft mit dem Stein untergeht.

© SZ vom 20.06.2020/mpu
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