Ratingagentur stuft Griechenland auf "teilweise zahlungsunfähig" Bisschen bankrott

Nun ist es offiziell: Griechenland ist zahlungsunfähig. Allerdings nur teilweise: Die Ratingagentur Standard & Poor's straft das überschuldete Griechenland mit dem Urteil "selektiver Zahlungsausfall". Ist das schlimm? Wie reagieren Märkte und Zentralbank? Und droht jetzt eine Kettenreaktion?

Fragen und Antworten von Jannis Brühl

Nun haben es die Investoren schriftlich: Griechenland ist offiziell pleite - genauer: teilweise pleite. Die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) hat die Kreditwürdigkeit des Staates erstmals unter die Schwelle gesenkt, die formell zahlungsfähige von zahlungsunfähigen Staaten trennt.

Griechische Zentralbank in Athen nach den Demonstrationen gegen die Einsparungen der Regierung: Jetzt hat Standard & Poor's die Kreidtwürdigkeit des Landes auf Zahlungsausfall heruntergestuft.

(Foto: AFP)

Was heißt "teilweise zahlungsunfähig" - "selective default"?

Für S&P ist Griechenland pleite - zumindest ein bisschen. Das neue Rating der Staatsanleihen ist "teilweise zahlungsunfähig", auf Englisch selective default (SD). S&P bewertet damit die nun getroffene Vereinbarung zwischen Griechenland und privaten Gläubigern, wonach diese "freiwillig" auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten sollen. Zuvor hatte die Agentur griechische Staatsanleihen noch mit CC bewertet - zwei Stufen besser als jetzt.

Selective default ist die vorletzte Stufe. Darunter gibt es nur noch die vollständige Zahlungsunfähigkeit: default. Im Fall Griechenlands tauschen nun die privaten Gläubiger ihre älteren, bald fälligen Staatsanleihen gegen längerfristige Papiere, die weniger als die Hälfte wert sind. Zusätzlich müssen sie sich auch noch mit niedrigeren Zinsen begnügen.

Denn Teil der neuen Hilfsaktion für Griechenland ist nicht nur das 130 Milliarden Euro schwere Sparpaket, über das der Bundestag am Montag abstimmte, sondern auch der Schuldenschnitt, bei dem Banken und Versicherungen auf einen großen Teil ihrer Forderungen an Athen verzichten.

Mit der Entscheidung straft S&P die griechische Regierung für eine Manipulation der Staatsanleihen, welche Gläubiger des Landes halten. Die Politiker der Euro-Zone haben den Banken und Versicherern Druck gemacht, dem griechischen Schuldenschnitt zuzustimmen - offiziell gilt der Verzicht auf ihre Forderungen aber als freiwillig. Aber das Kabinett in Athen versucht derzeit, rückwirkend eine collective action clause in die Anleihenverträge einzufügen. Der Schritt ist eine Drohung an jene Gläubiger, die sich gegen den Schuldentausch sperren: Denn mit den Klauseln könnten auch sie gezwungen werden, zu verzichten. Damit wäre der Schuldenschnitt formal nicht mehr freiwillig.

Die Klauseln führt S&P in seinem Statement explizit als Grund für die Herabstufung an. Sie seien Teil einer "Umschuldung aus Not" (distressed debt restructuring), was den Regeln der Agentur zufolge zur Herabstufung auf SD führt.

Welche sofortigen Auswirkungen hat die Herabstufung?

Die Märkte zeigten sich am Morgen nach der Entscheidung von S&P unbeeindruckt. Der Dax blieb stabil. Aktien von Deutsche Bank und Commerzbank, die beide Griechenland Geld geliehen haben, standen am Vormittag sogar leicht im Plus. Lediglich der Index der griechischen Banken gab leicht nach.

Dagegen reagierte die Europäische Zentralbank (EZB) umgehend. Vorerst akzeptiert sie griechische Staatsanleihen nicht mehr als Sicherheiten für Kredite an Banken, teilte der EZB-Rat mit. Das dürfte vor allem griechische Banken treffen, die besonders viele Griechenland-Bonds halten. Diese können sie jetzt nicht mehr verwenden, um bei der EZB neue Kredite zu bekommen. Die EZB verweist auf die Notenbanken der einzelnen europäischen Staaten: Die sollten nun die Versorgung der Banken mit frischem Geld sicherstellen.

Die EZB hat eine Liste, was sie als Pfand akzeptiert. Im Laufe der Krise hatte sie nach und nach ihre Ansprüche an Papiere gesenkt, die Banken als Sicherheit bei ihr hinterlegen können. So versucht die Zentralbank, die Finanzhäuser flüssig zu halten, die Finanzmärkte zu beruhigen und einer Kreditklemme entgegenzuwirken.

Für Analysten kommt der Schritt der EZB nicht überraschend. Michael Schubert von der Commerzbank sagte: "Das ist die logische Konsequenz aus dem Schuldenschnitt und der erneuten Herabstufung der Kreditwürdigkeit Griechenlands."

Werden jetzt Kreditausfallversicherungen fällig?

Drei Buchstaben stehen seit der Finanzkrise 2008 für den Missbrauch von Finanzinstrumenten: CDS. Das steht für credit default swaps, auf Deutsch Kreditausfallversicherungen. Eigentlich zur Absicherung gedacht, können diese Versicherungen zur Spekulation genutzt werden. Ein Marktteilnehmer versichert Schulden - zum Beispiel die von Griechenland. Wird der Schuldner zahlungsunfällig, werden die abgeschlossenen CDS fällig, der Spekulant kassiert. Ob die CDS auf griechische Schulden nun fällig werden könnten, wird derzeit beim Derivate-Verband Isda in New York verhandelt.

CDS-Käufer und Verkäufer wollen wissen, was der Schuldenschnitt für ihre Versicherungen bedeutet. Die International Swaps and Derivatives Association (Isda) berät darüber, ob es beim Schuldenschnitt in Griechenland zu einem sogenannten Kreditereignis kommt - und damit CDS fällig werden. Die Isda ist ein Branchenverband, in dem sowohl Investoren als auch Ausgeber von Derivaten organisiert sind. Die Organisation will die Entscheidung bis Mittwoch, sechs Uhr abends treffen.

Beim Zusammenbruch des amerikanischen Immobilienmarktes vor drei Jahren waren innerhalb kurzer Zeit CDS auf Hypotheken-Derivate in Milliardenhöhe fällig geworden. Sie hatten unter anderem den größten Versicherer der Welt, AIG, ruiniert.

Dass es im Falle Griechenlands zu ähnlichen Katastrophen kommt, ist eher unwahrscheinlich. Zwar weiß niemand genau, wieviele CDS auf griechische Anleihen abgeschlossen wurden, da dieser Markt nicht zentral überwacht wird. Schätzungen des Finanzdienstleisters DTCC vom vergangenen Sommer zufolge sind aber gerade mal CDS im Wert von weniger als vier Milliarden Euro auf griechische Anleihen abgeschlossen - keine Summe, die das Finanzsystem ins Wanken bringen könnte. Im Rat der Isda sitzen fast ausschließlich Vertreter von Großbanken, die selbst als Versicherer oder Versicherte mit CDS zu tun haben.

Warum wurden griechische Anleihen am Montag vom Handel ausgesetzt?

Private Anleger, die Griechenland-Anleihen halten, erlebten am Montag eine Überraschung: Wenn sie ihre Papiere über die Börse verkaufen wollten, erhielten sie die Meldung: "Vom Handel ausgesetzt." Eine Reihe von Anlegern meldeten sich daraufhin besorgt bei den Börsen. Diese beruhigten die Investoren: Das Aussetzen vom Handel habe ausschließlich technische Gründe, da im Rahmen des Schuldenschnitts nun ein Tauschangebot der griechischen Regierung vorliege. "Dies entspricht den üblichen Handelsusancen in einem solchen Fall", sagte Markus Gross von der Stuttgarter Börse. Die Sperre kam bereits vor Bekanntgabe der Herabstufung durch S&P. Am Dienstag wurden die Papiere wieder gehandelt.