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Raumfahrt:Rettungsaktion für "Ariane 6"

Ariane 6: Endmontage eines Tanks in Bremen

Endmontage eines Tanks der neuen Trägerrakete Ariane 6 bei der Ariane-Group in Bremen. Der Erststart verzögert sich bis zum zweiten Quartal 2022.

(Foto: Frank T. Koch/Hill Media GmbH/Ariane-Group)

Da sich der Erststart bis 2022 verzögert, will die Esa den wichtigsten Herstellern mit Millionensummen helfen, die Produktionslücke zu überbrücken. Allerdings müssen die Länder mitspielen.

Von Dieter Sürig, München

Die Pandemie bringt zunehmend auch Branchen in Bedrängnis, die langfristig produzieren. Je länger die Krise, desto größer sind auch die Unwuchten in der Raumfahrt. Die neue europäische Trägerrakete Ariane 6 beispielsweise sollte bald zum Erstflug starten. Neben technischen Verzögerungen führt nun die Corona-Krise dazu, dass sie erst 2022 abheben kann. Für die Zulieferer bedeutet dies eine große Produktionslücke. "Wir haben massiv in Personal, Maschinen, Gebäude investiert und nun zusätzliche Kosten ohne den erwarteten Produktionsumsatz", sagt der Deutschlandchef des Herstellers Ariane-Group, Pierre Godart. "Dadurch sind wir in einer ernsten Lage." Die Tochter von Airbus und Safran baut in Deutschland Triebwerke und Oberstufe der Rakete. Godart überbrückt die Auslastungslücke nun mit Kurzarbeit, "damit die Mitarbeiter schnell in den Normalbetrieb zurückkehren können". Auch der zweite große deutsche Zulieferer MT Aerospace, zuständig für Strukturen und Tanks, fährt Kurzarbeit und fürchtet, im Frühjahr Stellen streichen zu müssen.

Hoffnung kommt nun von der Raumfahrtagentur Esa, die am Freitag beim Ministerrat der Esa-Länder für Überbrückungsmittel werben will. Zum einen sei im Gespräch, Zulieferern der wichtigsten Entwicklungsprojekte der Esa wegen der Covid-19-Verzögerungen "eine noch zu bestimmende Summe" zu zahlen, sagt der Esa-Direktor für Raumfahrzeugträger, Daniel Neuenschwander, der SZ. Davon würde gleichberechtigt neben Satellitenprogrammen auch Ariane profitieren. Eine Größenordnung will er nicht nennen. "Darüber hinaus müssen wir sicherstellen, dass die Produktionsfähigkeit der kritischen Standorte des Ariane-Programms gewährleistet bleibt", sagt er. "Dafür wollen wir den Ländern im März 2021 zusätzlich 95 Millionen Euro vorschlagen."

Demnach könnte für die wichtigsten Ariane-Zulieferer eine dreistellige Millionensumme herausspringen. Ob das reicht, ist unklar. In einem Esa-Papier ist von 200 Millionen Euro Bedarf für die Ariane-Group, 100 Millionen Euro für weitere Zulieferer sowie zusätzlich 70 Millionen Euro die Rede, wenn sich der Ariane-6-Start bis 2022 verzögert, was nun der Fall ist. Der Esa-Rat hatte zudem im Oktober beschlossen, Ariane-Mitgliedstaaten um 230 Millionen Euro zu bitten: Für "zusätzliche Bedürfnisse im Ariane-Programm" und "Mehrkosten durch Covid-19-Effekte am Startplatz in Französisch-Guayana". Alle Zahlungen müssen mit den Ländern ausgehandelt werden. "Es besteht die Option, Mittel für bestehende Programme umzuwidmen, das kann nur mit Zustimmung der Staaten geschehen", sagt Neuenschwander. Bisher hat die Ariane 6 etwa 3,7 Milliarden Euro gekostet.

Die Bundesregierung fordert, dass die "Ariane" kommerzieller wird

Dass die Länder diese zusätzlichen Kosten auch zahlen, ist jedoch noch nicht ausgemacht. Das Bundeswirtschaftsministerium will sich in dieser Phase nicht dazu äußern. Unabhängig davon betont der Raumfahrt-Beauftragte Thomas Jarzombek, dass sich die Regierung zwar weiter zur Ariane 6 bekenne, um einen eigenen Zugang zum All zu haben. "Wir halten aber einen Schritt in Richtung der Kommerzialisierung auch bei Ariane für notwendig, um hier die Grundlagen für einen Erfolg außerhalb des rein institutionellen Rahmens zu schaffen."

Die Hersteller fürchten auch, dass der geplante Bedarf von elf Ariane-Raketen pro Jahr wegen der Marktlage vorläufig ausbleibt. "Der Markt wird wieder kommen, wir brauchen aber länger, um auf neun oder elf Raketen pro Jahr zu kommen", fürchtet Godart. "Eine bestimmte Kadenz kann die Esa den Herstellern nicht garantieren", sagt Neuenschwander. Es gebe aber die Entscheidung des Esa-Ministerrats von 2014, europäische institutionelle Missionen mit Esa-Raketen zu starten. Er sieht auch weitere Chancen: "Optimistische Szenarien gehen davon aus, dass sich Arianespace auch einen signifikanten Anteil von Starts von Megakonstellationen sichern wird." Zudem sei er "zuversichtlich, dass Europa mittelfristig eine neue Satelliten-Konstellation bekommen wird". Ob es sich dabei um eine Internetkonstellation oder etwas anderes handelt, werde gerade diskutiert. "Davon könnte dann auch Ariane profitieren."

Die Esa will Studien für eine künftige Trägerrakete vergeben

Neuenschwander kündigt auch an, eine neue europäische Trägerrakete für die Zeit nach 2030 vorzubereiten. "Wir vergeben Ende 2020 Systemstudien an verschiedene industrielle Akteure." Dabei sei ein astronautischer Einsatz nicht ausgeschlossen. "Es ist denkbar, dass Europa in den nächsten 15 Jahren auch selbst Astronauten ins All starten will, dann müssen wir mit möglichen technischen Optionen bereitstehen."

Ferner will er künftig flexibler auf den schärferen Wettbewerb reagieren können - zumal die US-Firma Space-X seit Jahren deutlich Marktanteile gewinnt. "Wir sollten alles daransetzen, schneller entscheiden und umsetzen zu können, ohne unsere Kernkompetenzen aus den Augen zu verlieren. Dazu sind in Europa auch industrielle Umstrukturierungen nötig", sagt er. Was das für das Zusammenspiel von Esa und Herstellern genau bedeutet, bleibt unklar.

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