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Programmieren mit Low Code:Apps aus dem Baukasten

Programmierkurs

Eine Frau in einem Programmier-Kurs. Low-Code-Plattformen wollen den Coding-Prozess radikal vereinfachen.

(Foto: Britta Pedersen/dpa)

Low-Code-Plattformen wollen das Software-Schreiben schneller machen - für Laien, aber auch für Profis. Sie ermöglichen es, Apps mit der Maus zusammenzuklicken. Das begeistert aber nicht alle.

"Do it yourself" ist ein tolles Prinzip, wenn es darum geht, sich handwerklich zu betätigen. Bei Software ist es eher schwierig, etwas selber zu machen. Einer der Anbieter, die das ermöglichen wollen, ist Mendix. Das Unternehmen mit Sitz in Boston hat eine cloudbasierte Plattform entwickelt für Profis und Menschen, die es mit der Technik nicht so haben, aber schnelle Lösungen brauchen - Anwendungen zum Selbermachen.

Das Prinzip dahinter heißt in der Fachsprache Low-Code, ein milliardenschwerer Markt, auf dem Mendix ganz vorn mit Salesforce, ServiceNow, OutSystems und Appian konkurriert. Vereinfacht gesagt, schreiben die Entwickler dabei keine einzelnen Code-Zeilen als Programmierbefehle, sondern nutzen standardisierte Softwarebausteine, die sie visuell modellieren.

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Auf der Plattform von Mendix etwa können Kunden eigene Apps entwickeln. Dafür gibt es zwei Versionen: "Studio" für Menschen ohne Programmier-Erfahrung, "Studio Pro" für Professionelle. In einzelnen Schritten führen die beiden Systeme durch die Entwicklung: Welche Frage soll sich dem App-Nutzer stellen? Welche Daten muss er eingeben? Was folgt daraus, wenn der Nutzer "Ja" antwortet; wohin wird er weitergeführt, wenn er "Nein" antwortet? Die einzelnen Punkte zieht und platziert man als Kästchen mit der Maus und ordnet sie wie einen Baum, der sich weiter verzweigt, auf einer Fläche an.

Ein Assistent auf Basis künstlicher Intelligenz schlägt vor, welcher Schritt als nächster kommen könnte - das Unternehmen verspricht eine Trefferquote von 90 Prozent. Im App-Store können die Low-Coder Anwendungen einbinden wie etwa Google Maps, oder eigene sogenannte Widgets erstellen. Das Endergebnis wird entweder in der kundeneigenen Cloud oder der Mendix-Cloud bereitgestellt. Die Vorteile der Methode: geringere Kosten, geringerer Personaleinsatz, schnellere Ergebnisse.

Das Ökosystem vom Mendix sei ein Netzwerk, an dem über die tausend Mitarbeiter hinaus weltweit mehr als 100 000 Entwickler und Partner wie IBM und SAP mitwirken, erklärt Gründer und CEO Derek Roos. Die Plattform selbst ist zwar kommerziell, aber "offen im Sinne dessen, dass Jeder etwas beitragen kann" - Basis ist die Open Source-Plattform Cloud Foundry.

Der Niederländer hat das Unternehmen zusammen mit Derckjan Kruit aufgebaut, weil - wie so häufig bei Gründern - er selbst frustrierende Erfahrungen mit Software-Entwicklung gemacht hat. Programmierer arbeiteten oft nach alter Schule: sie coden das, was der Kunde sagt. Der Kunde aber, meist IT-Laie, wusste nicht genau, was er braucht oder was überhaupt möglich ist. Zudem dauerte es oft Monate, bis ein Ergebnis präsentiert wurde.

Von der Idee zur App in wenigen Schritten

Roos sagt, die Low-code-Methode sei zehnmal schneller als die herkömmliche Art. "Wenn Du eine Idee fast sofort in eine App umwandeln kannst, fast so, als würdest du ein Bild malen - dann können Kunden sagen: Das ist es, was ich will oder eben nicht." Das alles heißt aber nicht, dass nun jedes Kreativ-Team fern von der IT ein kleines Programm erarbeiten sollte. Gerade für große Unternehmen mit einer großen technischen Infrastruktur ist es schon aus Sicherheitsgründen enorm wichtig, neue Systeme und Programme zu integrieren.

Low-Code-Kritiker befürchten, dass bei diesem Ansatz keine skalierbaren oder wirklich geschäftsentscheidenden Anwendungen herauskommen. Roos erklärt, der Ansatz solle nicht dazu dienen, Software-Experten zu ersetzen, sondern die Zusammenarbeit mit ihnen zu fördern: Professionelle IT-Leute liefern das Technische, Low-Coder das Logisch-Thematische. Für letzteres reiche es, wenn man den bildlichen Aufbau versteht und das Prinzip "Drag and Drop" beherrscht. So seien Roos' Ansprechpartner für eine Zusammenarbeit die IT- und Digital-Verantwortlichen in Unternehmen. Nach Firmenangaben arbeiten bereits 4000 Kunden mit der Plattform.

Roos und Kruit hatten ihr Unternehmen 2005 in Rotterdam gegründet. In den ersten Jahren sei man fast allein auf dem Markt gewesen. Das Konzept habe "zu gut, um wahr zu sein" geklungen, die Suche nach Investoren und Kunden sei daher schwierig gewesen. Erst nach sechs Jahren habe das Geschäft Fahrt aufgenommen.

Zu dem Zeitpunkt machten die Gründer den Schritt über den Atlantik an die amerikanische Westküste. "Das Cloud-Business ist global und wenn Du die Nummer 1 in einem globalen Markt sein willst, musst Du in den USA sein", so Roos. Boston als Standort belege einen guten zweiten Platz nach dem Silicon Valley: Universitäten wie das MIT, Harvard und Yale in der Nähe, nur sechs Stunden Zeitunterschied zu Europa.

2018 dann stieg ein Branchenriese ein: Der IT-Konzern Siemens zahlte 730 Millionen Dollar (600 Millionen Euro) für die Übernahme von Mendix. Damit möchte das deutsche Unternehmen Industriekunden ermöglichen, schnellere Anwendungen für die vernetzte Fabrik, das Internet of Things, zu entwickeln.

Intern hat sich dadurch nicht viel geändert, das Team arbeitet weiter relativ unabhängig von der deutschen Mutter. Das Geschäft sei aber erheblich gewachsen, so Roos: "Wir gelangen nun in Märkte, in die wir zuvor nie gekommen sind." Zudem ist das Unternehmen finanziell abgesichert und kann sich darauf konzentrieren, weiter zu skalieren: mehr Mitarbeiter, neue Standorte.

© SZ vom 29.04.2020
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