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Textilbranche:Deutschland liefert schädliche Chemikalien für die Modeindustrie

Closeup shot of stack of folded jeans in the fashion store (Nobilior)

Bei der Herstellung von Jeans und anderen Kleidungsstücken kommen viele Chemikalien zum Einsatz, auch solche, die in Europa verboten sind.

(Foto: Nobilior via www.imago-images.de/imago images/Nobilior)

Jeans, T-Shirt und Co. sind oft mit Giftstoffen belastet. In der EU verbotene Mittel werden auch von deutschen Firmen hergestellt und dann exportiert.

Von Silvia Liebrich

Die Modeindustrie gehört zu den großen Nutzern gefährlicher Chemikalien und weltweit zu den Hauptverschmutzern von Trinkwasser. Tausende, zum Teil hochgiftige Chemikalien kommen in der Produktion zum Einsatz. Obwohl der Einsatz besonders kritischer chemischer Stoffe in der EU stark reguliert oder ganz verboten ist, werden diese von deutschen Unternehmen weiter hergestellt - und in die ganze Welt exportiert. Das geht aus einer Kleinen Anfrage der Grünen im Bundestag hervor, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt. "Deutschland exportiert gefährliche Chemikalien, die in Textilien wieder zu uns zurückkommen", kritisiert die Bundestagsabgeordnete Bettina Hoffmann.

Zu den umstrittenen Chemikalien zählen Stoffe aus der Gruppe der Nonylphenole und Nonylphenolethoxylate, die laut Umweltbundesamt unter anderem nachweislich das Hormonsystem von Fischen belasten. Allein aus Deutschland wurden nach Angaben der Bundesregierung 2019 knapp 800 Tonnen Nonylphenol in 35 Länder exportiert. Der Marktwert dürfte laut Hoffmann bei bis zu 100 Millionen Euro liegen. Hinzu kommen Ausfuhren von mehr als 430 Tonnen an Nonylphenolethoxylaten. Zu den Ländern mit den höchsten Importen aus Deutschland zählten neben Südafrika, Sambia, der Schweiz und Mexiko auch Länder mit einer großen Textilindustrie wie die USA, China, Indien und die Türkei.

Obwohl diese schädlichen Stoffe in der EU - etwa in Textilien, Wasch- und Reinigungsmitteln - weitgehend verboten sind, belasten sie weiterhin die europäischen Gewässer. Ursache dafür ist laut Umweltbundesamt das Waschen von importierten Textilien. Als Greenpeace 2014 eingeführte Hosen, T-Shirts und andere Kleidungsstücke genauer untersuchte, fanden die Umweltschützer Rückstände von Nonylphenolethoxylaten in 50 von 82 analysierten Textilien.

Viele Kleidungsstücke werden in Billiglohnländern gefertigt

Das Problem ist: Was innerhalb der EU-Grenzen verboten ist, darf anderenorts oft nach wie vor eingesetzt werden und belastet dort Umwelt und Menschen. Giftige Abwässer, auch mit Farbrückständen, werden häufig ungeklärt in Flüsse geleitet, aus denen Anwohner ihr Trinkwasser schöpfen und die von der Landwirtschaft zum Bewässern von Feldern genutzt werden.

Ein wesentlicher Anteil der Bekleidung, die in Europa auf den Markt kommt, wird in Billiglohnländern in Asien oder Afrika gefertigt. Das gilt sowohl für die Billighersteller sogenannter Fast Fashion als auch für teure internationale Modelabels. "Das Beispiel Nonylphenol macht deutlich, dass wir die Zulassung, den Gebrauch und den weltweiten Handel von gefährlichen Chemikalien vereinheitlichen und strenger regulieren müssen", fordert die Grünen-Politikerin. Denn in vielen Ländern sei deren Nutzung nach wie vor kaum reguliert.

Hoffmann verweist darauf, dass sich die Weltgemeinschaft zum Ziel gesetzt habe, die negativen Auswirkungen von Herstellung und Verwendung von Chemikalien auf Mensch und Umwelt zu minimieren. Ein wichtiges Instrument dafür sei das SAICM-Abkommen, das Kürzel steht für "Strategischer Ansatz für das Internationale Chemikalienmanagement". Dieses Abkommen sei jedoch 2020 ausgelaufen, kritisiert die Abgeordnete. Die Bundesregierung habe es versäumt, sich in ihrer Funktion als Vorsitzende der SAICM-Konferenz für dessen Verlängerung einzusetzen. Ein Fehler, der ihrer Ansicht nach korrigiert werden muss.

© SZ/shs
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