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Mindestlohn in Großbritannien:Mächtige Kommission

In Großbritannien legen Fachleute die Untergrenze für Löhne fest. Die Parteien streiten nicht mehr darüber - vor allem, weil die Grenze immer sehr niedrig ist.

Von Björn Finke, London

6,31 Pfund: Das ist seit Oktober der Mindeststundenlohn in Großbritannien. Bis September waren es nur 6,19 Pfund gewesen, doch die Regierung hob die Untergrenze nun an. Wie immer folgte sie dabei einer Empfehlung der Low Pay Commission, einer unabhängigen Experten-Kommission. Sie wurde gegründet, als die damalige Labour-Regierung 1999 den Mindestlohn einführte. In ihr sitzen Vertreter der Arbeitgeber und der Gewerkschaften sowie Ökonomen, die Fachleute schlagen alle zwei Jahre einen neuen Satz vor.

Der Schritt der Labour-Partei war umstritten gewesen, Kritiker befürchteten, dass der Lohn zu hoch angesetzt würde und so Arbeitsplätze vernichtet würden. Die Partei hatte einen gesetzlichen Mindestlohn im Wahlkampf versprochen, als Reaktion darauf, dass die Gewerkschaften im Vereinigten Königreich immer mehr an Einfluss verloren hatten. Arbeitnehmer sollten deswegen nun vom Staat vor Ausbeutern geschützt werden. Außerdem stockt die Regierung bei Geringverdienern die Gehälter mit Steuergeldern auf - ohne Untergrenze könnten skrupellose Manager Mini-Löhne zahlen und es dem Staat überlassen, die Einkommen auf ein erträgliches Niveau zu heben.

Hunderte große Arbeitgeber halten sich an eine zweite, freiwillige Untergrenze

Ängste, dass der Mindestlohn Jobs kosten könnte, waren bislang unbegründet, inzwischen ist die Untergrenze kein Streitpunkt mehr zwischen den Parteien. Dies dürfte vor allem daran liegen, dass die Kommission meistens einen wirklich sehr niedrigen Lohn vorschlägt. Der Thinktank Resolution Foundation kritisierte denn auch die zaghafte Erhöhung Anfang Oktober und klagte, dass nun seit fünf Jahren die Inflationsrate höher sei als die Steigerung beim Mindestlohn. Sprich: Die etwa eine Million Briten, die nur das Mindestgehalt beziehen, können sich immer weniger davon kaufen.

Rechnet man die 6,31 Pfund auf das Jahresgehalt eines Vollzeit-Arbeitnehmers hoch, ergeben sich 11.480 Pfund. Hätte der Mindestlohn Schritt gehalten mit der Preissteigerung seit 2008, müssten es gut 1000 Pfund im Jahr mehr sein, schreiben die Forscher. "Die Kommission hat richtig gehandelt, als sie in wirtschaftlich schwierigen Jahren vorsichtig war", sagt James Plunkett, der Direktor der Resolution Foundation. Aber jetzt, im Aufschwung, müsse einiges aufgeholt werden.

Der Mindestlohn gilt für alle Branchen und ist im ganzen Land einheitlich, obwohl die Lebenshaltungskosten in London viel höher sind als etwa im Norden der Insel. Da setzt die Living Wage Foundation an. Dieses Institut ermittelt anhand der nötigen Ausgaben für den Lebensunterhalt, mit welchem Gehalt Menschen tatsächlich über die Runden kommen können. Die Einrichtung schlägt für Großbritannien einen sogenannten Living wage von 7,45 Pfund pro Stunde vor, für London sogar 8,55 Pfund. Hunderte große Arbeitgeber halten sich freiwillig an diese Untergrenze. Damit gibt es jetzt zwei Mindestlöhne: den gesetzlichen, von dem niemand leben kann, und den freiwilligen, der ein menschenwürdiges Dasein ermöglicht.

© SZ vom 17.10.2013/aper

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