Preissteigerung Es gibt wieder Inflation - zumindest ein bisschen

Die Inflation in Deutschland bleibt auch im Mai schwach.

(Foto: picture alliance / dpa)
  • Die Inflationsrate in Deutschland liegt im Mai bei 0,1 Prozent.
  • Die EZB kämpft weiter gegen die Mini-Inflation und versucht, die Wirtschaft anzukurbeln - bald mit dem Kauf von Unternehmensanleihen.
Von Vivien Timmler

Die Inflation in Deutschland bleibt niedrig. Die Verbraucherpreise lagen im Mai nur 0,1 Prozent höher als vor einem Jahr. Im April waren sie noch um 0,1 Prozent gefallen. Die meisten Menschen freut die niedrige Inflation, den Bankern der Europäischen Zentralbank (EZB) bereitet sie hingegen Sorgen, denn auch in der gesamten Euro-Zone stiegen die Preise kaum noch. Warum das so ist, wie die EZB die Preise langfristig steigen lassen will - und was das für die Verbraucher bedeutet.

Warum ist die Inflationsrate so niedrig?

Eine wichtige Ursache für die geringe Teuerung ist der noch immer niedrige Ölpreis. Verbraucher mussten im Mai fast acht Prozent weniger für Heizöl und Kraftstoffe bezahlen als noch im Vorjahr. Rechnet man diesen Effekt heraus, wären die Preise unterm Strich um 0,9 Prozent gestiegen. Ein weiterer Grund ist das weltweit schwache Wachstum, vor allem in den Schwellenländern. Da die Nachfrage gering ist, halten sich viele Unternehmen in Europa mit Investitionen zurück.

Was hat das für Auswirkungen?

Für die Bundesbürger ist die geringe Preissteigerung positiv: Ihre Kaufkraft wächst, da die Inflation kaum die Realeinkommen verkleinert. Die Verdienste der gut 19 Millionen Beschäftigten mit einem Tarifvertrag zogen im ersten Quartal um 2,1 Prozent an und damit viel stärker als die Preise. Eine Folge ist, dass das Geld bei vielen Verbrauchern lockerer sitzt als gewöhnlich. Die Menschen haben das Gefühl, jetzt gerade viel für ihr Geld zu bekommen, sie konsumieren mehr. Das wiederum lässt die Gesamtwirtschaft wachsen, was in Deutschland zuletzt der Fall war: Die Wirtschaft ist im ersten Quartal 2016 so stark gewachsen wie seit zwei Jahren nicht.

Warum beunruhigt die niedrige Inflation manche Menschen?

Die EZB spricht nur bei einer Inflation von mittelfristig knapp zwei Prozent von stabilen Preisen. Davon ist sowohl Deutschland als auch die gesamte Euro-Zone momentan weit entfernt. Die EZB befürchtet eine Deflationsspirale, das heißt über längere Zeit sinkende Preise. Die Gefahr ist dann, dass Unternehmen und Bürger gar nicht mehr investieren und konsumieren, weil sie erwarten, dass sie künftig noch günstiger einkaufen können. Ziel der Zentralbank ist es deswegen, die Inflationsrate zu erhöhen und parallel auch die Kreditvergabe zu fördern.

Was will die Zentralbank gegen die Mini-Inflation tun?

Die EZB hat den Leitzins bereits auf null gesenkt. Seit Längerem pumpt sie zudem über den Kauf von Staatsanleihen Monat für Monat Milliarden in das Finanzsystem. Das mittlerweile auf 1,5 Billionen Euro angelegte Kaufprogramm umfasst auch Pfandbriefe und Hypothekenpapiere und soll bis mindestens Ende März 2017 laufen. Zudem hat die Zentralbank im März entschieden, künftig nicht nur Staats-, sondern auch Unternehmensanleihen zu kaufen. Die Zentralbank hofft, dass die Konzerne dadurch mehr Anleihen ausgeben, weil wegen der höheren Nachfrage die Kurse steigen und im Gegenzug die Zinsen sinken. Die Unternehmen könnten sich billiger verschulden und mehr investieren. Kritiker hingegen argumentieren, dass die Notenbank mit diesem Schritt den Markt verzerre.

Welche Anleihen will die EZB kaufen?

Die Käufe werden sich auf Anleihen von Industrie- oder Dienstleistungsunternehmen mit geringem Ausfallrisiko beschränken. In der Regel sind das große Konzerne wie beispielsweise die 30 Werte im Deutschen Aktienindex (Dax). Wie viel Geld die EZB auf diese Weise in den Markt pumpen will, hat sie bislang nicht verraten.

Wie bekommen Anleger das zu spüren?

Für sie könnte der Schritt der EZB die Bewertung von Unternehmensanleihen verzerren. Das Kaufprogramm der Zentralbank könnte starke Preisausschläge bewirken, auf die der einzelne Anleger kaum reagieren kann. Die Anleihen großer Konzerne waren vorher schon sehr gefragt, da sie häufig eine höhere Rendite bringen als Anleihen sicherer Staaten. Durch die Anleihekäufe der Zentralbank sind die Renditen der Papiere weiter gesunken. Laut dem iBoxx-Euro-Corporates-Index, der europäische Unternehmensanleihen im Volumen von 500 Milliarden Euro widerspiegelt, sank die Rendite seit März im Durchschnitt von 1,66 auf 1,35 Prozent.

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