Programm der EZB Ein schönes Spiel - nur für die Großen

Das Hochhaus der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main bei Tagesanbruch.

(Foto: dpa)

Die Europäische Zentralbank hilft Konzernen bald mit viel Geld - und benachteiligt kleine Firmen und Anleger.

Von Harald Freiberger

Die Europäische Zentralbank hat sich entschieden, künftig auch Unternehmen Geld zu leihen. Ein Novum: Bisher kaufte sie ausschließlich Staatsanleihen, nun auch Unternehmensanleihen. Die Papiere sind für Firmen ein Weg, ohne ein Bankkredit Schulden aufzunehmen. Kritiker finden, dass die Notenbank den Markt stark verzerrt. Die ersten Auswirkungen zeigen sich schon: Konzerne wie die Telekom begeben Anleihen in riesigem Volumen, die Nachfrage ist groß. Wem nützt die Zentralbank damit - und was bedeutet das für die Anleger?

Welche Anleihen will die EZB kaufen?

Im Juni beginnt die Zentralbank damit, "Non-Financials" zu kaufen - also Anleihen von Industrie- oder Dienstleistungsunternehmen, nicht von Banken. Zudem beziehen sich die Käufe ausschließlich auf Anleihen mit "Investment-Grade", das heißt solche mit einem vergleichsweise geringen Ausfallrisiko, die von der Ratingagentur Standard & Poor's mindestens mit der Note BBB- bewertet sein müssen. In der Regel sind das große Konzerne wie die 30 Werte im Deutschen Aktienindex. Selbst der Krisen-Konzern VW hat noch ein Rating von BBB+. Zum angestrebten Kaufvolumen äußerte sich die EZB nicht. Die Commerzbank schätzt, dass die Notenbank jeden Monat Papiere im Wert von drei und fünf Milliarden Euro kaufen wird, jeweils zur Hälfte etwa im Primär- und im Sekundärmarkt. Der Primärmarkt umfasst Anleihen, die Unternehmen neu herausgeben und erstmals einen Käufer finden. Auf dem Sekundärmarkt werden bereits ausgegebene Anleihen vom Besitzer weiterverkauft. Insgesamt haben Unternehmen in Europa derzeit Anleihen mit "Investment-Grade" für 435 Milliarden Euro ausgegeben, das heißt, sie befinden sich bei Anlegern in den Büchern. Das größte Anteil entfällt auf französische Unternehmen mit 147 Milliarden Euro, es folgen deutsche mit 105 Milliarden.

Was sollen die Käufe bezwecken?

Sie weitet die monatlichen Anleihenkäufe von 60 auf 80 Milliarden Euro aus. Im Prinzip schöpft sie damit Geld, weil sie Staaten, Unternehmen und bisherigen Besitzern Anleihen abkauft. Die Hoffnung ist, dass diese das frei werdende Geld investieren und ausgeben, auf diese Weise die Wirtschaft stärken und helfen, dem eigentlichen Ziel der Notenbank näherzukommen: dass nämlich die Preise steigen, in die Nähe von zwei Prozent Inflationsrate. Zuletzt betrug sie in Europa minus 0,2 Prozent. Die EZB befürchtet, dass Unternehmen und Bürger gar nicht mehr investieren und kaufen, weil sie immer weiter sinkende Preise erwarten. Durch den Kauf der Unternehmensanleihen hofft die Zentralbank, dass die Konzerne mehr Anleihen ausgeben, weil wegen der höheren Nachfrage die Preise steigen und im Gegenzug die Zinsen sinken; die Unternehmen können sich also billiger verschulden und mit dem Geld dann zum Beispiel neue Fabriken bauen.

Wie reagieren die Konzerne?

Der Markt für Anleihen großer Unternehmen ist bereits stark in Bewegung. Die Telekom hat etwa am Montag eine Anleihe über 4,5 Milliarden Euro herausgegeben, geplant waren ursprünglich nur 2,5 Milliarden - es gab eine Nachfrage über 14 Milliarden Euro, Entsprechend sank die Verzinsung. Für die Tranche mit sieben Jahren Laufzeit muss die Telekom nur 0,73 Prozent Zinsen pro Jahr zahlen; anvisiert hatte sie 0,98 Prozent. Der belgische Brauerei-Konzern Anheuser-Busch Inbev brachte am Mittwoch eine Anleihe mit einem Volumen von 13,25 Milliarden Euro auf den Markt; die Nachfrage war fast dreimal so hoch. Im Durchschnitt ist die Rendite für Unternehmensanleihen mit "Investment-Grade" in Europa in den vergangenen Tagen schon von 1,27 auf 1,12 Prozent gesunken. Das klingt nach wenig, ist in dem Markt aber ein gewaltiger Unterschied.

Warum ist die Nachfrage so hoch?

Investoren griffen jetzt schon verstärkt zu, weil sie erwarteten, "dass sie nicht mehr genug Papiere bekommen, wenn ab Juni die Zentralbank als Käufer auf den Markt tritt", sagt Elmar Völker, Anleihenexperte bei der Landesbank Baden-Württemberg. Es ist wie beim Winterschlussverkauf. Weil die Unternehmen wissen, dass die Nachfrage steigt und sie sich günstiger verschulden können, dürften sie in nächster Zeit auch verstärkt Anleihen herausbringen. "Für Konzerne ist das wie ein Sechser im Lotto", sagt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank.

Und kleine Unternehmen?

Sie decken ihren Finanzierungsbedarf in der Regel über Bankkredite. Das liegt auch daran, dass sie von Ratingagenturen selten auf "Investment-Grade" eingestuft werden. Außerdem ist ihr Volumen für das große Spiel auf den Anleihemärkten zu gering. Die Notenbank wird demnach kaum Anleihen kleinerer Unternehmen aufkaufen. Chefvolkswirt Krämer hält das für eine enorme Verzerrung der Märkte. "Es ist ordnungspolitisch kaum zu rechtfertigen, dass die EZB Großunternehmen so bevorzugt." Das gelte gerade für kleinere Unternehmen in Südeuropa, die eigentlich gefördert werden müssten, nun aber gegenüber Konzernen in Mitteleuropa zurückgeworfen würden. Diese brauchten die Unterstützung auch gar nicht. Krämer kann in der Aktion nur einen Sinn erkennen: Die Zentralbank wolle demonstrieren, dass sie noch handlungsfähig ist.

Was bedeutet es für Anleger?

Die Anleihen großer Konzerne waren zuletzt bei Investoren schon sehr gefragt, da sie häufig noch eine höhere Rendite bringen als Anleihen sicherer Staaten. Gleichzeitig war es ein sehr enger, illiquider Markt: Käufer und Verkäufer finden schwer zueinander. Der Hauptgrund dafür liegt in der Regulierung: Für Banken ist es viel teurer geworden, Unternehmensanleihen in den Büchern zu halten, weil sie diese mit mehr Eigenkapital unterlegen müssen. "Man muss sich das vorstellen wie auf dem Hof eines Gebrauchtwagenhändlers", sagt Krämer. Habe dieser viele Autos auf dem Hof und kaufe fleißig welche auf, komme auch mehr Handel zustande. Bei Unternehmensanleihen war dieser Handel zuletzt schon eingeschränkt.

Die Folge können für Anleger unfaire Preise sein. Gerade in hektischen Phasen, wenn viele verkaufen wollen, kann es zu extremen Preissprüngen kommen. Der Anleihe-Crash im Mai vergangenen Jahres hatte auch darin seine Ursache. "Wenn nun die EZB als Käufer auftritt, dürften sich die Liquiditätsprobleme noch verschärfen", sagt Anleihen-Experte Völker. Es könne zu starken Preisausschlägen kommen, der Markt werde für Investoren noch unsicherer. Gut möglich, dass die Notenbank Anlegern mit den Käufen von Unternehmensanleihen also gar nichts Gutes tut. Ein Bärendienst. Und Bären gelten an der Börse als Sinnbild für sinkende Kurse und Verluste.