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Konzerne:Gefährliche Konzentration der Macht

Marktmacht treibt für Kunden meist die Preise hoch. Sie kann Innovationen und Investitionen bremsen und damit die ganze Volkswirtschaft. Und sie kann durch Riesengewinne die Ungleichheit verstärken.

(Foto: AFP)

In den USA gibt es einen Trend zu Monopolen, auch außerhalb der Techindustrie. Europa darf die Warnzeichen nicht übersehen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg zeigten sich Ökonomen und Politiker relativ einig: Die Kartelle und Monopole, die sich in den 1920er- und 1930er-Jahren in vielen Ländern ausbreiteten, waren verheerend. Wirtschaftlich sowieso, in Deutschland aber auch politisch, weil mächtige Unternehmen den Aufstieg Adolf Hitlers förderten. Das Mantra der Nachkriegsära lautete Wettbewerb. In Deutschland wie in den USA entstanden starke Gesetze und Behörden, um die Konkurrenz zu fördern und die Macht der Unternehmen zu beschränken.

Genau diese historische Einsicht wird heute ignoriert, argumentiert der US-Jurist Tim Wu in seinem Buch "Der Fluch der Größe". In den Vereinigten Staaten werde der Anti Merger Act von 1950 seit Dekaden durch Ideologie, Firmenlobby und zögerliche Behörden durchlöchert: "Wir erlauben leichtsinnig globale Monopole und Oligopole in der Finanz- und Medienbranche, im Luftverkehr und der Telekommunikation, ganz zu schweigen von der wachsenden Größe digitaler Plattformen."

Entsteht da ein gefährlicher Trend? Diese These ist es wert, diskutiert zu werden, denn es steht für die Menschen viel auf dem Spiel. Marktmacht treibt für Kunden meist die Preise hoch. Sie kann Innovationen und Investitionen bremsen und damit die ganze Volkswirtschaft. Und sie kann durch Riesengewinne die Ungleichheit verstärken und politischen Einfluss gewähren, der zulasten der Allgemeinheit geht.

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Die Dominanz der Internetkonzerne wird schon länger beklagt. Google beherrscht Suchmaschinen, Facebook soziale Medien, Amazon zunehmend den Handel. Plattformen profitieren vom Netzwerkeffekt: Je mehr Menschen auf Whatsapp oder Facebook sind, desto attraktiver wird es für andere, auch dort zu sein, was Konkurrenzangebote zurückdrängt. Wettbewerbshütern fehlt darauf noch eine schlüssige Antwort. Ebenso auf die Frage, ob ein riesiger Datenschatz Konzernen Vorteile verschafft, die Rivalen kaum mehr einholen können.

Bei vielen Produkten kontrollieren die zwei größten Anbieter das Geschäft

Neu ist, dass gerade in den USA auch außerhalb des Digitalen ein Monopoltrend konstatiert wird. So verdoppelten die vier größten Handelskonzerne in den vergangenen Jahrzehnten ihren Marktanteil. Bei so unterschiedlichen Produkten wie Zigaretten, Baumaterial, Medikamenten oder Lastern kontrollieren die zwei größten Anbieter inzwischen 60 bis 80 Prozent des Geschäfts, stellt das Open Markets Institute fest. Waren früher kleine Betriebe die größten Arbeitgeber im Land, sind es heute Firmen mit mehr als zehntausend Stellen.

Was sich da womöglich weltweit anbahnt, beschäftigt inzwischen auch den Internationalen Währungsfonds (IWF). "Die Menschen sorgen sich, für das träge Wirtschaftswachstum und die zunehmende Ungleichheit könnte die Macht großer Firmen verantwortlich sein", schreiben die Washingtoner Ökonomen. Sie untersuchten, welche Gewinnmarge knapp eine Million Unternehmen in 27 Staaten auf ihre Herstellungskosten aufschlagen.

In den Industriestaaten nahm die Marge seit der Jahrtausendwende um acht Prozent zu, besonders stark bei Dienstleistern und beim Einsatz digitaler Technologie. Der IWF stellt fest, dass diese Marktmacht den Anteil der Löhne am volkswirtschaftlichen Kuchen drückt - zugunsten der Gewinne. Und: Wer Profite durch hohe Preise steigern kann, interessiert sich weniger für Umsatz. Er reduziert deshalb Investitionen - schlecht fürs Wirtschaftswachstum.

In Europa zeichnet sich noch keine solche Monopolisierung ab wie in den USA

Der IWF kommt zu dem Schluss, dass die ökonomischen Schäden derzeit noch relativ beschränkt sind. "Wenn die zunehmende Marktmacht der Unternehmen nicht begrenzt wird, könnte sie dem Wachstum und den Löhnen aber künftig mehr schaden", mahnt die Organisation.

Wichtig erscheint, bei dem Thema zu differenzieren. In Europa zeichnet sich noch keine solche Monopolisierung ab wie in den USA, was maßgeblich am härteren Auftreten der Kartellbehörden liegen dürfte. "In Deutschland ist kein allgemeiner Trend zur Marktmacht erkennbar", befindet Justus Haucap, ehemals Vorsitzender der Monopolkommission. Auch der IWF sieht Unterschiede zwischen den Weltregionen. So verbuchen Firmen in Schwellenländern kaum höhere Gewinnmargen als früher. US-Unternehmen dagegen schlagen sogar doppelt so hohe Margen auf wie im Durchschnitt der Industriestaaten.

Kein Wunder, dass in den USA die Sorgen bereits deutlich größer sind als anderswo. Laut Tim Wu von der New Yorker Columbia University nimmt die Konzentration in drei Viertel aller Branchen zu. Die Platzhirsche verändern offenbar die Wirtschaftsstruktur: Sie schrecken Existenzgründer ab. Der Anteil der Firmen, die jünger als ein Jahr sind, hat sich halbiert. "Die neuen Giganten sind gut für ihre Manager und Großaktionäre, aber schlecht für fast alle anderen", bilanziert der Kolumnist Dave Leonhardt in der New York Times. Er warnt, dass die Riesenkonzerne ihre beträchtlichen Ressourcen einsetzen, um die Politik in ihrem Sinne zu beeinflussen.