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Flugtaxis:Lilium geht an die Börse und startet Serienmodell

Schon 2025 sollen die Lilium-Jets regulär als Flugtaxis eingesetzt werden.

(Foto: oh)

Das Münchner Unternehmen fusioniert mit der Qell Aquisition Corporation - und plant kommerzielle Flüge im Jahr 2024.

Von Jens Flottau, Frankfurt

Das Münchner Flugtaxi-Unternehmen Lilium geht über eine Fusion mit einer sogenannten Special Purpose Acquisition Company (SPAC) an die Börse. Damit besorgt es sich nach eigenen Angaben genügend Geld, um ein größeres Serienmodell zulassen und produzieren zu können. Lilium rechnet durch die Transaktion mit Einnahmen von rund 830 Millionen Dollar, die Aktie wird an der Technologiebörse Nasdaq gehandelt. Die bisherigen Investoren werden ihre Anteile in die neue Firma einbringen, die unter dem Namen Lilium geführt wird.

Mit dem Börsengang und früheren Finanzierungsrunden hat das Start-up mit Firmensitz am Flughafen Oberpfaffenhofen mehr als eine Milliarde Dollar von Investoren eingesammelt. Den Plänen zufolge wird Lilium mit der Qell Acquisition Corporation fusionieren, die vom ehemaligen General-Motors-Manager Barry Engle geführt wird. Zu den Investoren gehören unter anderem die Investmentfirma Baillie Gifford, der Infrastrukturkonzern Ferrovial, die Liechtensteiner Privatbank LGT, Palantir sowie Fonds von Blackrock und Tencent. Die vier Lilium-Gründer rund um Vorstandschef Daniel Wiegand werden rund ein Drittel der Anteile halten.

Die Branche für elektrische Flugtaxis wird derzeit geradezu überschwemmt von Risikokapital, und SPACs haben sich als besonders beliebter Weg erwiesen. Alleine in den vergangenen Wochen haben sich Archer und Joby Aviation, zwei amerikanische Lilium-Konkurrenten, auf ähnlichem Weg 1,1 respektive 1,6 Milliarden Dollar besorgt. Die Unternehmen wurden dabei mit 3,8 und 6,6 Milliarden Dollar bewertet, Lilium kommt demnach auf 3,3 Milliarden.

Fliegen zum Taxipreis

Mit dem Geld will Lilium nun ein deutlich größeres Flugtaxi zulassen, als bislang bekannt. Das Start-up plant, bis 2024 ein siebensitziges Fluggerät entwickelt zu haben, das auf eine Reichweite von mehr als 250 Kilometern kommt. Anders als die meisten anderen Anbieter in dem Sektor setzt Lilium nicht in erster Linie auf innerstädtischen Verkehr, also Urban Air Mobility (UAM), sondern auf Regionalstrecken. Geschäftsreisende könnten dann auch in Gegenden, die durch Hochgeschwindigkeitstrassen der Bahn oder Autobahnen schlecht erschlossen sind, schnell anreisen. Wiegand hatte Kosten pro Flugkilometer in Aussicht gestellt, die nicht über denen eines Taxis liegen würden.

Lilium hat bislang zwei fünfsitzige Prototypen gebaut und Testflüge absolviert. Eines der beiden Testgeräte brannte 2020 bei einem Unfall ab. Der Lilium Jet wird von 36 kleinen Motoren angetrieben, die an Vorflügel und Tragflächen montiert und schwenkbar sind, um senkrechte Starts und Landungen zu ermöglichen.

Das Konzept ist umstritten

In Teilen der Wissenschaft gibt es starke Vorbehalte gegen das Konzept. Mirko Hornung, Professor für Luftfahrtsysteme an der Technischen Universität München, hebt hervor, es sei "extrem schwierig", gleichzeitig viel Schub für den Senkrechtstart und hohe Effizienz für den Reiseflug zu erreichen. Auch weiterentwickelte Batterien kämen nicht auf die Energiedichte, um die von Lilium angestrebte Reichweite zu ermöglichen. Ein weiteres Problem sei es wegen der hohen Strahlgeschwindigkeit, den Lärm auf für die Bevölkerung akzeptablem Niveau zu begrenzen.

Quell-Gründer Engle betonte hingegen, er habe zusammen mit Experten die technischen Grundlagen und Annahmen des Lilium Jet genau analysiert und sei zu dem Ergebnis gekommen, dass es sich um ein "wunderbares Produkt" handele. Quell habe sich mehr als 100 mögliche Firmen angeschaut, aber die Entscheidung sei wegen des überzeugenden Konzeptes auf Lilium gefallen. Der Börsengang wird laut Wiegand nach Ablauf eines Prüfungsverfahrens durch die Securities and Exchange Commission (SEC) in etwa drei Monaten stattfinden.

Laut Unternehmen soll der Lilium Jet bis zu 280 Stundenkilometer schnell sein und auf einer Höhe von 10 000 Fuß, also rund 3000 Meter, fliegen. Dazu sollen Lithium-Ionen-Batterien zum Einsatz kommen, die auf eine rund 30 Prozent höhere Energiedichte kommen als heute verfügbare. Das Serienmodell soll gut drei Tonnen wiegen und kommt damit an das Maximalgewicht heran, das die europäische Flugsicherheitsagentur European Union Aviation Safety Agency (EASA) erlaubt. Die Batterien alleine werden gut 900 Kilogramm wiegen, Passagiere und Gepäck maximal 700 Kilogramm. Der Erstflug der Serienversion soll Anfang 2023 stattfinden, gefolgt von Tests und Zulassungsverfahren bis etwa Ende 2024.

Zulassung in drei Jahren

Lilium zufolge soll das Fluggerät schon in drei Jahren zugelassen und dann sowohl in Deutschland als auch in den USA kommerziell eingesetzt werden. Das Konzept sieht vor, dass das Unternehmen Entwicklung und Endmontage übernimmt. Komponenten wie Rumpf und Tragflächen, die beide aus Faserverbundwerkstoffen gefertigt sind, werden zugeliefert. Ähnlich wie die Taxi-Alternative Uber betreibt das Start-up auch die Plattform, bei der die Kunden Flüge buchen können. Die Flüge finden ebenfalls unter der Marke Lilium statt, allerdings sollen sie von Partnerfirmen durchgeführt werden. Der Lilium Jet soll von einem Piloten gesteuert werden.

Investor Ferrovial ist gleichzeitig auch eines der Unternehmen, mit denen Lilium an der Bodeninfrastruktur arbeitet. Die Lilium Jets sollen auf sogenannten "Vertiports" landen, Kleinstflughäfen, die im Wesentlichen aus einem kleinen Vorfeld für Starts und Landungen sowie einem Terminal bestehen.

© SZ/kut
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