Neonikotinoide Bauern und Chemiebranche kritisieren Verbot bienenschädlicher Pestizide

  • Um das Insektensterben zu stoppen, verbietet die EU-Kommission den Freilandeinsatz bienenschädlicher Pestizide.
  • Naturschützer fordern weitere Maßnahmen. Konzerne wie Bayer und Landwirte protestieren.
Von Markus Balser und Thomas Kirchner, Brüssel

Das Ergebnis war knapp. Sicher hatte sich noch am Freitagmorgen niemand in Brüssel sein können. Würde es, wie beim Votum zu Glyphosat, wieder zur Hängepartie kommen im Ständigen Ausschuss für Pflanzen, Tiere, Nahrungsmittel und Futter? Doch am Ende stimmten 16 von 28 EU-Staaten für das Verbot von drei bienenschädlichen Insektengiften, sogenannten Neonikotinoiden. Vier Staaten waren dagegen, der Rest enthielt sich.

Es zählte jede Stimme. 15 hätten für eine qualifizierte Mehrheit nicht gereicht. Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Österreich unterstützten das Verbot. Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) sprach nach dem Votum von einem "guten Tag für den Schutz der Bienen in Deutschland und in Europa". Sie seien "systemrelevant - auch für den Erhalt unserer Landwirtschaft". Die von Bayer hergestellten Pestizide Imidacloprid und Clothianidin sowie Thiamethoxam (Syngenta) dürften nun europaweit nicht mehr im Freien eingesetzt werden, teilte die EU-Kommission mit. Noch in diesem Jahr solle die Regulierung in Kraft treten. Die Kommission hatte das Verbot empfohlen, gestützt auf die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa), die die Schädlichkeit der Stoffe für Wild- und Honigbienen schon 2013 bescheinigt und Anfang des Jahres bekräftigt hatte. Der Einsatz in Gewächshäusern bleibt jedoch erlaubt, ebenso die Verwendung anderer Neonikotinoide, die nach Ansicht der Kommission keine Gefahr für Bienen darstellen, sowie ähnlich wirkender Pflanzenschutzmittel.

"Jedes Insektizid könnte sich als schädlich für Bienen herausstellen"

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In der Landwirtschaft werden die Stoffe eingesetzt, um Schädlinge zu bekämpfen und Pflanzen zu schützen. Doch ihre Wirkung entfalten sie auch gegen Tiere, deren Bekämpfung eigentlich nicht gewollt ist. Neonikotinoide wirken über alle Teile der Pflanzen, auch Nektar und Pollen. In Insekten greifen sie das zentrale Nervensystem an, leider auch jenes von Bienen, die sich nicht mehr richtig orientieren können und Krämpfe bekommen. Imker berichten, ihre Völker seien weniger leistungsfähig in der Nähe von Feldern, die mit dem Nervengift behandelt wurden. Schon seit 2013 ist die Anwendung der nun verbotenen Stoffe stark begrenzt. Untersagt ist der Einsatz bei Weizen, Gerste, Hafer, Mais. Auch das Saatgut von Raps darf nicht mehr damit behandelt werden. Erlaubt ist hingegen noch der Einsatz nach der Blüte sowie bei Zuckerrüben oder Kartoffeln, die für Bienen nicht interessant sind. Bayer und Syngenta sind wegen der Beschränkungen vor den Europäischen Gerichtshof gezogen, der darüber vermutlich in diesem Jahr urteilen wird.

Forscher hatten zuletzt auch in Deutschland einen massiven Schwund von Bienen, Hummeln und anderen Insekten ausgemacht. Sie fürchten bereits um ganze Ökosysteme.

Doch die Reaktionen auf das Teilverbot machten am Freitag klar, wie verhärtet die Fronten derzeit zwischen Umweltschützern auf der einen und Bauern und Chemiebranche auf der anderen sind. Der Bayer-Konzern sprach von einem schlechten Deal für die europäische Landwirtschaft und die Umwelt. Die Entscheidung werde die Möglichkeiten für Landwirte, gegen Schädlinge vorzugehen, weiter einschränken. Die Beschränkungen sind nach Ansicht des Unternehmens nicht gerechtfertigt, da Neonikotinoide bei sachgerechter Verwendung sicher seien.

Für Umweltschützer kann das Teilverbot nur der Anfang sein

Der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied, sprach von einer echten Herausforderung, Alternativen zu entwickeln und neue Produkte schnell zur Zulassung zu bringen. Ohne Pflanzenschutzmittel gehe es nicht, weder in der ökologischen noch in der konventionellen Landwirtschaft.

Vor allem die mächtige Rübenbauerlobby hatte ein Verbot bekämpft. Zuckerrüben blühten nicht, argumentiert sie, auch die Abgabe von Tauwasser durch Blätter sei für Bienen bedeutungslos. Die Kommission hatte eine Ausnahme aber abgelehnt, weil die Bienen über Blüten von Folgekulturen mit den Neonikotinoiden trotzdem in Berührung kämen.

Für Umweltschützer kann das Teilverbot dagegen nur der Anfang sein. Der Grünen-Europaabgeordnete Martin Häusling forderte ein "EU-weites Komplettverbot" für Neonikotinoide. Langfristig führe kein Weg an einer ökologisierten, weitgehend chemiefreien Landwirtschaft vorbei. "Lediglich alte Gifte durch ganz ähnliche neue, genauso gefährliche Stoffe zu ersetzen wäre Etikettenschwindel", warnte auch der Grünen-Bundestagsabgeordnete Harald Ebner. Landwirtschaftsministerin Klöckner müsse die Zulassung neuer Gifte mit gleicher Wirkungsweise stoppen. Dass die Politik die Systemrelevanz der Bienen ernst nehme, müsse sie mit weiteren Schritten beweisen.

Die Regierung muss die Umwelt mutiger schützen

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