Tourismus:Sommer, Sonne - und immer noch kein Boom

Tourismus: Als Portugal im Juni Virusvariantengebiet wurde, stornierten deutsche Urlauber.

Als Portugal im Juni Virusvariantengebiet wurde, stornierten deutsche Urlauber.

(Foto: Julia Hecht)

Reisebüros müssen Kunden in der Pandemie intensiver beraten, erleben aber oft Stornierungen. Neue Gebühren könnten helfen, aber die Vorbehalte sind groß.

Von Sonja Salzburger

Wer am späten Nachmittag spontan bei "44 travel" in München vorbeischaut, steht vor verschlossenen Türen. Das Reisebüro hat zur Zeit nur von 10 bis 14 Uhr geöffnet. "Mehr gibt die aktuelle Situation noch nicht her", sagt Geschäftsführer Andreas Radeck. Einen Reiseboom im Sommer 2021 beobachtet er nicht. Stattdessen: Viel Verunsicherung auf Seiten der Kunden und eine Stornowelle bei Portugalreisen, als das Land Ende Juni als Virusvariantengebiet eingestuft wurde.

Die Corona-Pandemie hat die Reisebüros hart getroffen. Noch hat sich die Lage keineswegs entspannt. Die Geschäftserwartungen waren im Juli schlechter als im Juni, so eine Befragung des Branchenmagazin fvw mit der Beratungsfirma Dr. Fried. Nur noch 47 Prozent der Betriebe gehen davon aus, dass sich ihre Situation im nächsten halben Jahr verbessert (Juni: 54 Prozent). Und 23 Prozent befürchten sogar eine Verschlechterung. Nach einer ifo-Umfrage bangen derzeit weiterhin 68 Prozent Reisebüros um ihre Existenz.

"Nicht alle werden diese Krise überleben", sagt Marija Linnhoff, die Vorsitzende des Verbands unabhängiger selbstständiger Reisebüros. Linnhoff rechnet mit einer baldigen Pleitewelle. Reisebüros verdienen ihr Geld mit Provisionen der Veranstalter für deren Angebote. Die Höhe der Provision liegt meist zwischen sechs und zwölf Prozent des Gesamtpreises. Das Problem: Wird die Buchung storniert, gehen die Reisebüros trotz geleisteter Arbeit leer aus oder bekommen höchstens eine Provision auf die Stornogebühren.

Reisebüros haben erheblich mehr Aufwand und ein höheres Risiko

Das Risiko, dass Kunden einen geplanten Urlaub nicht antreten, ist durch die Corona-Pandemie um ein Vielfaches gestiegen - genauso wie der Mehraufwand für die Beratung. Die Kunden wollen längst nicht mehr nur wissen, wo sie den schönsten Badestrand an der portugiesischen Algarve oder das familienfreundlichste Hotel an der italienischen Amalfiküste finden. Viel drängender sind Fragen zu Ein- und Ausreisebestimmungen, Quarantäneregeln und der Infektionslage in den einzelnen Urlaubsländern. Hier immer auf dem aktuellsten Stand zu bleiben, ist für die Mitarbeiter der Reisebüros ein Kraftakt, auch weil sich die Lage ständig verändert.

"Wir gehen wirklich jedes Detail mit den Kunden durch", sagt Thomas Engel, Inhaber des Reisebüros TM Reisen in Heusweiler in der Nähe von Saarbrücken. "Wir müssen das tun, sonst haben wir am Ende gar keine Buchung." Marija Linnhoff vom Verband selbstständiger Reisebüros macht das wütend. "Seit 14 Monaten kämpfen wir darum, dass die Reiseveranstalter eine Pauschale pro Vorgang zahlen sollen", sagt Linnhoff. "Wir haben 75 Euro vorgeschlagen. Das verweigern alle Veranstalter."

Die Veranstalter haben eine andere Idee, um den erhöhten Beratungsbedarf der Kunden und das Stornierungsrisiko abzufedern: Beratungsgebühren. Als erster Konzern hat DER Touristik im Herbst vergangenen Jahres in seinen 500 eigenen Reisebüros ein Serviceentgelt eingeführt. Im Mai hat Tui nachgezogen und lässt sich die Beratung in den 400 konzerneigenen Filialen ebenfalls vergüten. "Unsere ersten Erfahrungen damit sind positiv", sagt ein Tui-Sprecher. Die Kunden seien durchaus bereit, für eine Beratungsleistung zu zahlen. Nach Ansicht des Konzerns müssten die großen Reisebüros bei den Gebühren vorangehen, damit auch kleinere nachziehen können. "Wir gehen davon aus, dass das ein Marktstandard wird."

Thomas Engel von TM Reisen bei Saarbrücken will von Beratungsgebühren derzeit noch nichts wissen. Er hat viele Kunden, 85 Prozent davon waren im Juni sogar zum ersten Mal bei ihm. Engel arbeitete teilweise 12 bis 13 Stunden am Tag. Manche Kunden berichten ihm, dass sie vorher regelmäßig in der Filiale eines Konzerns gebucht hätten, aber keine zusätzlichen Gebühren bezahlen wollen.

© SZ
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