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Kolumne: Pipers Welt:In Sachen Schmoller

An dieser Stelle schreibt jeden zweiten Freitag Nikolaus Piper. Illustration: Bernd Schifferdecker

Der Verein für Socialpolitik muss sich mit dem Rassismus eines Gründers auseinandersetzen.

Von Nikolaus Piper

Ökonomen haben sich überall auf der Welt in wissenschaftlichen Vereinigungen zusammengeschlossen. In den Vereinigten Staaten gibt es die American Economic Association, in Großbritannien die Royal Economic Society und in den deutschsprachigen Ländern den Verein für Socialpolitik, mit "c". Der merkwürdige Name erklärt sich aus der Geschichte des Vereins. Maßgeblich für die Gründung 1873 war ein Mann namens Gustav von Schmoller (1838 - 1917). Er führte den Verein viele Jahre bis zu seinem Tod. Schmoller war einer der wichtigsten Vertreter der Historischen Schule der Nationalökonomie, und die hatte ein klares politisches Programm.

Gustav von Schmoller (Foto von Rudolf Dührkoop)

Gustav von Schmoller

(Foto: Rudolf Dührkoop/gemeinfrei)

Schmoller und seine Leute bekämpften die klassische und die neoklassische Ökonomie, die aus England kam und den Gang der Wirtschaft aus den Entscheidungen von Individuen erklären wollte, aus Angebot und Nachfrage also. Die "Kathedersozialisten", wie man sie auch nannte, lehnten die Gedanken von Adam Smith und dessen Nachfolgern als "Manchesterliberalismus" ab. Heute würden sie wohl von "Neoliberalismus" sprechen: Sie wollten keine werturteilsfreie Forschung, sondern hatten ein politisches Programm, und zwar wollten sie "auf der Grundlage der bestehenden Ordnung die unteren Klassen soweit heben, bilden und versöhnen, dass sie in Harmonie und Frieden sich in den Organismus einfügen". Gemeint war: Der SPD und den Gewerkschaften sollte durch Sozialpolitik das Wasser abgegraben werden. Dafür musste ein "Agitationsverein" her, eben der "Verein für Socialpolitik".

Schlimme Passagen im Lehrbuch

Das alles ist sehr lange her. Die Historische Schule ist seit einem Jahrhundert tot, der VfS ist eine ganz normale Vereinigung von Wirtschaftswissenschaftlern unterschiedlicher Richtung. Niemand würde die Vereinigung als "Agitationsverein" sehen. Und doch musste sich deren Vorstand am vergangenen Mittwoch ausgiebig mit Schmoller und seinem Erbe befassen. Das Problem liegt darin, dass es von dem Gründervater einige sehr hässliche Zitate in Sachen Rassismus und Antisemitismus gibt. Und über die kann ein Verein heute nicht mehr so einfach hinweggehen, der modern, divers und attraktiv für neue, junge Mitglieder sein möchte. Besonders nicht in einer Zeit, in der sich auch die amerikanischen Ökonomen mit Rassismus in ihrer Geschichte befassen.

So gibt es in Schmollers einst populärem Lehrbuch "Grundriss der Allgemeinen Volkswirtschaftslehre" ein ganzes Kapitel über "Rassen und Volker", in dem es ausführlich um angeblich höher- und niederstehende Rassen geht und deren vermutete Eigenschaften. Viele bizarre Erkenntnisse finden sich darin, zum Beispiel diese: "Der Neger und jedenfalls die Negerin arbeiten, soweit die Bedürfnisse sie dazu nötigen, niemals freilich aus Freude an der Arbeit." Noch eindeutiger war Schmoller, als ihn die Wiener Neue Presse 1893 nach seiner Meinung zum Antisemitismus befragte. Darin missbilligte er die "Mischung und Kreuzung von Rassen, welche physisch, geistig und moralisch sehr weit von einander abstehen". Was die Juden betreffe, so müsse man noch genauer untersuchen, "ob ihre Zahl eine zu große sei, um sie zu verdauen und zu assimilieren. Und ob Germanen und Semiten von einander wirklich in einem solchen Maße verschieden sind, dass die Mischung ungünstig wirkte" (zitiert nach einem Beitrag des Münchner Historikers Michael Brenner in der NZZ vom 22.7.2002). Heute hätte das eine Anzeige wegen Volksverhetzung zur Folge.

Keinem der heutigen Mitglieder des Vereins kann man vorwerfen, etwas mit der Gedankenwelt Schmollers zu tun zu haben. Nur eine Kleinigkeit ist geblieben: Der Verein zeichnet verdiente Mitglieder mit einer "Gustav-Schmoller-Ehrenmedaille" aus. Träger der Medaille sind gegenwärtig Hans-Werner Sinn und Olaf Reimann. Die Frage ist, ob es nicht spätestens jetzt an der Zeit wäre, die Medaille umzubenennen.

Man kann die Frage von zwei Seiten angehen. Einerseits entsprach Schmoller dem Zeitgeist. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts haben viele Geistesgrößen ohne Scheu rassistisch oder antisemitisch dahergeredet und geschrieben. Andererseits könnte man mit dem Verweis auf den Zeitgeist auch den gefährlichsten Blödsinn rechtfertigen. Und die Historische Schule war immer schon anfällig für Blödsinn, weil sie dem präzisen Argument misstraute und sich stattdessen als "verstehende" Wissenschaft verstand.

Berüchtigt in dieser Hinsicht war Werner Sombart, der letzte einflussreiche Vertreter der Schule. Mit seinem Buch "Deutscher Sozialismus" wollte er den Nazis 1934 ein im Wortsinne nationalsozialistisches, rassistisches Wirtschaftsprogramm entwerfen. Dass das, was dann kam, um ein Vielfaches schlimmer war als Sombarts Pläne, macht diese nicht sympathischer.

Was ist mit den vielen Schmollerstraßen?

Trotzdem ist es fraglich, ob eine symbolische Säuberungsaktion gegen Schmoller heute noch sinnvoll wäre. Was wäre dann mit Schmollers Grab auf dem Kaiser-Friedrich-Gedächtnis-Friedhof in Berlin-Charlottenburg? Durch Beschluss des Berliner Senats hat es den Rang einer "Ehrengrabstätte". Und was ist mit den vielen Schmollerstraßen in Deutschland? Cancel Culture ist wahrscheinlich keine Lösung. Viel wichtiger wäre es, sich mit dem Erbe der Historischen Schule zu befassen - nicht unter Ökonomen, sondern in der breiteren gebildeten Bevölkerung, wo ein gefährlicher Antikapitalismus ganz im Sinne von Schmoller und Sombart als modern gilt. Den Begriff "Spätkapitalismus" hat schließlich Sombart erfunden.

Man kann es aber auch so sehen: Angenommen, der Verein wollte einem die Schmoller-Medaille verleihen, würde man sich wirklich geehrt fühlen, nun da alle in der Zunft sich mit Schmollers Erbe befasst haben? Der Vorstand jedenfalls beschloss am Mittwoch, die Diskussion über die Geschichte fortzusetzen.

© SZ
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