Lufthansa:Lufthansas Argumentation bei den Ticketpreisen ist scheinheilig

Lufthansa

Lufthansa-Maschinen am Flughafen in München.

(Foto: AFP)

Das Buchungssystem ist schuld: So erklärt Lufthansa die rasant steigenden Flugpreise. Die Erklärung könnte auch aus einem Science-Fiction-Film stammen.

Kommentar von Ulrich Schäfer

Wenn in einem Unternehmen etwas schiefläuft und Kunden erzürnt sind, hört man seit einiger Zeit eine Erklärung, die es früher nicht gab: Der Algorithmus war's! Er habe das Malheur zu verantworten - und nicht leibhaftige Manager. Es ist dies eine seltsame Form der Ausflucht.

Der Algorithmus war angeblich schuld, dass American Airlines viel zu vielen Piloten über Weihnachten freigegeben hat und nun Tausende Flüge ausfallen müssen. Der Algorithmus war auch schuld, dass auf der neuen Strecke der Bahn zwischen München und Berlin mehrere ICEs von der automatischen Zugsteuerung ausgebremst wurden. Und auch bei de Lufthansa wurde ein Algorithmus im Buchungssystem dafür verantwortlich gemacht, dass nach der Pleite von Air Berlin die Ticketpreise plötzlich stiegen.

All das erinnert an Erklärungsversuche, wie man sie aus dem Science-Fiction-Film "Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft" kennt. In dieser Komödie entwickelt ein exzentrischer Wissenschaftler namens Wayne Szalinski ein Gerät, mit dem sich Gegenstände verkleinern lassen. Dummerweise schrumpft seine Wundermaschine irgendwann auch seine Kinder auf wenige Millimeter. Doch zum Schluss schafft es Szalinski, die Kinder wieder auf Normalmaß zu vergrößern.

Auch das automatische Buchungssystem der Lufthansa funktioniert wie solch eine Wundermaschine: Es vermag die Preise zu schrumpfen, wenn der Kunde früh genug bucht. Es vermag die Preise aber auch zu erhöhen, wenn die Nachfrage besonders schnell steigt. Dann werden die billigeren Buchungsklassen schneller geschlossen, dort Plätze gestrichen und den Kunden stattdessen Tickets aus einer höheren Preisklasse angeboten.

Wie die Gemüsehändler

Insofern ist es ziemlich scheinheilig, wenn die Lufthansa nun behauptet, sie habe die Preise nach der Pleite von Air Berlin nicht erhöht. Ehrlich wäre gewesen: Sie hat den Algorithmus nicht verändert. Aber das war auch nicht nötig, denn tatsächlich hat die Lufthansa ja irgendwann mal ein Preissystem beschlossen und in eine Software umsetzen lassen, welches genau diesen Effekt hat: dass die Preise steigen, wenn ein Wettbewerber vom Markt verschwindet und sich deshalb die Nachfrage erhöht.

Die Airline agiert also nicht viel anders als ein Gemüsehändler, der weiß: Sollte der einzige andere Gemüsestand auf dem Wochenmarkt verschwinden, kann er die Preise um zehn oder 20 Prozent erhöhen, weil alle Kunden nur noch bei ihm kaufen können. Solche Denkmuster lassen sich auch in eine Software übertragen.

Von Wucher war die Rede

Die EU-Kommission in Brüssel allerdings hat dieses Spiel durchschaut, welches ja nicht bloß die Lufthansa betreibt, sondern nahezu jede andere Fluggesellschaft. Wettbewerbskommissarin Margrethe Vestager war von Beginn an sehr skeptisch, als die größte deutsche Airline ankündigte, sie wolle große Teile von Air Berlin übernehmen. Das gefährde den Wettbewerb, warnte Vestager. Es war sogar von möglichem Wucher die Rede. Wenig später kündigte auch das Bundeskartellamt an, es werde das Preissystem der Lufthansa untersuchen.

Man hätte also bei der Lufthansa gewarnt sein müssen. Und auch diejenigen, die damit beschäftigt waren, die Reste von Air Berlin abzuwickeln, hätten wissen müssen, dass ihr Plan, bedeutende Teile der Airline an die Lufthansa zu verkaufen und nicht an andere, höchst riskant ist. Doch sehenden Auges verständigten sich im Oktober alle Beteiligten auf dieses Projekt, auch die Gläubiger von Air Berlin stimmten zu, weil die Lufthansa den höchsten Preis geboten hatte, insgesamt 200 Millionen Euro.

Das Geld der Regierung ist wohl weg

Die Gläubiger werden das Geld aber nicht zu sehen bekommen, es wird nicht fließen, nachdem die Lufthansa überraschend vom Kauf zurückgetreten ist. Und das bekommt auch die Bundesregierung zu spüren: Sie wird nun wohl nur einen Teil jener 150 Millionen Euro zurückbekommen, die sie im Sommer Air Berlin geliehen hatte, damit diese den Flugbetrieb aufrechterhalten konnte.

Dieses Desaster war nicht nur vorhersehbar, sondern vermeidbar. Es hätte vermieden werden können, wenn im Oktober nicht die Lufthansa, sondern ein anderer Bieter den Zuschlag für Niki erhalten hätte. Und es hätte bis zuletzt vermieden werden können, wenn die Lufthansa gegenüber Brüssel zu größeren Zugeständnissen bereit gewesen wäre, etwa der Abgabe von mehr Slots und Strecken, anstatt komplett auszusteigen.

Nun aber ist alles geplatzt, die österreichische Airline Niki hat sofort den Flugbetrieb einstellen müssen, Tausende Passagiere sitzen an ihren Urlaubszielen fest. Und Kollege Algorithmus hat einen weiteren Grund, die Ticketpreise zu erhöhen.

© SZ vom 15.12.2017/been
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