Offshore-Leaks Die Inseln: Steueroasen aus Geldnot

Es waren ausgerechnet dramatisch fallende Steuereinnahmen, die die Bewohner der Cook-Inseln Anfang der Achtzigerjahre auf die Idee für ein besonderes Geschäftsmodell brachten. Der Staat hatte kaum mehr zu bieten als weiße Sandstrände und türkisblaues Meer - beides keine Seltenheit in der Südsee. Die britischen Kolonialherren hatten nur Linksverkehr, Kricketfelder und das englische Frühstück dagelassen; auch damit ließ sich wenig anfangen. Die Bewohnerzahl sank unter 20.000, es gab nur anderswo Arbeit und Zukunft. Also trat das Parlament der Cook-Inseln zur Krisensitzung zusammen. Weil es noch kein Parlamentsgebäude gab, trafen sich die Abgeordneten in Wohnbaracken auf der Hauptinsel Rarotonga. Hier verabschiedeten die Abgeordneten 1981 den International Companies Act. In fünf Kapiteln verspricht er internationalen Investoren: Bringt uns euer Geld - und wir halten den Mund. Die Cook-Inseln wurden zur Steueroase. Aus einem Staat, in dem zuvor schon ein Fahrraddiebstahl ein großes Ding war, wurde ein Hafen für Steuerflüchtlinge und Kriminelle.

Schöner Strand: die Cook-Inseln

(Foto: iStockphoto / Topher McGrillis)

Etwa 50 Staaten weltweit gelten als Steueroasen. Sie alle eint, dass sie wenig oder gar keine Steuern erheben, das Bankgeheimnis konsequent einhalten, weitreichende Anonymität gewähren und sich über die Gebühren der Briefkastenfirmen finanzieren.

Die Bedeutung von Steueroasen lässt sich an drei Beispielen gut erklären: Das Land, aus dem das meiste Kapital nach China fließt, ist die Steueroase Britische Jungferninseln. Indiens größter Geschäftspartner ist: der Inselstaat Mauritius. Und Deutschlands größter Investor? Viele Jahre die Schweiz.

Einer der Mitverfasser des International Companies Act auf den Cook-Inseln war ein gewisser Mike Mitchell. Der Neuseeländer, lange Jahre britischer Generalkonsul, gründete 1987 einen Finanzdienstleister, der hauptsächlich Briefkastenfirmen anbot. Diese Dienstleister sind bei der Aufsicht der Steueroasen registriert und erledigen den Papierkram vor Ort. Ein einfacher, aber lukrativer Geschäftszweig.

Der 68-jährige Mitchell nannte seine eigene Firma Portcullis, auf Deutsch: Fallgitter. Wie hinter den Mauern einer mittelalterlichen Burg, so sollten die Kunden glauben, werde ihre wahre Identität geschützt. 2004 verkaufte er die Firma, die heute Portcullis Trustnet (PTN) heißt, etliche Niederlassungen besitzt und Hunderte Angestellte beschäftigt.

Portcullis ist die eine der beiden Firmen, deren Datenleck gerade weltweit für Aufregung sorgt. Die andere ist der Portcullis-Konkurrent Commonwealth Trust Limited (CTL) mit Sitz in der Karibik, auf den Britischen Jungferninseln. Hier leben 32.000 Einwohner - auf jeden von ihnen kommen mehr als 15 registrierte Firmen. Die Inseln sind britisches Überseegebiet, das sehen Investoren gern. So können sie im ärgsten Fall vor dem High Court of Justice in London klagen, dem höchsten englischen Gericht, und müssen sich nicht auf ein willkürliches Rechtssystem verlassen.

Zusammengenommen meldeten CTL und PTN insgesamt 120.000 Firmen in neun Steueroasen an. Das ist der Stoff.

Der Kanadier Thomas Ward hat CTL mitgegründet. Bis 2008 war er Geschäftsführer, heute berät er das Unternehmen. Zu seiner Zeit habe CTL 3000 bis 5000 Unternehmen pro Jahr registriert, schätzt er. Im Schnelldurchgang: E-Mail, Namen eintragen, abheften. Darunter seien natürlich auch ein paar schwarze Schafe gewesen. Wie so viele aus der Offshore-Branche verweist Thomas Ward auf die vorgeschriebenen Sorgfältigkeitsprüfungen, die "due diligence", wie es im Branchenjargon heißt. Nur: Wenn man nicht gerade Osama bin Laden heißt, kommt man mit praktisch jedem dieser Dienstleister ins Geschäft.