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Kunststoffe:Plexiglas - Baustoff der Corona-Krise

Coronavirus · Leipzig

Die Kassiererin eines Supermarktes reinigt eine Schutzscheibe aus Plexiglas vor ihrem Arbeitsplatz.

(Foto: dpa)

In der Corona-Pandemie kaufen viele Firmen Spuckschutz und Trennwände aus Acrylglas. Hersteller kommen kaum hinterher, Händler erhöhen die Preise.

Es begann mit einem Versehen. Chemiker der Firma Röhm ließen in den 1930er-Jahren in ihrem Labor in Darmstadt die Probe eines neuen Kunststoffs am Fenster stehen. Als die Sonne darauf schien, brodelte es im Fläschchen, das Glas zerbarst. Doch es blieb ein Block des neuen Materials: durchsichtig wie Glas, aber leichter und nicht zerbrechlich. Sie hatten Plexiglas entdeckt, die bis heute bekannteste Marke der Kunststoffindustrie in Deutschland.

Kaum ein Baustoff ist in der Corona-Krise so gefragt: Viele Firmen und Behörden stellen durchsichtige Plastikplatten auf, um Kunden und Beschäftigte vor einer Infektion zu schützen. Pfarrer teilen schon die Kommunion in der Kirche hinter Kunststoffscheiben aus. Urlaubsregionen erwägen, Liegeplätze am Strand mit Plastikplatten abzutrennen.

Vom hohen Bedarf an Acrylglas - so der Oberbegriff für Marken wie Plexiglas - profitieren Hersteller und Händler. "Es wird nicht mehr nach dem Preis gefragt, mittlerweile auch nicht mehr nach der Farbe", sagt Joachim Wehmeyer vom Einkaufsverband deutscher Kunststoffhändler (EVDK), einem Zusammenschluss von 19 Mittelständlern. "Derzeit wird so gut wie alles verkauft." Plastikhändler bekämen nun sogar Scheiben in Sonderfarben los, die monatelang im Lager schlummerten.

Viele Kunststoffhändler hätten daher langjährige Kontakte genutzt und Kontingente mit verschiedenen Herstellern vereinbart, sagt Wehmeyer. "Wir haben uns einen Großteil der benötigten Mengen gesichert und erwarten regelmäßige Lieferungen über die nächsten Monate."

Um Ostern herum sei die Nachfrage nach Acrylglasplatten sprunghaft angestiegen. "Mittlerweile sind alle Hersteller für die nächsten Monate ausgebucht", so der Verbandskoordinator. Wer heute neu bei Produzenten ordere, bekomme zumeist Liefertermine für den Herbst genannt, berichtet er weiter.

Bekanntester Hersteller von Acrylglas ist bis heute die Firma Röhm. Bis voriges Jahr war sie eine Tochter des Chemiekonzerns Evonik, seither gehört sie dem US-Finanzinvestor Advent. Je nach Produkttyp sei die Nachfrage nach Plexiglasplatten fünf- bis zehnmal höher als vor der Corona-Krise, sagt Geschäftsführer Michael Pack. Tag für Tag nehme man Folgeaufträge an.

Röhm stellt Scheiben in Weiterstadt bei Darmstadt her, die Vorprodukte kommen aus einem Werk im nahen Worms am Rhein. Die Wege seien also kurz, man beklage keine Lieferschwierigkeiten. "Dennoch müssen Kunden, die heute bestellen, mit einer Lieferzeit von etwa zehn bis zwölf Wochen rechnen", sagt Pack. Schon Mitte März habe Röhm die Plattenherstellung "drastisch hochgefahren", auch andere Produktionslinien habe man auf durchsichtige Scheiben umgestellt.

Macht die Firma also gerade das Geschäft ihres Lebens? Der Chef verneint. "Ich möchte hier nochmal deutlich machen, dass wir uns nicht an der Not anderer bereichern wollen und auch keine dramatischen Preiserhöhungen planen." Zwar gebe es Anbieter, die vor allem in Handel und Zuschnitt aus der Not Kapital schlagen wollen. Doch Pack sagt: "Da machen wir nicht mit." Röhm liefere "weiterhin zu fairen Bedingungen".

Und, so sehr die ganze Firma auch vom Ansturm auf Plexiglasscheiben profitiere, sei das Geschäft nur ein Bereich von vielen. "Die Produktion transparenter Platten macht weniger als zehn Prozent unseres globalen Umsatzes aus", sagt der Geschäftsführer. Beispielsweise stellt Röhm nun weniger Materialien für Flugzeugbauer oder Formmassen für Autoteile her. "Selbstverständlich geht die allgemeine Wirtschaftsschwäche in Folge der Corona-Maßnahmen nicht spurlos an uns vorüber", so Pack.

Schutzwände werde es künftig in allen Lebensbereichen geben, vermutet der Röhm-Manager

Kunststoffhändler wiederum machen die Hersteller für teure Acrylglasscheiben verantwortlich. "Wir werden quasi wöchentlich mit Preiserhöhungen der Produzenten konfrontiert", sagt Verbandsmann Wehmeyer. Wer ablehne, erhalte keine Ware. "Hier ist ein klassischer Verkäufermarkt entstanden." Händler seien nun zwar in der glücklichen Lage, dass sie die höheren Preise weitergeben können. Doch vor der Corona-Krise sei das oft nicht gelungen, spricht Wehmeyer für seine Leute. "Es wird sich nicht künstlich bereichert."

Der Händlerkoordinator schätzt, dass künftig auch andere Kunststoffe von den Corona-Auflagen profitieren werden. Nicht nur, weil Produkte wie Plexiglas teurer werden und schwerer zu beschaffen. Acrylglas könne über die Zeit auch Spannungsrisse bekommen, wenn man es beispielsweise immer wieder mit Desinfektionsmitteln behandle.

"Die Oberfläche wird dann immer rauer", sagt Wehmeyer, "auch die Transparenz kann bei manchen Produkten mit der Zeit zurückgehen."

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Daher glaubt der Verbandsmann, dass viele Betriebe ihre Acrylglasplatten gegen Ende des Jahres austauschen werden: entweder, weil sie nicht mehr schön aussehen oder hygienischen Anforderungen nicht mehr genügen werden. "Hinzu kommt, dass derzeit immer mehr Branchen öffnen dürfen - sei es die Gastronomie, seien es Freibäder." Den Bedarf könnten dort beispielsweise auch Stegplatten decken, die man bislang etwa von Wintergärten kennt. Diese Scheiben wären zwar nicht glasklar, lassen aber immerhin Licht durch und könnten daher für Trennwände taugen.

Röhm-Chef Pack rechnet damit, dass auch die Nachfrage nach Plexiglas hoch bleiben wird: "Jetzt, wo immer mehr Geschäfte und auch die gastronomischen Betriebe aufmachen dürfen, erwarten wir eine zweite große Auftragswelle." Schutzwände werde es künftig in allen Lebensbereichen geben, vermutet der Manager, von Schulen und Banken bis hin zu Bussen und Taxis. "Das Coronavirus hat das Hygienebewusstsein der Menschen nachhaltig geändert."

Neben all den geschäftlichen Auswirkungen erlebt man in der Branche derzeit auch, dass ein gewisses Selbstbewusstsein wiedererstarkt. Hatte die Politik doch vor der Pandemie eher überlegt, wie man den Einsatz von Plastik reduzieren kann, wo der Staat ihn gar verbieten sollte. "Ich denke, dass Nachhaltigkeit weiterhin in den Köpfen der Menschen ist", sagt Verbandskoordinator Wehmeyer. "Aber man erkennt wieder, dass Kunststoff in gewissen Bereichen eine Existenzberechtigung hat." Zum Beispiel eben bei durchsichtigen Platten, die gut desinfizierbar sein sollen. Die einzige Alternative zu Kunststoff wären da Glasscheiben. Doch die sind nicht nur schwerer, sondern immer noch deutlich teurer als Plastik.

© SZ vom 15.05.2020/mxh

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