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Raumfahrt:"Ariane 6" bleibt am Boden - vorerst

Diese Illustration zeigt die neue Ariane 6-Rakete auf dem Weg ins All. Der Premierenstart verzögert sich voraussichtlich bis ins erste Quartal 2022.

(Foto: David Ducros/Esa)

Die neue europäische Trägerrakete sollte in diesem Jahr erstmals starten - nun dauert es wohl noch bis zum Frühjahr 2022. Das Projekt wird dadurch teurer, die Zulieferer geraten in Bedrängnis.

Von Dieter Sürig, München

Als die Esa-Ministerratskonferenz im Dezember 2014 den Bau der neuen Trägerrakete Ariane 6 genehmigte, hatte sie ein erklärtes Ziel: Sie wollte, dass die europäische Weltraumagentur damit auf die steigende Nachfrage von Raketenstarts für Wissenschaft und kommerzielle Zwecke reagiert. In einem internen Papier listete sie damals auf, welches Sparpotenzial die neue Rakete haben sollte: Für die Jahre 2021 bis 2024 sind dort 19 Flüge aufgeführt, um verschiedene Satelliten in den Erdorbit zu bringen. Mit der veralteten Ariane 5 oder der Sojus-Rakete würde dies 345 Millionen Euro teurer kommen, so die Rechnung.

Dies überzeugte die Esa-Mitgliedsländer, die bis heute 3,7 Milliarden Euro in die Ariane 6 investiert haben, um den Zugang Europas zum Weltraum zu sichern. Nur: Von den erhofften Spareffekten ist die Esa weit entfernt. Der Premierenflug sollte 2020 stattfinden, dann 2021, nun will die Esa ihn auf das zweite Quartal 2022 schieben und dies nächste Woche bei einer Ratssitzung der Mitgliedsländer diskutieren. Grund für die Verspätung ist auch ein mehrmonatiger Stillstand am Startplatz in Kourou/Französisch-Guayana wegen der Pandemie. "Die Covid-19-Pandemie hat den Fortschritt der Aktivitäten zur Entwicklung der Ariane 6 ernsthaft beeinträchtigt", wie aus einem Esa-Papier zu der Ratssitzung hervorgeht. Aber auch Triebwerksversuche und Qualifikationstests ziehen sich noch mindestens ein Jahr hin.

Die Verzögerungen gehen einher mit Zusatzkosten von mindestens 230 Millionen Euro, denen weitere Hunderte Millionen folgen dürften: Umsatzausfälle und zusätzliche Aufwendungen der Zulieferindustrie sind dort noch gar nicht enthalten. Beispielsweise schätzt der Hersteller Ariane-Group laut Esa-Papier die durch Covid verursachten Mehrkosten auf 200 Millionen Euro und auf 100 Millionen Euro bei Subunternehmen. Bei einem Start erst 2022 kämen nochmal 70 Millionen Euro dazu. Außerdem könnte es mangels Nachfrage noch dauern, bis nach einer Übergangsphase elf oder zwölf Ariane 6-Raketen pro Jahr starten, wie avisiert. Die Esa geht derzeit für 2022 von drei Starts aus, im Jahr darauf fünf und neun 2024.

Der Raketenbau war ein sicheres Geschäft - bis die "Ariane 6" kam

Ariane-Group und Esa wollen erst nach der Ratstagung Stellung dazu nehmen, allerdings hat der Chef des Zulieferers MT Aerospace, Hans Steininger, schon 2019 solche Befürchtungen geäußert. "Aufgrund der Marktentwicklung geht man davon aus, dass mittelfristig pro Jahr vier bis sechs Ariane 6 starten werden", sagt er jetzt. Das Augsburger Unternehmen MT gehört zum börsennotierten Raumfahrtunternehmen OHB, ist mit zehn Prozent Anteil einer der wichtigsten Zulieferer der Ariane und stellt Tanks und Strukturteile her. Rund 110 Raketen hat MT ausgestattet, Jahr für Jahr fünf, sechs Stück. Ein sicheres Geschäft - bis der Übergang zur Ariane 6 kam. Hersteller wie Ariane-Group und MT hatten sich auf eine Verdoppelung der Produktion eingestellt und dafür mit der Esa viele Millionen Euro in neue automatisierte Produktionslinien investiert. Doch erst strich die Esa die letzten zehn Ariane 5-Raketen, die parallel zum Hochfahren der Ariane 6-Produktion bis Ende 2021 gebaut werden sollten, und nun folgen jahrelange Verzögerungen.

Steininger macht eine Rechnung auf: Die Untergrenze seien für MT Aerospace sechs Bausätze pro Jahr. Dies bedeute einen Umsatzeinbruch von etwa 30 Millionen Euro gegenüber der Ariane-5-Produktion. Ob vier, sechs oder zehn Sets - die Fixkosten bleiben gleich. "Wir haben umgesetzt, was die Politik 2014 beschlossen hat", klagt Steininger: "Unsere Kalkulation geht von elf Starts pro Jahr aus - auch bei den Verhandlungen mit unseren Zulieferern."

MT baut gerade Teile für zwei Ariane-Raketen, nur ein Drittel der Ariane-Produktion in Augsburg ist ausgelastet, die Hälfte der Entwicklungsingenieure zuhause. Ohne Kurzarbeit "wären wir existenziell bedroht oder hätten heute ein massives Personalabbauprogramm mit betriebsbedingten Kündigungen", sagt Steininger. "Das ist ein Problem der europäischen Raketenindustrie insgesamt, sie gerät damit in Existenznot." Auch die High-Tech-Arbeitsplätze in der deutschen Raumfahrt seien in Gefahr. Nach seinen Informationen will die Esa bis Dezember eine Lösung finden.

Steininger sucht derweil Alternativen, will in Zukunftsfelder wie 3D-Druck oder Wasserstofftechnologien investieren, doch dauert es länger als geplant, bis sie sich durchsetzen. Er denkt etwa an Wasserstoffspeicher für Luftfahrt und Autoindustrie. "Hier könnte ein neues Cluster entstehen, um das Know-how, das wir in Jahrzehnten mit Fördergeldern aufgebaut haben, zu halten."

"Der europäische Raumfahrtmarkt wird nicht ansatzweise an den US-Markt herankommen."

Auch das Geschäft mit Kleinraketen ist erst am Anlaufen, Steininger ist ein Investor der Rocket Factory. Die so genannten Microlauncher könnten bei MT gebaut werden, sind aber auch erst in einigen Jahren serienreif. Und eine eigene große Trägerrakete kommt für ihn nicht in Frage. "Der europäische Raumfahrtmarkt wird nicht ansatzweise an den US-Markt herankommen - auch 2030 nicht." Er spielt damit auf den Erfolg der Firma Space-X an, die 2021 auf 48 Starts kommen möchte, wie deren Chef Elon Musk kürzlich twitterte. 2020 werden es an die 30 Starts werden, während der Startanbieter Arianespace in diesem Jahr wohl auf vier Ariane -und vier Sojus-Raketen kommen wird.

Es gehe nun also darum, diese "extreme Übergangsphase" zwischen Ariane 5 und 6 zu überstehen, "um das Know-how nicht zu verlieren und den Standort Augsburg zu erhalten", sagt er. Das Programm sei auch nicht mit Konventionalstrafen, wie sonst manchmal in der Industrie, gegen solche Ausfälle abgesichert. Steininger hofft darauf, dass jemand die Fixkosten übernimmt, solange es nur vier bis sechs Starts gibt. "Nur so können wir die Jobs der Raumfahrtingenieure langfristig sichern". Sollte sich die Situation aber nicht verbessern, geht es ans Eingemachte, zumal auch die Ariane-Weiterentwicklung unklar ist. "Wir können die Mitarbeiter nicht mehrere Jahre lang in Kurzarbeit schicken", sagt er. "Im schlimmsten Fall droht im ersten Halbjahr 2021 ein weiterer Personalabbau, nicht nur bei MT", fürchtet er. "Und für den Standort Augsburg bedeutet es, dass 150 hochspezialisierte Ingenieure ihre Jobs verlieren." Schon in diesem Jahr hatte MT wegen der Marktlage 80 Stellen "sozialverträglich" abbauen müssen. Die Ariane-Group hatte bereits 2018 angekündigt, bis 2022 etwa 2300 von 9000 Stellen streichen zu müssen.

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