Autoindustrie:Mercedes will alle eigenen Autohäuser verkaufen

Autoindustrie: Eigene Niederlassungen waren bei Mercedes auch immer ein Aushängeschild für die Marke. Jetzt könnten an den bisherigen Autohäusern auch andere Logos prangen.

Eigene Niederlassungen waren bei Mercedes auch immer ein Aushängeschild für die Marke. Jetzt könnten an den bisherigen Autohäusern auch andere Logos prangen.

(Foto: Sebastian Gollnow/dpa)

Rund 8000 Menschen arbeiten in den konzerneigenen Niederlassungen. Kündigungen soll es keine geben, sagt Mercedes - aber der Betriebsrat geht schon mal auf Konfrontationskurs.

Von Christina Kunkel

Für rund 8000 Menschen dürfte diese Nachricht ein Schock sein: Mercedes-Benz erwägt, alle seine rund 80 konzerneigenen Autohäuser in Deutschland zu verkaufen. Nachdem mehrere Medien über die Pläne berichtet hatten, bestätigte der Autohersteller die Pläne am Freitag. Nach guten Erfahrungen in verschiedenen europäischen Märkten prüfe man inzwischen auch hierzulande, wie man die konzerneigenen Niederlassungen eigenständiger aufstellen könne, teilte das Unternehmen mit. Dabei sei auch ein Verkauf an erfahrene und renommierte Händlergruppen nicht ausgeschlossen. Aus Konzernkreisen heißt es, die Pläne zum Verkauf seien schon sehr fix. Bleibt die Frage, wie lange es dauert, passende Interessenten zu finden - und den Betriebsrat mit ins Boot zu holen.

In den konzerneigenen Niederlassungen von Mercedes-Benz sind derzeit etwa 8000 Menschen in rund 80 Betrieben beschäftigt. Es wäre nicht die erste Verkaufswelle: Bereits 2014 und 2015 hatte der damalige Daimler-Konzern 63 Niederlassungen an unabhängige Händler veräußert. 2021 traf es dann mehr als 25 Betriebe in England, Spanien und Belgien - mit positivem Effekt für die Autohäuser, wie der Hersteller betont: "Alle Betriebe sind weiterhin am Netz, die Kunden hervorragend betreut und die Belegschaft hat auch nach Betriebsübergang vertraglich vereinbarte Arbeitsplatzsicherheit."

Ein Verkauf der Niederlassungen bedeutet derweil nicht, dass in den Betrieben zukünftig keine Mercedes-Fahrzeuge mehr angeboten werden. Allerdings dürfte es in vielen Fällen dazu kommen, dass bestehende Händlergruppen die Betriebe mitsamt dem Mercedes-Personal übernehmen und dann dort nicht nur Autos mit dem Stern, sondern auch Fahrzeuge anderer Hersteller anbieten.

Die größte Hürde: Für alle Mitarbeiter gilt eine Beschäftigungsgarantie

Ein Mercedes direkt neben einem Wagen der Konkurrenz, etwa vom chinesischen Hersteller BYD? Nicht ausgeschlossen. Es dürfte allerdings noch eine ganze Weile dauern, bis alle deutschen Niederlassungen neue Besitzer gefunden haben.

Zum einen betont der Autobauer, jeden Verkauf ergebnisoffen, schrittweise und für jede Niederlassung einzeln zu prüfen. Als Investor komme nur infrage, wer alle Voraussetzungen für den bestmöglichen Betrieb eines Autohauses nachweisen könne. Wichtig seien neben ausgewiesener Erfahrung unter anderem ein langfristiges unternehmerisches Konzept sowie eine dauerhafte Investitionsbereitschaft und die Aufgeschlossenheit gegenüber Arbeitnehmervertretungen. Die Standorte sollen darüber hinaus "nicht gesamthaft an einen Erwerber übergeben" werden. "Wir planen nicht, an reine Finanzinvestoren zu verkaufen, und eine Schließung von Standorten ist nicht Gegenstand der Überprüfung", heißt es aus Stuttgart weiter.

Die größte Hürde dürfte sein, dass die rund 8000 Beschäftigten in den Autohäusern unter die Beschäftigungsgarantie der Schwaben fallen, die für alle Tarifmitarbeiter bis Ende 2029 gilt. Deshalb geht ohne Zustimmung des Betriebsrats bei einem möglichen Verkauf nichts.

So betont Mercedes bereits jetzt, dass es bei einer möglichen Neuaufstellung keine Kündigungen geben werde. Vielmehr wolle man langfristig die Zukunftsfähigkeit der Arbeitsplätze sowie die Wettbewerbsfähigkeit der Niederlassungen sichern. Aber natürlich ist es auch eine emotionale Frage, die sich für viele Beschäftigte stellt, die jetzt noch mit Stolz sagen, direkt bei Mercedes angestellt zu sein und von den Strukturen eines großen Konzerns - unter anderem einer starken Arbeitnehmervertretung - profitieren.

Prompt kritisiert der Gesamtbetriebsrat die Pläne des Managements als "Schlag ins Gesicht" der Mitarbeiter. "Nach Jahren des Verzichts und damit einhergehend zahlreicher Zugeständnisse seitens der Beschäftigten sind die Niederlassungen profitabel und leisten ihren Beitrag zum Konzernergebnis", teilte Betriebsratschef Ergun Lümali mit. Die Pläne seien weder akzeptabel noch nachvollziehbar. Gerade in Zeiten der Transformation bräuchten die Beschäftigten Rückhalt, Konstanz und Zuversicht. "Wir werden alles dafür tun, damit die Beschäftigten langfristige Garantien erhalten", sagte er. Sollte dies in Gesprächen mit dem Unternehmen nicht auf fruchtbaren Boden fallen, werde man Widerstand leisten.

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