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Corona-Krise:Spohr schockiert die Lufthansa-Mitarbeiter

Lufthansa in Zeiten der Corona Pandemie. Duestere Zeiten fuer die Luftfahrt. Archivfoto: Carsten SPOHR, Vorstandsvorsitz

Lufthansa hat nur noch ein "Zeitfenster" von 18 Monaten, um wirtschaftlich wieder auf eigenen Beinen zu stehen, sagt Carsten Spohr.

(Foto: Sven Simon/imago images)

Tausende Arbeitsplätze zusätzlich sind bedroht, die Umsätze vor Corona kommen vielleicht nie wieder: Der Lufthansa-Chef hat intern die schlimme Lage des Konzerns geschildert.

Von Jens Flottau, Frankfurt

In den Anfängen der Corona-Pandemie war Lufthansa-Chef Carsten Spohr noch hoffnungsvoll, dass es sich um eine zwar extrem heftige, aber relativ kurze Krise handeln würde. Bis Jahresende würde die Zahl der Passagiere - hoffentlich - wieder auf 50 Prozent des Niveaus von 2019 zurückkehren, im Sommer 2021 dann sogar auf drei Viertel, spätestens 2023 dann wieder zur alten Menge. Und Lufthansa würde im Vergleich zu anderen gestärkt aus der Krise hervorgehen.

Dem anfänglichen Optimismus ist längst Ernüchterung gewichen. Den Mitarbeitern präsentierte Spohr bei einer internen Veranstaltung der Reihe "Offen gesagt" Prognosen, die die schon in den vergangenen Monaten leidgeprüften Lufthanseaten in einen Schockzustand versetzt haben: Es sei fraglich, ob Lufthansa jemals wieder die Umsätze der Jahre 2017 bis 2019 erreichen könne. Statt wie bislang geplant 22 000 Arbeitsplätze müssten eher 28 000 gestrichen werden. Kündigungen werde es auch bei den Piloten geben, im ersten Quartal 2021 bei Germanwings, im vierten Quartal 2021 dann bei Lufthansa selbst. Insgesamt werde jeder fünfte, vielleicht sogar jeder vierte Mitarbeiter das Unternehmen verlassen müssen.

Das Hauptproblem ist: Wegen der vielen Reiserestriktionen erholt sich der Luftverkehr viel langsamer als erhofft. Insgesamt ist die Zahl der täglich angebotenen Flüge laut Statistiken der Flugsicherungsbehörde Eurocontrol derzeit sogar wieder rückläufig. Appelle der Branche, die Quarantäne-Regeln durch Massentests auf das Coronavirus zu ersetzen, verhallen bislang ungehört. Im Oktober will Deutschland die Quarantäne-Bestimmungen sogar wieder generell für Reisende aus Risikoländern ausweiten.

Die Vorbuchungen für Oktober liegen mehr als 90 Prozent unter Vorjahr

Bei Lufthansa führt dies zu einer katastrophalen Buchungslage. Im September bietet sie weniger als ein Drittel der Vorjahreskapazität an und kommt dabei Spohrs Prognose zufolge auf weniger als 20 Prozent der Passagiere. Im Oktober hätten die Quarantäne-Richtlinien die Buchungen auf weniger als zehn Prozent des Vorjahresniveau einbrechen lassen. Die für Lufthansa so wichtige Langstrecke findet weiterhin so gut wie nicht statt. Weil normalerweise viele Interkontinentalpassagiere auf Kurzstrecken umsteigen, fehlt allein deswegen dort schon 50 Prozent der Nachfrage. Spohr sagte seinen Leuten, am Jahresende werde die Nachfrage hoffentlich auf ein Viertel des alten Niveaus steigen.

Die finanziellen Folgen sind ebenfalls dramatisch. Lufthansa verliert derzeit rund 500 Millionen Euro pro Monat. Obwohl der Konzern bereits neun Milliarden Euro an Staatshilfen bekommen hat, hat er laut Spohr nur noch ein "Zeitfenster" von 18 Monaten, um wirtschaftlich wieder auf eigenen Beinen zu stehen.

In der kommenden Woche sollen, nach Treffen mit dem Aufsichtsrat am Montag und Dienstag, Entscheidungen fallen. Die künftige Strategie habe, so Spohr, drei Teile: die "Renew" genannte Neuaufstellung des Unternehmens, Kundenfokus und Nachhaltigkeit.

Weitere Teilflotten werden voraussichtlich ausgemustert. Bei Lufthansa selbst sind dies die viermotorigen Langstreckenjets des Typs Airbus A340, die Boeing 747-400 und womöglich auch der Riesen-Jet Airbus A380. Bleiben dürfen von den viermotorigen Großraumjets voraussichtlich nur die neueren 747-8. Teilweise werden die Maschinen von der neuen Boeing 777X ersetzt, die von Mitte 2022 an ausgeliefert werden sollen. Mit Airbus verhandelt Lufthansa Spohr zufolge darüber, kleinere Langstreckenmaschinen vom Typ A350 früher zu übernehmen. Insgesamt müsse die Flotte um deutlich mehr als die bislang geplanten 100 Jets reduziert werden.

Um die Staatshilfen zurückzuzahlen, werden Unternehmensteile verkauft. Noch im September will Lufthansa das Europageschäft der Cateringfirma LSG Sky Chefs abstoßen, der Rest der Tochtergesellschaft soll bald danach folgen. Auch für den Finanzdienstleister Lufthansa Airplus wird ein neuer Eigentümer gesucht, zudem ein Investor, der einen Minderheitenanteil an der Wartungssparte Lufthansa Technik kauft.

Die Zahl der Flugbetriebe in Deutschland soll stark reduziert werden. Übrig bleiben werden nur Lufthansa, die Regionaltochter Lufthansa Cityline, Eurowings, Lufthansa Cargo und Ocean, das ist der neue Ableger für Touristikverkehr auf der Langstrecke. Denkbar, dass die Frachtsparte in den Hauptflugbetrieb Lufthansa Passage integriert wird. Germanwings, Sun Express Deutschland und einige Sparten von Eurowings verschwinden.

Für großen Ärger sorgt intern die neue Tochter Ocean. Vor allem die Piloten kritisieren, dass einerseits Arbeitsplätze gestrichen werden, während bei Ocean Stellen zu schlechteren Bedingungen geschaffen würden. Spohr machte deutlich, dass er das Thema für "überbewertet" hält. Überhaupt zeigte er sich enttäuscht, dass nach den Staatshilfen kein Ruck durch das Unternehmen gegangen und es nicht gelungen sei, sich mit den Gewerkschaften schnell auf Krisen-Pakete zu einigen. Angesprochen waren damit die Vereinigung Cockpit sowie Verdi. Die Flugbegleitergewerkschaft UFO hat mit Lufthansa einen Abschluss gefunden.

© SZ
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